Comeback als Nordkorea-Vermittler Clinton holt Kims Geiseln heim

Drama mit Happy End: Die US-Journalistinnen Lee und Ling sind aus dem nordkoreanischen Arbeitslager auf dem Weg nach Hause - Bill Clintons Vermittlungsreise war ein Erfolg. Offenbar sprach der Ex-Präsident mit Diktator Kim auch über den Atomkonflikt. Nun schlachtet das Regime den Blitzbesuch für Propaganda aus.

Es war Mittag in Kalifornien, der Heimat von Euna Lee und Laura Ling, als die erlösende Nachricht kam - vom anderen Ende der Welt. Staatschef Kim Jong Il, meldete Nordkoreas amtliche Nachrichtenagentur KCNA, habe "eine Sonderbegnadigung für die beiden amerikanischen Journalistinnen" verfügt.

Eigentlich waren sie nach "Paragraf 103 der Sozialistischen Verfassung zu harter Arbeit verurteilt" worden. Stattdessen wurden die beiden Frauen umgehend freigelassen und durften zurückfliegen - zusammen mit Ex-Präsident Bill Clinton, der am Dienstag überraschend zu einer Verhandlungsmission in Pjöngjang eingetroffen war . Er traf Despot Kim Jong Il, überbrachte laut den Nordkoreanern eine Entschuldigung im Namen der beiden Frauen (was er später dementieren ließ) und durfte sie schließlich mitnehmen.

Den beiden Frauen gehe es gut, teilten US-Regierungsvertreter mit. Ling und Lee seien enorm erleichtert. Der amtierende Präsident Barack Obama dankte seinem Vorgänger für die "sehr gute Arbeit" und rief die Familien der Reporterinnen an, um seine eigene Erleichterung auszudrücken. Mit der Begnadigung endete eine monatelange Odyssee für Lee und Ling - im März waren sie bei TV-Dreharbeiten an der chinesischen Grenze in nordkoreanische Haft geraten.

Das Ziel von Clintons Reise war nach Angaben eines US-Regierungsvertreters ausschließlich die Befreiung der beiden Reporterinnen des Senders Current TV, der seinem einstigem Vize Al Gore gehört. Die Nordkoreaner haben den Ex-Präsidenten nach US-Angaben angeblich als Unterhändler gewünscht, und er hatte bei seiner Befreiungsreise den Segen des Weißen Hauses - auch wenn Washington bis zuletzt auf Distanz ging, wohl, um den heiklen Auftrag nicht zu gefährden und das Regime von Kim Jong Il nicht zu sehr aufzuwerten. Dies sei eine "ausschließlich private Mission", sagte US-Regierungssprecher Robert Gibbs noch am Montagnachmittag.

"Ex-Präsident auf erster Mission für Obama", titelte dagegen die "New York Times" schon am frühen Morgen. Mit dabei im Reisetross: John Podesta, Clintons früherer Stabschef im Weißen Haus - und ein Vertrauter Obamas.

Nord- und Südkorea

Die Nordkoreaner haben nach US-Angaben schon vorher klargemacht, dass sie die Reporterinnen freilassen würden, wenn Clinton kommt. Die Aktion war lange vorab eingefädelt, seit Wochen, berichten Insider. "Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Clinton ohne eine Andeutung der Nordkoreaner auf eine Erfolgschance reisen würde", sagte Jim Walsh, ein Sicherheitsexperte am Massachusetts Institute für Technology.

Der Führung um Kim Jong Il ging es bei dem Besuch ganz offensichtlich vor allem um eine Aufwertung ihres Regimes und ein Signal gegen die internationale Isolation. Beide Seiten profitieren nun, beide Parteien können ihr Gesicht wahren. Die US-Regierung rettet zwei ihrer Staatsbürger vor dem Arbeitslager, die Nordkoreaner konnten den Besuch für Propagandazwecke ausschlachten.

Andere Vermittler als den prominenten Clinton hatten sie abgelehnt, wohl im Wissen um die Wirkung des Besuches. Die Nordkoreaner behandelten die Ankunft des Ex-Präsidenten wie einen Staatsbesuch und publizierten ihn dementsprechend, inklusive eines gemeinsamen Kameratermins mit Kim vor der obligatorischen Fototapete. Es war das erste Bild des greisen, vermutlich schwer kranken Diktators seit Wochen - offenbar bestreitet er auch interne Machtkämpfe damit.

Clinton wurde vor seiner Reise ausführlich von Barack Obamas sicherheitspolitischem Team gebrieft. Dass der frühere Präsident eine mündliche Botschaft des amtierenden an Diktator Kim Jong Il überbracht habe, wie es die Nordkoreaner meldeten - dieser Bericht wurde zwar vom Weißen Haus zurückgewiesen. Doch scheint Clinton in Nordkorea nicht nur über die Freilassung von Ling und Lee verhandelt, sondern zumindest vage auch über den Atomkonflikt gesprochen zu haben.

