Comeback Bill Clintons neue Affäre

Bill Clinton hat eine neue Liebe, und sie heißt Harlem. Noch rufen sie ihn nicht "My Brother", aber bei der Einweihungsparty für sein Büro nannte der frühere US-Präsident das Schwarzenviertel bereits sein Zuhause.


Bill Clinton: Party ganz nach seinem Wunsch
AFP

Bill Clinton: Party ganz nach seinem Wunsch

New York - Tony Footes erkennt den neuen Nachbarn sofort. "Here he comes, here he comes!", schreit sie aufgeregt und winkt wild mit den Armen. Das Absperrgitter unter ihr schwankt bedenklich. Bill Clinton kommt mit dem gewohnt breiten Grinsen auf die Bühne vor dem State Office Building in Harlem. Er winkt, hält den Siegerdaumen hoch, zeigt lachend in die Menge - genau wie früher. "Ich liebe ihn einfach", sagt Footes leise, während die anderen um sie herum "Wir wollen Bill" brüllen.

Rote, weiße, blaue Luftballons, eine begeisterte Menge, Präsidentenwetter - passender könnte die Atmosphäre für das politische Comeback des Bill Clinton nicht sein. Er fühlt sich sichtlich wohl bei seinem ersten großen Auftritt seit der Amtsübergabe am 20. Januar. Selig schunkelt er mit, als der Harlemer Knabenchor zu seinen Ehren "On the A-Train" intoniert.

Clintons milde Depression

Mit 54 Jahren hat Clinton sich noch nicht mit dem Ruhestand abgefunden. Die Leere nach dem Verlassen des Weißen Hauses habe Clinton in eine milde Depression gestürzt, berichtete die "Washington Post" am Sonntag unter Berufung auf Freunde Clintons. Jetzt allerdings sei er wieder voller Energie. Mit dem Einzug in sein neues Büro in der 125. Straße will er sich wieder in die Politik einmischen. Von dem Penthouse im 14. Stock werde er die Rassenprobleme im Lande angehen, kündigt er an. International will er vor allem die Verbreitung von Aids bekämpfen.

"Ich fühle mich, als wäre ich endlich zu Hause angelangt", sagt Clinton zu den rund 3000 Zuschauern, die ihn feiern. Zuvor hatte ein Vertreter des Gouverneurs des Staates New York ihm eine Urkunde übergeben. In der wird der 30. Juli zum William-Jefferson-Clinton-Tag in Harlem erklärt.

Neben Jubel auch Buhrufe

In den Jubel mischen sich die Buhrufe der "Black Panther". Rund 25 Mitglieder der Gruppe sind in schwarzen Uniformen aufmarschiert, exerzieren und brüllen mit erhobenem Arm ihre Parolen: "Black Power. We don't need the white man." Für Black-Panther-Sprecher Malik Zulu Shabazz ist Clinton das Symbol der "weißen Kolonisation Harlems".

Clinton versucht, die Bedenken aus dem Weg zu räumen. Als legte er ein Ehegelöbnis ab, verspricht er: "Ich will ein guter Nachbar sein - in guten wie in schlechten Tagen."

Dabei war Harlem nicht einmal seine erste Wahl. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er ein schickes Büro in Midtown gemietet. Das hat der amerikanische Steuerzahlerbund jedoch verhindert. Die jährliche Miete war mit 811.000 Dollar höher als die Kosten der Büros aller noch lebenden Ex-Präsidenten zusammen. Das Büro in Harlem kostet den Steuerzahler 354.000 Dollar jährlich - auch das liegt noch deutlich über den im Haushalt vorgesehenen 228.000 Dollar.

Dennoch könnte es für Clintons Rückkehr kaum ein besseren Ort geben als die Schwarzenhochburg im Norden Manhattans. Zweimal haben sie ihn dort zum Präsidenten gewählt, einmal seine Frau zur Senatorin. Und so macht der Populist Clinton aus der Not eine Tugend und beschwört die lange Freundschaft zwischen sich und Harlem. "Ich bin immer für Euch da gewesen, und ihr immer für mich." Er habe Harlem zur "Empowerment Zone" ernannt und öffentliche Gelder in das sozial schwache Viertel geleitet. "Ich denke, ich habe mein Wort gegenüber Harlem gehalten", sagt Clinton.

"Mister President, die ganze Nation vermisst Sie"

Hier nennt ihn niemand den Ex-Präsidenten. Auf dem Banner hinter der Bühne steht: "Harlem welcomes President Clinton". Zeremonienmeister und Gastgeber Charles Rangel, der Harlem im US-Kongress vertritt, kündigt ihn als den "letzten gewählten Präsidenten der USA" an. Der Seitenhieb auf den amtierenden Präsidenten George W. Bush, der nach einer umstrittenen Wahl zum Sieger ernannt wurde, kommt bei der Menge gut an. Doch die wichtigste Botschaft für den depressionsgefährdeten Clinton sendet Senator Charles Schumer, der zweite New Yorker Senator neben Hillary Clinton. "Mister President, die ganze Nation vermisst Sie", ruft er.


Lesen Sie im 2. Teil über die Auferstehung des Bill Clinton und warum ihm ein Fitnessstudio die Ehrenmitgliedschaft angeboten hat



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.