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Condoleezza Rice: Eine politische Überlebenskünstlerin

Foto: SAUL LOEB/ AFP

Condoleezza Rice Die Unangreifbare

Sie war eine der mächtigsten Frauen der Welt und mitverantwortlich für die außenpolitischen Desaster von George W. Bush im Irak und Afghanistan. Jetzt meldet sie sich mit einer Autobiografie zurück - Besuch bei einer politischen Überlebenskünstlerin.

Condoleezza Rice

George W. Bush

Die Footballhelme liegen noch im Regal, rot und orange schimmern sie. Sie schmückten schon ihr Büro als US-Außenministerin, sie sind verziert mit den Unterschriften der starken Sportler, die sie mal trugen. liebt Football. Als sie noch im Weißen Haus arbeitete, schaute sie oft sonntags mit Präsident die Spiele an.

deutschen Einheit

Doch sie selbst hat die Uniform der starken Frau abgelegt. Die Sonne strahlt über dem Campus der Stanford University, wo Rice nun lehrt. Und Rice strahlt auch. Der strenge Blick, die zusammengezogenen Augenbrauen - alles weggewischt. Sie bittet in ihr kleines Büro, vielleicht 15 Quadratmeter groß, sie hört geduldig dem SPIEGEL-Anliegen zu - ein Gespräch zum 20. Jahrestag der .

"20 Jahre. Man kann kaum glauben, dass das schon so lange her ist", sagt Rice. 35 Jahre alt war sie damals, als Osteuropa-Expertin beriet sie den ersten Präsidenten Bush während der Einheitsverhandlungen.

Doch wer denkt bei Rice an die Wiedervereinigung? An was man sich erinnert, ist, dass sie die Erfüllungsgehilfin des zweiten Bush war, als Sicherheitsberaterin und Außenministerin, die vielleicht mächtigste Frau der Welt. Das war sie noch bis vor kurzem, bis Anfang 2009.

Frankreich "bestrafen", Deutschland ignorieren

Saddam-Feldzug

Die promovierte Politologin prägte das außenpolitische Denken des texanischen Präsidenten, dem die Welt lange egal gewesen war. Sie trieb ihn nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit an den Hindukusch und nach Bagdad. Sie wollte Frankreich "bestrafen", als es sich gegen den stemmte, und Deutschland ignorieren.

Die Akademikerin bewegte sich so gewandt im "Gut gegen Böse"-Universum ihres Bosses, als sei es ihres. Mit ihm sang sie auf "Air Force One" am Palmsonntag Kirchenlieder, Untergebene trimmte sie auf seinen Cowboy-Kurs.

Ein Blick genügte.

Knapp 20 Monate nach dem Ende der Ära Bush scheint das wie eine vergangene Welt. Jetzt plaudern im Büro nebenan Studenten, das Semester hat gerade begonnen, Rice gibt einen Kurs über internationale Herausforderungen. Im Regal steht nahe bei den Footballhelmen ein Buch über Errungenschaften des Islams - und ein Deutsch-Kurs für Anfänger.

Ihr Büro sieht aus wie der Raum eines Menschen, der die Welt verstehen will. Aber die Frau, die die Welt erobern wollte, ist nicht verschwunden. Im Gespräch taucht sie wieder auf - und ihre Ambitionen auch.

"Sternstunde der Diplomatie"

Natürlich, Rice spricht begeistert über die deutsche Einheit, schließlich gilt sie als einer der größten Erfolge der US-Außenpolitik. "Sternstunde der Diplomatie" hieß das Buch, das sie dazu schrieb. "Wir haben die Einheit gewollt", sagt sie, und die Historiker geben ihr recht.

Doch bei der Frage, wie sie erreicht werden sollte, meldet sich die Machtpolitikerin zurück. Etwa wenn es um die Nato-Mitgliedschaft eines vereinten Deutschlands geht. Russland stemmte sich dagegen, und auch in Deutschland wäre mancher lieber neutral geblieben. Wurde diese Option erwogen?

"Es gab keinen Plan B. Plan B war, dass Plan A funktioniert", sagt Rice.

Aber wie verträgt sich das mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das den Deutschen die Entscheidung überlassen hätte und das Amerikaner gerne hochhalten? "Als Außenpolitiker muss man seine Interessen klar definieren und versuchen, sie zu verfolgen. Es lag im amerikanischen Interesse, dass ein vereinigtes Deutschland Teil der Nato sein würde."

