D-Day-Gedenken in der Normandie Geschichtsstunde für Donald Trump

Die Queen hat es versucht, Angela Merkel auch, nun also Emmanuel Macron: Frankreichs Präsident beschwört gegenüber Donald Trump die historischen Bande der USA zu Europa. Die Reaktion des Amerikaners überraschte.

Ian Langsdon/ POOL/ EPA-EFE/ REX

Aus Colleville-sur-Mer berichtet


Die Ruhe ist das Erste, was im Morgengrauen auffällt. So ganz anders als damals, vor 75 Jahren, als an diesem Steilufer, zu dieser Stunde, ein ohrenbetäubendes Inferno tobte. Die ersten Vögel zwitschern, an den Grabkreuzen wehen Fähnchen. 9388 Grabkreuze aus weißem Marmor, meist mit Namen, meist mit demselben Datum: 6. Juni 1944.

Auf dem Normandy American Cemetery in Colleville-sur-Mer ruhen die Toten des D-Day, der Landung der Alliierten in Frankreich. Der Friedhof erstreckt sich über jene Felder, die die Soldaten einst erblickten, als sie die Klippen eroberten - falls es ihnen gelang.

"Wir sind seit dem Sonnenaufgang hier", sagt Captain Jennifer Lenz von der 529th Military Police Company und blickt aufs Meer hinaus. "Es ist unglaublich, was hier passiert sein muss. Ich fühle mich demütig."

Lenz' Einheit ist in Wiesbaden stationiert, doch an diesem Morgen stehen die US-Militärpolizisten in ihren Gardeuniformen auf der Böschung hoch über dem Omaha Beach. Sie haben drei Haubitzen an den Klippenrand gerollt, aus denen sie Böllerschüsse abfeuern.

Menschen strömen auf das Gelände, allen voran Dutzende gebeugte D-Day-Veteranen mit ihren Familien. Schweigend wandern sie durch das Gräberfeld, machen Fotos, salutieren vor einzelnen Kreuzen und sinken dann auf Klappstühle an einer Bühne. Marschmusik ertönt, schließlich das Knattern eines Militärhelikopters.

Donald Trump schwebt ein.

Omaha Beach ist die letzte Station auf der Europareise des US-Präsidenten. Nach dem Pomp bei der Queen, den Massenprotesten am Trafalgar Square und der internationalen Gedenkfeier in Portsmouth soll der US-französische Festakt am exakten D-Day-Jahrestag der wichtigste Moment sein - der Moment, an dem Trump die westliche Allianz dort würdigt, wo sie geboren wurde. So jedenfalls der Plan.

Bedenken sind angebracht. Trump sieht die Uno, die Nato und die EU, jene wichtigen Nachkriegsallianzen, als lästig. Er scheint meist taub für historische Lektionen. Er beschimpft die Verbündeten als "Abzocker", weil sie nicht genug zahlen würden für den Schutz, den die USA gewährten.

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Außerdem liebt Trump zwar Generäle, Paraden und sonstigen Militärbombast, doch den eigenen Wehrdienst vermied er mit einem Attest. Er sei nie ein "Fan" des Vietnamkriegs gewesen, begründete er das in dieser Woche in einem Interview. Das sei so "weit weg" gewesen: "Damals kannte das Land keiner." Aber gegen Hitler zu kämpfen, das sei doch was ganz anderes.

An vielen Gräbern liegen frische Blumen, an manchen Familienfotos

Unter den Grabmalen, die er mit dem französischen Präsidenten Emanuel Macron durchschreitet, finden sich die von Brüdern, Vätern, Söhnen, Cousins. In Reihe 28, nahe des Steilufers, liegt Teddy Roosevelt Junior, der Sohn von US-Präsident Theodore Roosevelt. Nicht weit davon entfernt ruhen die Brüder Preston und Robert Niland, die Inspiration für Steven Spielbergs Kriegsepos "Der Soldat James Ryan".

An vielen Gräbern liegen frische Blumen, an manchen Familienfotos. Am Kreuz eines Gefreiten namens Jay Hansford lehnt eine weiße Rose mit einer Karte, die daran erinnert, dass Jay und seine Kameraden "ihr Leben gegeben haben für ihr Land und für die Befreiung Europas".

