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US-Politiker: Wahlkampf als Versteckspiel

Foto: JULIE JACOBSON/ AFP

Countdown für US-Kongress Amerikas Wahlkämpfer fürchten den Palin-Effekt

Sie flüchten vor Journalisten und halten ihre Terminpläne geheim: Aus Angst vor öffentlichen Fehltritten meiden viele Politiker im US-Kongresswahlkampf heikle Auftritte. Das Versteckspiel nimmt inzwischen bizarre Formen an.

Die Journalisten müssen zwei lange Schlangen vor der Tür bilden. Grimmig dreinblickende Aufseher beäugen Presseausweise und haken aufreizend langsam Namen auf einer Liste ab. Im Schneckentempo kriecht die Reporterschlange vor dem Studioeingang des Senders PBS in Las Vegas voran.

Demokraten

Drinnen soll die einzige TV-Debatte zwischen der Republikanerin Sharron Angle und Harry Reid stattfinden, dem Mehrheitsführer der im Senat. Es geht um einen der wichtigsten Senatssitze bei den Kongresswahlen im November, in ganz Nevada wird die Debatte zu sehen sein.

Eigentlich müssten die Kandidaten sich um diese Chance reißen. Aber Reid und Angle haben wochenlang mit einer Zusage zur TV-Debatte gezögert. Auch dass Journalisten wenigstens als Chronisten im Studio zuschauen dürfen, genehmigten sie erst kurz vorher.

Die peinlich genauen Kontrollen gehören zum Programm und machen deutlich: Öffentlichkeit ist unerwünscht.

Im Studio geht die Abwehrhaltung weiter. Reid und Angle huschen durch einen Seiteneingang in den Saal, sie debattieren rund eine Stunde vor den Kameras.

Kaum sind diese abgeschaltet, verschwinden beide gleich wieder.

Eigentlich hatten sie versprochen, sich gemeinsam den anwesenden Journalisten zu stellen. Doch schon nach zehn Minuten beginnen die ersten Reporter einzupacken. "Sie kommen nicht mehr", heißt es.

Furcht vor einem "Macaca-Moment"

"So geht das schon den ganzen Wahlkampf", schimpft Laura Myers, Redakteurin des "Las Vegas Review-Journal". "Beide Kandidaten schirmen sich völlig von uns ab."

US-Kongresswahlkampf 2010

Dieses Prinzip ist Normalität im : Die Bewerber für politische Ämter in den USA entdecken den aseptischen Wahlkampf - sie wollen sauber bleiben, sie fürchten allzuviel Nähe von Medien oder Bürgern. Sie wollen keine Pannen produzieren, die dann im Internet oder anderswo für Lacher sorgen.

"Kandidaten vermeiden öffentliche Auftritte, sie meiden Debatten und Interviews mit der nationalen Presse - alles aus Angst, dass ein peinlicher Augenblick ihnen schadet", schreibt die Internetseite Politico.

Zu groß ist die Furcht vor einem "Macaca-Moment" - benannt nach dem Fehltritt von Virginias Senatskandidat George Allen im Kongresswahlkampf 2006. Der Republikaner lag in den Umfragen vorne, doch sein Rivale ließ seine Auftritte von einem jungen Helfer mit einer Videokamera beschatten. Allen nervte das so sehr, dass er den Mann, der indische Wurzeln hatte, bei einer Veranstaltung als "macaca" begrüßte. So heißt eine Affengattung, das Wort gilt auch als rassistischer Begriff. Die Kamera hielt alles fest, das Video war binnen kürzester Zeit im Internet zu sehen. Es war der Anfang von Allens politischem Ende.

Barack Obama

erlebte einen ähnlichen Moment bei einem Treffen mit Parteispendern in San Francisco während des Präsidentschaftswahlkampfes 2008. Journalisten waren zu dem Termin nicht eingeladen. Obama klagte in vermeintlich trauter Runde, Leute in ländlichen Gegenden Amerikas klammerten sich aus Frust an ihre Waffen und ihre Religion. Doch eine Bloggerin verbreitete die Bemerkung, die Worte verfolgten Obama bis zum Wahltag.

