Countdown in Washington Obama-Festspiele auf Hochtouren

Barack Obamas Amtseinführung wird ein historischer Moment, in jeder Hinsicht - sie wird wohl die größte und teuerste aller Zeiten. Schon jetzt versinkt Washington im kollektiven Rausch.

Washington - Der Mann geht mitten auf dem Gehsteig, er trägt ein Porträt von Barack Obama hoch vor sich her, in Tuch gewickelt. Es sieht aus wie eine Monstranz, und so ernsthaft schaut der Mann auch. Die Passanten-Menge teilt sich vor ihm, einige feixen, doch das stört den Mann gar nicht. Schließlich kommt er nicht mehr weiter, ein Wagen ist auf dem Gehsteig geparkt.

Künftiger Präsident Obama: "Ohne Zweifel ist der Weg vor uns lang"

Künftiger Präsident Obama: "Ohne Zweifel ist der Weg vor uns lang"

Foto: DPA

Aus dem Fahrzeug dröhnt laute HipHop-Musik, im offenen Kofferraum hat der Fahrer Obama-Poster angeordnet, sorgfältig aufgereiht. Der Monstranz-Mann stoppt, ruft dem Poster-Verkäufer grinsend zu: "We Did It." Die Männer klatschen sich ab.

Es ist Sonntagmittag an der U Street in Washington. Eines der traditionellen Schwarzenviertel der Stadt, wo Obama-Porträts an Häuserwände gesprüht sind - und im Lincoln Theatre, wo einst Duke Ellington Triumphe feierte, der Pianist dem Orchester vor dem Spielen "Yes, we can" zuruft.

Obama aß hier vorige Woche in Ben's Chili Bowl, einem berühmten Schnellrestaurant. Er wählte den "half-smoke", mit Senf, Zwiebeln und Käse, bezahlte mit einem 20-Dollar-Schein. Kellner Jermaine Jefferson hat den Geldschein mit nach Hause genommen und in seine Bibel gelegt, genau auf die Lieblingsbibelstelle seiner Mutter, so hat er es der "Washington Post" erzählt. "Ich werde ihn noch rahmen", wird Jefferson zitiert, "im Moment passt Gott darauf auf."

Der Ansturm fällt kleiner aus als erwartet

Am Dienstag wird Barack Obama als erster schwarzer US-Präsident vereidigt, schon jetzt schwelgen besonders die vielen schwarzen Einwohner Washingtons in einer Art Kollektivrausch. Die Straßen sind gefüllt mit Besuchern, die schon zum Martin Luther King Day angereist sind.

Kaltes Wetter und abschreckende Berichte über drohendes Chaos scheinen viele von der Reise nach Washington abzuhalten. Die Behörden gehen inzwischen von nur noch rund einer Million Inaugurationsteilnehmern aus, nicht mehr vier, wie anfänglich einmal geschätzt wurde. Doch die kommen, mit gigantischen Erwartungen. Obama kann in aktuellen Umfragen auf 80 Prozent Zustimmung bauen, so viel wie noch nie ein neuer US-Präsident.

Tausende Menschen säumen die Gleise, als Obama am Samstag einen Zug in Philadelphia besteigt und via Wilmington - wo Vize Joe Biden zusteigt - über Baltimore nach Washington reist. Der designierte Präsident scherzt im Zug mit Reportern und Mitreisenden, posiert auf der Aussichtsplattform, lässt den Zug fröhlich tröten, "dafür ist man nie zu alt". Er strahlt der Menschenmenge in Wilmington zu, die "Happy Birthday" für Ehefrau Michelle singt, die am Samstag 45 Jahre alt wurde.

Die Zugfahrt ist eine Reverenz an Abraham Lincoln, der 1861 diese Route als frischgewählter Präsident zurücklegte. Weil die junge Nation wegen der Sklaverei-Debatte auseinanderzufallen begann und Attentate drohten, musste er sich verstecken. Niemand sollte erfahren, dass er an Bord war. Der weiße Präsident, der Sympathien für Sklaven zeigte, musste den Mob fürchten. Nun reist der erste afroamerikanische Präsident im Triumphzug an.