Schon am Flughafen wurden Clinton unter anderem vom stellvertretenden Parlamentssprecher Yang Hyong Sop sowie von Vize-Außenminister Kim Kye Gwan empfangen. Er ist der Chefunterhändler Nordkoreas bei den eingefrorenen Sechser-Gesprächen mit den USA, Russland, China, Japan und Südkorea. Und beim Abendessen mit Kim im Gästehaus der nordkoreanischen Führung wurde laut südkoreanischen Medien ein "breiter Fächer von Themen" beredet. Ein Vertreter der US-Regierung drückte es so aus: Clinton habe den Nordkoreanern klar gemacht, welch "positive Dinge" durch eine Freilassung der Reporterinnen "in Bewegung kommen könnten". Clinton habe dem Despoten vermutlich auch seine Sicht der Dinge zur nuklearen Abrüstung klargemacht. Man habe den Nordkoreanern aber vorher das Zugeständnis abgerungen, dass die Reise des Ex-Präsidenten nicht mit der Atomfrage verknüpft wird.

Experten haben lange vermutet, dass das stalinistische Nordkorea die beiden US-Journalistinnen als Faustpfand missbrauchen würde, um die USA an den Verhandlungstisch zurückzupressen. Tatsächlich haben sie nun einen Besuch von Clinton erreicht, der zu Propagandazwecken ausgeschlachtet werden kann - weshalb Obamas Regierung in der Nacht auch härtere Töne anschlug, um einen Kontrapunkt zu setzen.

Man bleibe dabei: Nordkorea drohe eine verschärfte Isolation, wenn es mit seinem provokativen Verhalten nicht aufhöre, sagte ein Vertreter der US-Regierung. Das sei die Wahl, vor der das Land nun stehe: weiter provozieren oder zu Verhandlungen über das Atomprogramm zurückkehren. Man werde jedenfalls den Kurs schärferer Sanktionen weiter verfolgen.

Die US-Regierung weiß, wie heikel der Besuch ist - Experten sind sich keineswegs einig, ob er das richtige Signal ist, und auch der politische Gegner poltert. John Bolton, unter Präsident George W. Bush US-Botschafter bei der Uno, sagte im Fernsehsender Fox News, Clinton habe Nordkorea für "übles Verhalten" belohnt. Andere "Schurkenstaaten" würden ganz genau beobachten, wie die USA mit Nordkorea umgingen und das kommunistische Regime mit einem solchen Besuch aufwerteten. Diktator Kim Jong Il habe eine "lebenslange Legitimation" für seinen Führungsanspruch bekommen. Die Reise sei nicht weit entfernt von der Bereitschaft, "mit Terroristen zu verhandeln". Eine "private Reise" sei das jedenfalls nicht gewesen, sagte Bolton der Kongresszeitung "The Hill": "Es gibt keine private Reise, wenn du ein ehemaliger Präsident bist und deine Frau US-Außenministerin."

Nordkoreas Atomprogramm

Schon einmal war ein Ex-Präsident der USA "privat" nach Pjöngjang gereist - Jimmy Carter fädelte im Jahr 1994 einen lange währenden Prozess der Annäherung ein. Damaliger US-Präsident: Clinton selbst. Das Signal jetzt ist ein Ähnliches wie damals. Letztlich kam Clinton "mit einer Botschaft Obamas, dass er die Beziehungen verbessern will", sagte Kim Myong Chol, Exekutivdirektor des Centre for Korean-American Peace, dem britischen "Guardian". "Ginge es nur um die zwei Journalistinnen, würde Nordkorea ihn nicht akzeptieren."

Bill Clinton hatte zum Ende seiner Amtszeit als Präsident gehofft, einer historischen Verständigung mit Nordkorea den Weg zu bahnen. Der letzte hochrangige US-Gesandte in Nordkorea war in seinem Auftrag im Oktober 2000 die damalige Außenministerin Madeleine Albright. Clinton wäre Ende 2000 fast selbst nach Pjöngjang gereist, verzichtete dann aber. Der Erfolg - eine Einstellung des nordkoreanischen Atomprogramms - schien ihm nicht gesichert. Die Entspannungspolitik gegenüber Kim endete dann spätestens 2002, als George W. Bush Nordkorea als Mitglied der "Achse des Bösen" benannte. Heute ist das Land neben Iran einer der gefährlichsten außenpolitischen Problemfälle für die Regierung Obama. Clintons angeblich privater Erfolg ist für die US-Regierung daher diplomatisch immens wichtig.

Für Clinton persönlich jedenfalls war die Reise ein sensationelles Comeback. Eigentlich hatte er sich aus der hohen Diplomatie verabschiedet und der Arbeit für seine Stiftung verschrieben. Er stellte mit dem Trio letztlich seine eigene Frau Hillary in den Schatten, die als US-Außenministerin im Kabinett um Einfluss ringen muss.Erst kürzlich war sie von Nordkorea öffentlich brutal abgekanzelt worden - Clinton sei eine "komische Lady", die die "elementaren Benimmregeln in der internationalen Gemeinschaft" nicht beherrsche, erklärte Pjöngjang Ende Juli beim Asean-Gipfel in Phuket. "Manchmal sieht sie aus wie eine Grundschülerin und manchmal wie eine Rentnerin beim Einkaufsbummel."

mit Material von Reuters