Walisischer Protestsänger Dafydd Iwan Der Barde und der Brexit

Der Liedermacher Dafydd Iwan kämpft seit Jahrzehnten für die Autonomie von Wales, aber selten war der 76-Jährige so populär wie heute. Die Brexit-Debatte beschert ihm besonders unter jungen Leuten neue Fans.
Dafydd Iwan: "Nationalismus kann schnell hässliche Formen annehmen"

Dafydd Iwan: "Nationalismus kann schnell hässliche Formen annehmen"

Foto: Jeff Morgan/ CAMERA PRESS/ laif

Die TV-Produzenten hatten die Szene mit jener Tonmischung unterlegt, die dem Zuschauer zu verstehen gibt, dass der Held nun beherzt losreiten würde, auf in die Schlacht. So ganz konnte das musikalische Pathos aber nicht das friedliche Vogelgezwitscher überblenden, das das erste Treffen zwischen Prinz Charles und Dafydd Iwan begleitete.

Es war Sommer, und im Garten des königlichen Anwesens im walisischen Llandovery blühten die Rosen. Kein passendes Umfeld für die Begegnung zwischen einem Helden und einem Schurken. Aber die Wirklichkeit entspricht eben nicht immer dem Drehbuch - und so reichten sich der Prince of Wales und sein republikanischer Widersacher nach 50 Jahren aus der Ferne gepflegter Feindschaft schließlich die Hände.

Dafydd Iwan, 76, ist ein berühmter Protestsänger, Unabhängigkeitskämpfer und der ehemalige Präsident der walisisch-nationalen Partei Plaid Cymru. Man muss ihn sich wie einen walisischen Hannes Wader oder Reinhard Mey vorstellen - mit etwas radikalerer Vergangenheit. Seine alten Fans und Mitstreiter nehmen ihm das Treffen mit Charles übel. Trotzdem ist Iwan heute so beliebt wie lange nicht - dank einer neuen Welle junger Unabhängigkeitsbefürworter.

Die Begegnung zwischen Prinz und Barde ist eine Szene in einer Dokumentation, die im Juli auf S4C lief, dem einzigen walisischsprachigen Sender Großbritanniens. Sie ist das Ende einer Geschichte, die kurz vor Charles' Ernennungszeremonie zum Prinzen von Wales begann. Das war 1969, Dafydd Iwan war damals 25 Jahre alt, Antimonarchist und Star der walisischen Popwelt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Für die Amtseinführung hatte sich Iwan den Satiresong "Carlo" ausgedacht, der in Wales zur Hymne gegen das Königshaus werden sollte. "Carlo" ist walisisch für Charlie. Im Text heißt es: "Ich hab' nen kleinen Freund im Buckingham Palace, der heißt Carlo Windsor. Letztes Mal, als ich an der Tür klopfte, öffnete seine Mutter und sagte: Carlo spielt heut Polo mit seinem Daddy." Die Single brach alle Rekorde für walisischssprachige Popmusik.

Prince of Wales: "Charles würde ich einem Boris Johnson immer vorziehen"

Prince of Wales: "Charles würde ich einem Boris Johnson immer vorziehen"

Foto: Peter Nicholls / Getty Images

Während die walisischen Nationalisten das Lied feierten, bekam Iwan dafür scharfe Kritik von Kolumnisten und Kommentatoren, die den Song als bösartige persönliche Attacke gegen den Prinzen interpretierten.

"Ich weiß nicht, wie radikal ich dieser Tage noch bin"

Ein halbes Jahrhundert später nun also ein Treffen mit Carlo, begleitet von viel Murren aus der alten walisischen Unabhängigkeitsgarde. "Die Leute sagen es mir nicht ins Gesicht", sagt Iwan. "Aber ich habe mitbekommen, dass sie das Treffen nicht gutheißen." Er spielt auf die Nationalisten der Sechzigerjahre an, etwa Mitglieder der walisischen Befreiungsarmee (FWA) oder der Bewegung zur Verteidigung von Wales (MAC), die mit ihren Bombenanschlägen die Regierung in Westminster verunsicherten.

Es war eine Periode walisischer Geschichte, in der gleich mehrere einschneidende Erlebnisse die Wut gegen London schürten: 1965 wurde eine walisischsprachige Gemeinde aus dem Tal Tryweryn in Nordwales zwangsumgesiedelt, um ein Wasserreservoir für Liverpool zu schaffen. Nur ein Jahr später begrub eine Haldenlawine das Bergbaudorf Aberfan, 144 Menschen starben, 116 davon Kinder. Das britische National Coal Board hatte die Instabilität der Halde ignoriert. Nicht wenige Nationalisten liebäugelten damals mit Gewalt.

