Colin Powell Der Rücktritt einer tragischen Figur

Colin Powell ist ein wunderbarer Mann. Er kann reden wie wenige, mit seiner einschmeichelnden Stimme und seinem tiefen Ernst fesselt er Zuhörer, ob er nun über Aids oder den Irak erzählt. Man fühlt sich wohl in seiner Gegenwart, man denkt, die Welt ist in guten Händen. Nun muss der US-Außenminister abtreten - als Gescheiterter.

Von , Washington


Colin Powell: Sein Rücktritt schien schon lange fällig
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Colin Powell: Sein Rücktritt schien schon lange fällig

Washington - Im Umkreis der harten Machtpolitiker und neokonservativen Weltverbesserer war Powell die Stimme der Vernunft, des Ausgleichs, der Hoffnung, das alles schon nicht so schlimm kommen würde, wie es aussah. Die Europäer haben sich an ihn gehalten, die Traditionalisten der amerikanischen Außenpolitik haben auf ihn gesetzt. Er war der Mittler, der Diplomat im Chor der Kompromisslosen.

Aber die Nationalisten und die Weltverbesserer, die im Krieg ein Mittel zur Veränderung sehen - sie bilden im Kabinett Bush und im Amerika nach dem 11. September 2001 eine Mehrheit. Und deshalb entwickelte sich Colin Powell zur tragischen Figur.

Sein Rücktritt schien, gemessen an den Erwartungen, die er weckte und die in ihn gesetzt waren, lange schon fällig. Er vollzieht ihn jetzt auf die ihm angemessene Weise: ohne großes Aufsehen, ohne Affront gegen seine Peiniger im Kabinett Bush, als Folgerichtigkeit nach getaner Pflicht, aber nicht als grandiose politische Geste.

Der Präsident brauchte und benutzte Powell, und der ließ sich gebrauchen und benutzen. Seine finsterste Stunde kam, als er im Januar 2003 vor die Vereinten Nationen trat und die Anklage gegen Saddam Hussein vertrat: mit einer Mischung aus Schein-Beweisen und falschen Indizien, wie sich später herausstellte. Dass Powell - hinter ihm saß CIA-Chef George Tenet als verkörperte Bekräftigung der Stichhaltigkeit seines Materials - den Fall aufmachen durfte, zeigte seine Bedeutung für Bush: Niemandem traute die Welt mehr als Powell. Niemand besaß soviel Sprachgewalt und soviel Vertrauen. Wen sonst hätte Bush vor dieses Forum schicken sollen? Donald Rumsfeld? Condoleezza Rice? Paul Wolfowitz?

Als George W. Bush 2001 zum ersten Mal gewählt wurde, war Powell ein amerikanischer Held, wie es keinen zweiten gibt. Der erste Golfkrieg machte ihn zur überragenden Figur. In Vergessenheit geriet, dass er auch diesen Krieg nicht wollte. Danach schied Powell aus der Politik aus, in der sich der General mehr als 30 Jahre getummelt hatte. Er schrieb seine Memoiren, er reiste, er hielt Vorträge, er wurde zum vielfachen Millionär. Damals dachte Amerika, er habe das Zeug zum Präsidenten. Powell erwog anzutreten, er verzichtete darauf. Das ist ebenso verständlich wie prototypisch: Dieser Mann setzt sich nicht aufs Spiel.

Bush machte ihn 2001 zum Außenminister. Er hatte aber auch Bedenken, dass ihn dieser erste schwarze Secretary of State, der zur überlebensgroßen Inkarnation von Erfolg und Umsicht geworden war, überschatten würde. Richard Cheney kam damals, so geht die glaubhafte Legende, der rettende Einfall, und so erlebte ein anderer Veteran, der viele Millionen Dollar jenseits der Politik verdient hatte, seine Wiederkehr: Donald Rumsfeld.

Daraus entstand eine Konstellation, wie sie nur in Amerika möglich ist: Drei Großkönner des Gewerbes und drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können standen gegeneinander: Cheney, der Einflüsterer im Weißen Haus; Rumsfeld, der härteste Machtpolitiker seit Generationen; Powell, der geschmeidige Diplomat und Bürokrat.

Cheney und Rumsfeld bilden seit 35 Jahren ein Tandem. Cheney sei von einer Art Fieber ergriffen, erzählt Bob Woodward in seinem Buch "Plan of Attack", für das Powell viel Stoff lieferte. Die neokonservative Kamarilla im Pentagon hieß im Außenministerium nur "Gestapo".

Powell bildete die erlesene abweichende Meinung in der Regierung. Er bezweifelte die Weisheit, die darin liegen sollte, gegen den Irak Krieg zu führen. Er war skeptisch, ob eine geringe Truppenzahl so klug und progressiv sein konnte, wie Rumsfeld und die anderen behaupteten. Alles widersprach der Powell-Doktrin, die das Militär teilte, sofern es ähnlich wie der Außenminister geprägt war vom Vietnam-Krieg.

Nach dieser Doktrin darf Amerika Kriege führen unter drei Bedingungen: große Überlegenheit nach Quantität wie Qualität; exakte politische Ziele inklusive Strategie für den Rückzug; politischer und moralischer Rückhalt im eigenen Land.

Kleine hypothetische Frage: Wie sähe die Lage im Irak eigentlich heute aus, wäre der Krieg nach der Powell-Doktrin geführt worden?

Seine Skepsis und seine Zweifel veranlassten Powell nicht dazu, den Rücktritt einzureichen. Zum richtigen Zeitpunkt, etwa vor dem Irak-Krieg hätte er damit einiges bewirken können. Er hätte vielleicht sogar zurücktreten müssen, als nicht länger zu leugnen war, dass der Auftritt vor der Uno ein Desaster war.

Er ließ oft genug das Gerücht streuen, er sei im Überlegen begriffen, ob er sich die Demütigungen Rumsfelds und Cheneys und der CIA weiterhin antun sollte. Er sagte dann wieder, er bleibe so lange, wie er Einfluss auf den Präsidenten habe.

Warum brachte er die Konsequenz nicht früher auf? Warum ließ er es zu, dass seine Gloriole verblasste? Was hinderte ihn daran, den entscheidenden Schritt zu tun?

Bob Woodward gab in einem SPIEGEL-Interview die Antwort, die zur herrschenden Meinung gehört: Powell ist ein Soldat. Soldaten führen Befehle aus. Soldaten stellen ihre eigene Meinung zurück. Powell diente, wie es so schön in Amerika heißt, seinem Präsidenten zum Gefallen.

Eine plausible Erklärung, aber auch unbefriedigend. Powell ist der erste Außenminister der Weltmacht Amerika, der nicht weiß ist. Er ist kein Schwarzer aus dem Süden, er stammt von jamaikanischen Eltern ab und wuchs in der Bronx auf, nicht in Alabama wie seine Frau oder Condoleezza Rice.

Er lebte dennoch im Bewußtsein, dass er eine historische Rolle einnimmt, die er nicht so leicht preisgeben durfte. Das Bewusstsein der Besonderheit ließ ihn die Demütigungen ertragen. Und es machte ihn zur tragischen Figur.

Vier Jahre lang diente Colin Powell seinem Präsidenten zu dessen Gefallen. Jetzt geht er klaglos seiner Wege, seinem Präsidenten zum Gefallen.



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