Jeder Moment kann also gefährlich sein. Vor allem, weil längst so gut wie alle US-Kandidatenteams die Auftritte von Rivalen mit "Trackern" ähnlich wie bei Allens "Macaca"-Aussetzer verfolgen. Sie halten jeden Moment fest, um eventuelle Peinlichkeiten blitzschnell online zu stellen.

Gieren nach Fehltritten

Republikaner

Auch die US-Medien, im Wahlkampf oft mehr an Skandalen als an Inhalten interessiert, konzentrieren sich auf solche Fehltritte oder sezieren die Antworten von Politikern auf listige Journalistenfragen. Als vor zwei Jahren ein Reporter von John McCain wissen wollte, wie viele Häuser ihm eigentlich gehörten, fiel dem damaligen Präsidentschaftskandidaten die Antwort nicht gleich ein. Das ließ den wie einen Snob aussehen.

Deshalb suchen Kandidaten und ihre Berater nicht mehr die Öffentlichkeit - sie wollen sie kontrollieren.

Auch das Team von Senatorenanwärterin Sharron Angle schottet sich ab. Wenn sich ihre Unterstützer in Nevada treffen, steht vor der Tür ein Schild: Presse nicht erlaubt. Angle, die unter anderem andeutete, Bürger könnten sich mit Waffengewalt wehren, wenn ihnen Politiker nicht passten, mag ein exzentrischer Ausnahmefall sein. Doch ihr demokratischer Rivale Reid, der zu verbalen Fehltritten neigt, ist ähnlich abgeschottet.

Quer durchs Land hüten Kandidaten beider Parteien ihren Terminkalender wie ein Staatsgeheimnis. Als Floridas Senatskandidat Marco Rubio eine Bustour durch den Bundesstaat begann, durften Journalisten nicht mit ins Fahrzeug. Die Bewerberin für das Gouverneursamt in Kalifornien, die ehemalige Ebay-Chefin Meg Whitman, lässt sich von Beratern abdrängen, wenn sie Fragen beantworten soll.

Tipps von Sarah Palin

Tea-Party-Bewegung

Besonders berüchtigt fürs Abtauchen: Die Bewerber der , die meist alles andere als perfekte Kandidaten sind. Christine O'Donnell, die sensationell zur republikanischen Bewerberin für das Senatsamt in Delaware avancierte, war in den Tagen nach ihrem Sieg in allen Schlagzeilen - doch nicht so, wie sie es sich vorstellte: Journalisten vermeldeten etwa, dass sie Masturbation für Sünde hält und Hexenkult mal gut fand.

Seither meidet die Kandidatin rigoros Reporter. Als eine CNN-Journalistin sie befragen wollte, floh O'Donnell im Auto. Sie schaltete lieber ihren eigenen Werbespot mit dem Slogan "Ich bin keine Hexe".

Die Kandidatin hofft darauf, dass diese Strategie bei ihren Anhängern gut ankommt. Schließlich halten gerade viele Tea-Party-Fans die Medien ohnehin für voreingenommen. Das große Vorbild O'Donnells ist Sarah Palin, die ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin. Sie hat O'Donnell geraten, die Medien zu meiden, die sie nur "zerstören" wollten - und lieber über den Republikaner-Haussender Fox News zu kommunizieren.

Palin spricht aus leidvoller Erfahrung: Als John McCain sie 2008 aus dem Nichts zur Vizekandidatin machte, gingen ihre ersten Interviews so schief, dass die Senkrechtstarterin zur Witzfigur avancierte. Seither bügelt Palin Medienanfragen gnadenlos ab. Sie postet ihre Gedanken lieber gleich selbst auf Facebook.

O'Donnell dürfte dem Beispiel folgen. Denn wenn sie sich doch einmal vor Journalisten wagt, wie bei einer TV-Debatte vorige Woche, geht das meist daneben. Sie wurde, ähnlich wie einst ihre Mentorin Palin, gefragt, mit welchen Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs der USA sie nicht einverstanden sei. Die Republikanerin überlegte lange. Sie sagte, da gäbe es viele. Aber benennen konnte O' Donnell keine einzige. Sie werde die Antwort auf ihrer Webseite posten, versprach die Kandidatin schließlich.

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