Dafydd Iwan 1970 nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis: Bei Aktionen und Protesten immer vorn dabei

Dafydd Iwan 1970 nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis: Bei Aktionen und Protesten immer vorn dabei

Foto: Central Press/ Getty Images

Iwan hat sich an solchen Übergriffen nie beteiligt, bei friedlichen Aktionen und Protesten war er jedoch zumeist ganz vorn mit dabei. Einmal ging er dafür sogar ins Gefängnis: Damals leitete er eine Gruppe von Leuten an, die englische Straßenschilder grün übermalten und die walisische Bedeutung drüberpinselten. Damit übersetzte er einen seiner populärsten Songs, "Peintio'r Byd Yn Wyrdd" (Mal' die Welt grün an), in dem es um den Aufstand gegen England geht, de facto in die Realität: keltisches Grün gegen englisches Rot.

"Ich weiß nicht, wie radikal ich dieser Tage noch bin", sagt Iwan heute. Wer ihn treffen will, muss eine ganze Weile Landstraße fahren. Iwan, geboren im mehrheitlich englischsprachigen Süden von Wales, wohnt heute im Norden, in Gwynedd, wo die letzten keltischen Herrscher auf dem Thron saßen und Bauern noch heute Dichter und Sänger sind. Hier spricht der Großteil der Bevölkerung Walisisch.

In zerknautschter Lederjacke mit der gelben Plaid-Cymru-Blume am Revers öffnet Iwan die Tür der "Deli'r Bank" in Penygroes, einem kleinen, windschiefen Ort, in dem die Fassaden der engen Häuser abwechselnd Naturstein oder Waschbeton tragen. In dem alten Gebäude der HSBC-Bank hat eine Initiative mit EU-Geldern ein Gemeinschaftsprojekt untergebracht, mit lokaler Delikatessentheke, einem kleinen Café, Büchern über die Region und einem Spielgerüst in einer Ecke.

Solche Projekte, die walisische Kultur und Sprache am Leben erhalten, sind es, die der Sänger heute unterstützt. Die Unabhängigkeit von Wales, sagt er, betreffe nicht allein die Machtverschiebung von London nach Cardiff, sondern auch die Kommunen. Der drohende Austritt aus der EU sei für Wales eine Katastrophe: Die Fördergelder hätten gerade hier, in einer der ärmsten Regionen Großbritanniens, einen großen Unterschied gemacht. "Brexit ist ein Chaos und eine Blamage für uns alle."

Doch der Brexit trägt auch dazu bei, dass nun besonders die Jugend auf die Straße geht. Im Mai protestierten Tausende in Cardiff, einer YouGov-Umfrage zufolge sprachen sich zuletzt 24 Prozent der Bevölkerung für ein unabhängiges Wales aus. Nationalismus und Autonomiebestrebungen sind wieder in Mode gekommen, eine neue Generation lernt wieder Walisisch - und Iwan profitiert davon. Bei seinen Konzerten tauchen immer mehr junge Leute auf, bei Demonstrationen ist er ein gern gesehener Gast. Bei einer Protestaktion in Caernafon Ende Juli spielte er seinen Evergreen "Yma o Hyd" - "Wir sind immer noch da". Seine Stimme ging fast unter, so laut sangen die Demonstranten mit. Auf YouTube ist ein Video davon zu sehen .

Solche Momente lösen bei Iwan jedoch nicht nur Glücksgefühle aus. "Nationalismus kann schnell hässliche Formen annehmen", sagt er. "Wir müssen aufpassen, dass wir mit der Euphorie keine Grenze überschreiten." Dann erzählt er von einer Begegnung, die ihm zu denken gegeben hat: Bei einem keltischen Folkmusikfestival kam der Sänger der irischen Band The Fureys auf ihn zu. Er hatte gerade seinen Auftritt beendet, walisischer Regionalstolz hing in der Luft. "Junge, du musst mit so was aufpassen", habe der Ire zu ihm gesagt. "Schau, was bei uns passiert ist."

Iwan will noch immer die Unabhängigkeit von Wales, aber nicht um jeden Preis. Er bleibe Republikaner, das habe er auch Charles schon so gesagt. Mit dem Prinzen aber, stellte er nach dem Treffen fest, hat er nur als Institution ein Problem. Mit dem Mann Charles Windsor teile er viele Ansichten, etwa zum Klimawandel und der Erhaltung der Kultur. "Charles würde ich einem Boris Johnson immer vorziehen."