Obama springt auf, singt mit

Als Obama und Vize Biden einen Kranz auf dem Soldatenfriedhof in Arlington drapieren, legen sie die Hand aufs Herz. Später besucht Familie Obama einen Gottesdienst, die Kirchgänger klatschen ekstatisch bei ihrer Ankunft. Beim Friedensgruß drängen sich Mutige an Obamas Platz in der zweiten Reihe, schütteln seine Hand, wollen sie kaum noch loslassen. Und am frühen Sonntagnachmittag sitzen die Obamas vor dem Lincoln Memorial - wo eine fast sechs Meter hohe Statue des Präsidenten thront, in Marmor gemeißelt Lincolns berühmte "Gettysburg Address", in der er die Versöhnung der Nation beschwor.

Als junger Senator ging Obama hier joggen, vergangene Woche hat er das Monument mit seinen Kindern besucht. Jetzt wehen dort riesige US-Fahnen, die marmornen Stufen sind frei geräumt für ein stargespicktes "We are One"-Konzert. Bruce Springsteen singt und Beyoncé, Usher und Garth Brooks, Stevie Wonder und U2. Tom Hanks und Golflegende Tiger Woods halten ehrfürchtige Ansprachen. Hollywood-Frechdachs Jamie Foxx traut sich sogar, den pathetischen Redestil des Präsidenten zu imitieren. Obama grinst entspannt, bei einigen Gassenhauern springt er auf, singt mit.

Dann spricht er kurz: "Ohne Zweifel ist der Weg vor uns lang, der Aufstieg steil. Aber vergesst nie, dass der wahre Charakter unseres Landes sich nicht in den leichten Zeiten offenbart, sondern in den harten Momenten. Was mir Hoffnung macht, ist, was ich entlang dieser Mall sehe." Der Blick ist tatsächlich beeindruckend. Auf der National Mall, dem langen Grünstreifen im Herzen Washingtons, drängen sich die Menschen - ein Vorgeschmack auf die Maga-Feier am Dienstag.

Samuel Jackson, der schwarze Schauspielstar, erinnert die Menge bei seiner Ansprache an Rosa Parks, die 1955 ihren Sitzplatz im Bus nicht für einen weißen Fahrgast aufgeben wollte - und so eines der wichtigsten Kapitel der US-Bürgerrechtsbewegung einläutete. "Ich wusste nicht, dass Geschichte geschrieben wurde, ich wollte einfach nach Hause", zitiert Jackson die Bürgerrechtspionierin Parks. Die Menge jubelt.

Teuerste Amtseinführung aller Zeiten

Auch das ist das Besondere dieser Inauguration - diesmal weiß jeder: Jetzt wird Geschichte geschrieben. Die Amtseinführung wird wohl die teuerste aller Zeiten werden, bis zu 160 Millionen Dollar Kosten wird das Spektakel kosten. 23.000 Polizisten sollen über den Präsidenten wachen, der Secret Service hat die größte Bestellung aller Zeiten für kugelsicheres Glas ausgegeben, fünf Tonnen.

Die Parade nach der Vereidigung wird Familie Obama im hochgesicherten Präsidenten-Cadillac zurücklegen: "The Beast" ist eine rollende Festung, die Türen sind so schwer wie Flugzeugtüren. Es ist ausgestattet mit Feuerlöschsystemen, Schusswaffen, Nachtsichtgeräten, Tränengaskanonen.

Entlang der National Mall sind 7000 mobile Toilettenhäuschen aufgebaut. "In Deutschland haben sie für einen Papstbesuch einmal 8000 Häuschen installiert, aber in den USA hat es noch nichts Vergleichbares gegeben", sagt Conrad Harrell vom Häuschen-Aufsteller der "Washington Post". Und dann, fügt auch der Toiletten-Oberaufseher hinzu: "Wir fühlen uns, als ob wir Teil der Geschichte sind."

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