Qaida-Terrorist auf Brautschau Liebesgrüße aus Kopenhagen

Es klingt wie ein absurder Thriller: In der Zeitung "Jyllands Posten" berichtet ein dänischer Doppelagent, wie er den Qaida-Hassprediger Anwar al-Awlaki mit einer blonden Kroatin verkuppelte - und gleichzeitig dem Geheimdienst zuarbeitete. Dort entwickelte man einen raffinierten Plan.

REUTERS

Kopenhagen - Sie ist hübsch, hat blonde lange Haare und heißt Aminah. Die 33-jährige Kroatin sollte dem Qaida-Terroristen Anwar al-Awlaki zum Verhängnis werden - so lautete zumindest der Plan des dänischen Geheimdienstes. Er ging am Ende zwar nicht auf. Aber Aminah und der Islamist wurden für ein paar Monate ein Paar, bis Awlaki im September 2011 bei einem US-Drohnenangriff im Jemen ums Leben kam.

Diese Geschichte schildert der Däne Morten Storm in der Zeitung "Jyllands Posten". Storm, ein dänischer Konvertit, gehörte dem Bericht zufolge jahrelang der radikalislamistischen Szene an. Bei einem Aufenthalt im Jemen 2006 lernte er Awlaki, einen der meistgesuchten Terroristen, kennen und gewann offenbar sein Vertrauen. Kurz darauf bot sich Storm dem dänischen Geheimdienst PET als Informant an.

Der Däne und der in den USA geborene Awlaki hielten offenbar Kontakt. Dem Zeitungsbericht zufolge trafen sich beide 2009 in einem Camp in der jemenitischen Wüste. Dabei sei dann die entscheidende Frage gefallen. "Er fragte mich, ob ich eine westliche Frau kenne, die er heiraten könnte", sagte Storm "Jyllands Posten". "Ich glaube, er vermisste jemanden, der seine westliche Geisteshaltung verstehen konnte." Den Angaben Storms zufolge hatte Awlaki zu dem Zeitpunkt bereits zwei arabische Ehefrauen, die in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa lebten. Nun suchte er explizit eine weiße, zum Islam konvertierte Frau, die ihn auf seiner Flucht von Versteck zu Versteck begleiten sollte.

Erfunden, ausgedacht, gelogen? Zu banal, um wahr zu sein? Dieser Verdacht schleicht sich beim Lesen umgehend ein. Zumal der dänische PET und auch die CIA keinen öffentlichen Kommentar dazu abgeben. Doch Storm präsentierte der angesehenen Redaktion "Jyllands Posten" diverse Beweise: Videos, Nachrichten von Awlaki, Reisebelege und das Foto von einem mit 250.000 Dollar gefüllten Koffer. Offenbar überzeugend.

Volltreffer bei Facebook

Storm berichtete den Reportern, dass er sich damals auf die Suche nach einer passenden Frau gemacht habe und schließlich nach zwei Monaten bei Facebook fündig geworden sei: Aminah, eine junge Frau aus Zagreb, die erst kürzlich zum Islam übergetreten war. Die Kroatin arbeitete demnach mit behinderten Jugendlichen und bezeichnete sich als Fan von Anwar al-Awlaki. Nach einer Weile erklärte sie sich laut Storm tatsächlich bereit, einen der meistgesuchten Männer weltweit zu heiraten.

Und Awlaki zeigte sich sehr interessiert an der blonden Aminah. Er ließ sie den Unterlagen Storms zufolge aber gleich per E-Mail wissen, dass an seiner Seite kein komfortables Leben möglich sei. Er lebe nicht an einem festen Ort und manchmal nur in einem Zelt. "Manchmal muss ich sehr isoliert von anderen Menschen leben. Das bedeutet, dass ich und meine Familie keine anderen Menschen treffen können."

Hier kommen Storms Aussagen zufolge die Geheimdienste ins Spiel. PET und CIA planten demnach, ein Spürgerät in Aminahs Koffer zu platzieren, um Awlakis Aufenthaltsort herauszubekommen.

Im Februar 2010 tauschten der Top-Terrorist und die blonde Europäerin Videos aus. Ein paar Tage später erklärte er ihr, dass sich seine Lebensbedingungen etwas verbessert hätten. "Ich lebe derzeit nicht in einem Zelt, sondern im Haus eines Freundes", heißt es in einem Schreiben aus den Unterlagen Storms. "Ich ziehe diese Residenz einem Zelt in den Bergen vor, weil ich hier lesen, schreiben und forschen kann."

Terrorist vor Blümchentapete

Nun wurden die Vorbereitungen den Schilderungen Storms zufolge konkreter. Er traf sich in Wien mit Aminah - beschattet von Männern der CIA. Er habe ihr bei der Gelegenheit auf Anweisung Awlakis erklärt, wie man verschlüsselte Nachrichten sendet. Bald darauf kam es zu einem weiteren Treffen in Wien, bei dem er Aminah erneut ein Video Awlakis zeigte. Darin präsentierte sich der Qaida-Mann in weißer Ausgeh-Robe vor rosa Blümchentapete. "Diese Aufzeichnung ist speziell für Schwester Aminah." Sie selbst habe ihrerseits zwei Videos aufgenommen - einmal mit, einmal ohne Schleier. "Bruder, das bin ich ohne Schleier. So kannst du mein Haar sehen. Ich hoffe, ich gefalle dir. Inshallah."

Bei diesem zweiten Treffen in Österreich übergab Storm der jungen Frau einen präparierten Koffer, mit dem sich ihre Spur verfolgen lassen sollte.

Beim dritten Besuch in Wien, am 18. Mai, kaufte der Däne für Aminah ein Ticket in den Jemen und übergab ihr seinen Angaben zufolge 3000 Dollar. Sie sei Anfang Juni nach Sanaa geflogen. Sein Part sei damit erledigt gewesen, berichtete er. Sein Lohn: ein Koffer gefüllt mit 250.000 Dollar, den ihm zwei Agenten in Kopenhagen übergaben.

Doch der Plan misslang, heißt es in "Jyllands Posten" weiter. Denn Aminah musste mehrere Wochen in Sanaa warten, und als sie schließlich zu ihrem Bräutigam gebracht wurde, durfte sie ihr Gepäck nicht mitnehmen. Die beiden heirateten kurz darauf, und Storm erhielt noch einmal Nachricht aus dem Jemen. Ein Dankeschön. Aminah habe nicht nur seine Erwartungen erfüllt, sondern sei noch viel besser. Später gab es erneut Kontakt zwischen den beiden Männern. Laut Storm bat Awlaki um diverse Pflegeprodukte, unter anderem Conditioner für Aminahs Haare.

Wenig später, im September, wurde er bei einem Drohnenangriff getötet. Aminah schloss sich laut Storm daraufhin den Terroristen an.

ler

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