Dinner-Diplomatie beim D-Day Mit Silberzunge und Silberlöffel

Es wird geschlemmt und gepokert: Frankreichs Staatschef Hollande trifft Obama und Putin zum Abendessen - getrennt. Zur Feier des D-Day will sich der Franzose krampfhaft als Vermittler profilieren.

Frankreichs Präsident Hollande: Viel zu essen, viel zu bereden
AFP

Frankreichs Präsident Hollande: Viel zu essen, viel zu bereden

Von , Paris


Frankreichs Staatschef ist kein Kostverächter, aber selbst für einen guten Esser wie François Hollande ist der Donnerstagabend eine Herausforderung. Der Präsident muss gleich zweimal zu Tisch. Am Vorabend der Feiern zum 70. Jahrestag der Alliierten-Landung in der Normandie steht doppeltes Dinieren auf dem Programm: Hollande trifft sich mit US-Präsident Barack Obama und Russlands Staatschef Wladimir Putin. Getrennt, wohlgemerkt.

Der Sozialist ist innenpolitisch angezählt nach der doppelten Niederlage bei den Kommunal- und Europawahlen. Er will das Gedenktreffen nutzen, um sich als geschickter Diplomat zu profilieren. Immerhin: Das Treffen in Paris zwischen dem Russen und dem Franzosen ist der erste direkte Kontakt zwischen Putin und einem westlichen Staatschef, seit Moskau im März die Krim annektierte.

Hollande setzt auf eines der ältesten Hilfsmittel der französischen Diplomatie: Eine raffinierte Speisefolge aus dem Fundus von Frankreichs "Haute Cuisine" - nicht umsonst erhoben zum Weltkulturerbe.

Dafür gibt Hollande gleich doppelt den Maître de Plaisir. Um 19 Uhr lädt er Obama in das Spitzenrestaurant Chiberta. Das Menü von Sternekoch Guy Savoy ist erlesen, die Themen sind es auch: das umstrittene Handelsabkommen, NSA-Skandal und der jüngste Streit um die Milliardenstrafe für die Pariser Großbank BNP Paribas. Zur Bewältigung von Speisefolge und Problemen mit am Tisch - Außenminister Laurent Fabius und US-Kollege John Kerry.

Entspannung nach dem Dessert ist freilich ausgeschlossen. Bevor es bei Espresso und Calvados richtig gemütlich werden könnte, müssen die Gastgeber zum nächsten kulinarischen Polit-Event: Um 21 Uhr empfangen sie, unter den goldverzierten Stuckdecken des Elysée, Wladimir Putin - zum späten Souper. Aufgefahren werden "ausschließlich französische Produkte", komponiert, so heißt es, zu einer leichten Speisefolge.

Angesichts der Spannungen zwischen Russland und den USA soll das Nachtessen in kleinem Kreis Impulse geben. Motto: Getrennt dinieren, gemeinsam Probleme lösen. Unter französischer Ägide, versteht sich.

In der Normandie wird weiter geschlemmt und verhandelt

Zumal auch andere Führer unter der angereisten Politprominenz versuchen werden, den Mittler zu spielen: Die deutsche Kanzlerin wie Großbritanniens David Cameron wollen den Dauerstreit zwischen den USA, Europa und Russland schlichten und Putin womöglich gar mit dem neuen ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko zusammenbringen.

Sollte die erste diplomatisch-kulinarische Runde in Paris erfolglos bleiben, geht es am Freitag weiter: Dann folgt in der Normandie - bekannt für Crème fraîche, Cidre und Calvados - das offizielle Mittagessen im Schloss von Bénouville: also auch Zeit für Konsultationen im kulinarischen Rahmen.

Dort erscheint freilich auch ein persönlicher Rivale Hollandes als Mitesser: Expräsident Nicolas Sarkozy, der auf Einladung des Sozialisten an den D-Day-Feiern teilnehmen darf. Der Verlierer von 2012 bedankte sich für die protokollarische Geste, indem er Hollande schon im Vorfeld die Schau stahl. Anlässlich eines Konzertauftritts von Gattin Carla Bruni in Russland spielte Sarkozy Anfang Juni bei Putin den Privat-Diplomaten. "Ich habe ihn getroffen", feixte er nach dem Treffen, "wir haben sogar zusammen gespeist."