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Auch Emmanuel Macron, 33 Jahre nach dem D-Day geboren, kann es sich nicht verkneifen, Trump die Lehren der Vergangenheit subtil näherzubringen. In seiner Rede preist er Amerikas "Loyalität an internationale Werte" und "die Allianzen der freien Menschen", namentlich Uno, Nato und EU: "Amerika ist nie größer, als wenn es für die Freiheit anderer kämpft."

Trump scheint das verstanden zu haben. Er vermeidet jedenfalls die üblichen Ausfälle und hält sich an sein ungewohnt eloquentes Manuskript: "Wir gedenken derer, die hier gefallen sind, und wir ehren alle, die hier kämpften. Sie haben diesen Boden für die Zivilisation zurückerobert."

"Unsere hochgeschätzte Allianz wurde in der Hitze des Gefechts geschmiedet", versichert er dann: "Unsere Bande sind unverwüstlich."

Manche hoffen denn auch, dass Trump auf dieser Reise tatsächlich dazugelernt hat. Die Queen, die britische Noch-Premierministerin Theresa May und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, so heißt es, hätten ihn einem "Crashkurs in der Geschichte" unterzogen, um ihre Bündnisse zu retten.

Die Königin fand die klarsten Worte

Am deutlichsten war wohl die Queen. "Der Jahrestag des D-Days erinnert uns an all das, was unsere Länder gemeinsam erreicht haben", hatte sie am Montag gesagt. "Die Welt verändert sich, doch wir denken stets an den Zweck dieser Strukturen: Nationen arbeiten zusammen, um einen hart erkämpften Frieden zu wahren."

Im Video: Historische Schauplätze aus der Luft

REUTERS

Auch bei ihrem Arbeitsessen im nahen Caen dürfte Macron diese Gemeinsamkeiten betonen. Wie alle Staatschefs, mit denen Trump auf dieser Reise Kontakt hatte, braucht er den US-Präsidenten. Ihr Verhältnis ist kompliziert: Sie streiten bei vielem, etwa in der Klimapolitik und beim Iran, doch die sicherheitspolitische Zusammenarbeit scheint unentbehrlich.

Zum Schluss des Festakts schreiten Macron und Trump mit ihren Frauen zur Steilküste. Vier Kampfjets jagen vom Meer aus über ihre Köpfe, gefolgt von sechs dröhnenden Überflugformationen. Der Boden bebt, wie damals wohl auch, an jenem Morgen 1944.

Schließlich ist alles vorbei, und es wird wieder still über den Gräbern des Omaha Beach.



insgesamt 109 Beiträge
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ruku 06.06.2019
1. Schön,
dass sich die Queen und die 3 weiteren Staats- und Regierungschefs solche Mühe mit Herrn Trump geben, es ist jedoch Perlen vor die Säue geworfen. Trump lebt in seinem eigenen geistigen Trump Tower, in den von außen nichts eindringt.
sven2016 06.06.2019
2. @ruku muss man leider
uneingeschränkt zustimmen. Nach den schönen Fotos für seinen Wahlkampf werden Trump und seine willigen Helfer weiter auf Konfrontation und Nötigung setzen. Werte? Gemeinsamkeiten? Geschichte? - Nicht geldwert.
tailspin 06.06.2019
3. Der haessliche Deutsche an und fuer sich
Zitat von rukudass sich die Queen und die 3 weiteren Staats- und Regierungschefs solche Mühe mit Herrn Trump geben, es ist jedoch Perlen vor die Säue geworfen. Trump lebt in seinem eigenen geistigen Trump Tower, in den von außen nichts eindringt.
Ein besonderes Charakteristikum des haesslichen Deutschen ist diese unertraegliche, ueberhebliche Arroganz, gefuettert von der Ueberzeugung, alles besser zu wissen. Dabei uebersieht er, dass andere Leute eine andere Herkunft haben und andere Erfahrungen gemacht haben.
DerQQ 06.06.2019
4. Kontraproduktiv!
Umso mehr man Trump in eine Richtung treibt, umso mehr gehts in die andere Richtung. Warum auch immer...
quickmaritim 06.06.2019
5. Deswegen sind Kriegsgräberfriedhöfe so wichtig
Sie führen jedem auch noch Jahrzehnte später vor Augen, welche Folgen ein Krieg hat. Dank an alle, die sich um sie kümmern.
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