Keine Hilfe ohne Gegenleistung. Der Weg zur Einheit ist ein Grundstudium von Machiavelli - und Ex-Kanzler Helmut Kohl laut Rice ein Musterschüler. Dessen Währungsunion mit Ostdeutschland, der 1-zu-1-Umtausch, sei vielleicht teuer gewesen. Doch politisch sei sie brillant gewesen. Schließlich galt es 1990 Wahlen zu gewinnen, und einen Kanzler Oskar Lafontaine wollten weder Kohl noch die Amerikaner.

Der deutsche Kanzler neben dem russischen Präsidenten gegen den Krieg

Sie bekamen ja später noch einen Gerhard Schröder, der sich gegen den Irak-Kurs der Amerikaner stemmte. Vergessen hat Rice das nicht. "Partner können auch mal verschiedener Meinung sein", sagt sie. "Mich hat nur enttäuscht, den deutschen Kanzler neben dem russischen Präsidenten gegen den Krieg protestieren zu sehen." Neben dem Russen. Das gehörte sich nicht, wegen der Geschichte. Der scharfe Blick ist jetzt fast wieder da.

Rice sieht fit aus, viel jünger als 55 Jahre. Tommy The Tank hieß ihr Fitnesstrainer in Washington.

Im Oktober stellt sie ein Buch über ihre Kindheit in Alabama vor. Damals musste sie einmal den Sarg einer kleinen schwarzen Spielgefährtin sehen, die von Rassisten umgebracht wurde. Der Hass war noch nicht verschwunden in Amerikas Süden. Doch ihre Eltern beschützten sie, sie ging auf die besten Schulen.

In ihrem Büro hängt ein Foto von einem Treffen ehemaliger US-Außenminister. Sie steht als einzige Schwarze zwischen vielen weißen alten Männern. Ihr Buch soll nun diese Seite von ihr beleuchten, zu der sie bislang meist schwieg. Sie wollte nicht als Quotenschwarze gelten.

Es sieht gut aus für ein Comeback

Vielleicht handelt sie wie Barack Obama, der mit einem Buch über seine Wurzeln seine Hautfarbe politisch nutzte. Warum sollte das bei ihr nicht klappen? Bislang hat ja fast immer alles geklappt im Leben der Ex-Pianistin, Ex-Eiskunstläuferin, Ex-Professorin. Es sieht gut aus für ein Comeback. Bush oder Vize Dick Cheney zogen den Hass auf sich, nicht sie. Als Rice nach Stanford zurückkehrte, stellten ein paar Studenten ihr Fragen zu Guantanamo und Wasserfolter, sie filmten sie dabei. Die Ex-Außenministerin war perplex, sie schien sich in dem Satz zu verheddern, wenn der US-Präsident etwas anordne, könne es nicht illegal sein.

Das Video ist online zu besichtigen, Rice sieht darin nicht gut aus. Aber der Aufruhr legte sich schnell. Ihre Anhänger sagen, sie habe doch George W. Bush in seiner zweiten Amtszeit zu mehr Diplomatie gedrängt.

Außerdem: Je rascher Barack Obamas Stern sinkt, desto wohlwollender wird die Erinnerung an die Bush-Jahre. Rice, die erfahrene Außenpolitikerin, könnten sich viele als Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner vorstellen. Schon 2008 gab es diese Gerüchte. Nach der Autobiografie will sie kommendes Jahr ein Werk zur US-Außenpolitik vorlegen. Es könnte eine Bewerbungsschrift sein.

Rice steht vor ihrem Bücherregal im Büro, dessen Fächer darin tragen die Aufschriften "Russia" oder "Cold War", sie bewegt sich mühelos durch Geschichte und Kontinente. Doch die Schlagzeilen bei den US-Republikanern bestimmen gerade Tea-Party-Favoriten wie Senatsbewerberin Christine O'Donnell in Delaware. Die glaubte mal an Hexerei und hält Evolutionslehre für einen Mythos.

Von der Weltstaatsfrau Rice ist O'Donnell so weit weg wie George W. Bush vom Literaturnobelpreis. Wenn Rice politisch weitermachen will bei Amerikas Konservativen, muss sie sich arrangieren mit den weniger Schlauen. Doch das hat sie ja ein Leben lang getan.

"Aufständische sind gut für die Demokratie", sagt Rice über die schrägen Tea-Party-Kandidaten. Und lächelt.

Es sieht nicht mal gequält aus. Sondern einfach nur professionell.

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