Ein wenig Gift von der Ex

Die Parallel-Aktion, ohne Abstimmung mit dem Elysée, verärgerte Präsident Hollande. Es blieb freilich seiner Exlebensgefährtin überlassen, gegen den Besuch des Russen zu stänkern. Valérie Trierweiler, bis Januar Herzensdame des Sozialisten und ehemalige "Erste Madame Frankreichs", machte aus ihrer Abneigung gegen Putin keinen Hehl. "Ich bin froh, dass ich nicht seine Hand schütteln muss", twitterte sie. Ein Ausfall gegen den Russen oder ein Seitenhieb gegen ihren Ex? Wohl eher beides.

Immerhin kann sich Hollande mit der Gewissheit trösten, dass das hochkarätig-historische Wochenende mit einem durchweg positiven Fototermin zu Ende gehen wird. Für Samstagmorgen verzeichnet die Agenda des Präsidenten: "Besuch des Pariser Blumenmarktes mit seiner Majestät Königin Elisabeth II."



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
fridolin.gaertner 05.06.2014
1. Nicht hinnehmbar
Ich bin fassungslos, dass sich europäische Staatschefs mit Putin an einen Tisch setzen, das ist ein Debakel. Da gibt es seit 69 Jahren in Europa wieder einen Politiker, der mit einer Blut-und-Boden-Philosophie Raum für sein Volk reklamiert und einen Krieg vom Zaun bricht - und man schlemmt mit ihm. Welch eine Schande. Bislang habe ich Europa immer verteidigt gegen die Angriffe der braunen und roten EUSA-Hasser, aber dieser Sieg eines über den schwulen Westen lachenden Faschisten ist zuviel, das ist einfach nicht mehr hinnehmbar. Ich werde Angela Merkel nicht verzeihen, dass sie 69 Jahre nach dem Ende der NS-Barbarei einem Putin die Hand schüttelt.
michi_ 05.06.2014
2. La grande Nation
Hollande denkt immer noch, Paris und Frankreich sind der Mittelpunkt der Welt... er rettet offesichtlich gerade die Welt, aber Frankreichs Bürger zu Hause haben gerade ganz andere Sorgen. SIe wollen einfach nur Jobs, die ein bürgerliches Leben ermoglichen.
mattotaupa 05.06.2014
3. Wieso 'krampfhaft'?
Wenigstens hat der Franzose Eier und spricht mit dem Russen. Das kleinkindhafte Verhalten des Amerikaners hingegen zeugt von seinem diplomatischen Unvermögen.
bartsuisse 05.06.2014
4. Immerhin sind alle in Frankreich
haute cuisine hin oder her, von der Diplomatie Frankreichs können sich viele eine Scheibe abschneiden. Bon ton gehört eben auch dazu
dherr 05.06.2014
5.
Zitat von fridolin.gaertnerIch bin fassungslos, dass sich europäische Staatschefs mit Putin an einen Tisch setzen, das ist ein Debakel. Da gibt es seit 69 Jahren in Europa wieder einen Politiker, der mit einer Blut-und-Boden-Philosophie Raum für sein Volk reklamiert und einen Krieg vom Zaun bricht - und man schlemmt mit ihm. Welch eine Schande. Bislang habe ich Europa immer verteidigt gegen die Angriffe der braunen und roten EUSA-Hasser, aber dieser Sieg eines über den schwulen Westen lachenden Faschisten ist zuviel, das ist einfach nicht mehr hinnehmbar. Ich werde Angela Merkel nicht verzeihen, dass sie 69 Jahre nach dem Ende der NS-Barbarei einem Putin die Hand schüttelt.
Und sie glauben, dass es irgenjemanden hier interessiert, dass sie irgenjemandem nicht verzeihen?
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