Krieg in Syrien Militär und Rebellen liefern sich Gefechte in Damaskus

Syriens Hauptstadt galt bisher als Bastion von Diktator Assad - nun wird Damaskus immer häufiger zum Schauplatz von Gefechten. Die Kämpfe zwischen regimetreuen Soldaten und Rebellen an diesem Montag waren Einwohnern zufolge die heftigsten seit Beginn des Kriegs.

Brennendes Auto: Die Aufnahme stammt aus dem Video einer oppositionellen Aktivistengruppe und soll im Damaszener Viertel Nahr Aischa entstanden sein
DPA/ SNN

Brennendes Auto: Die Aufnahme stammt aus dem Video einer oppositionellen Aktivistengruppe und soll im Damaszener Viertel Nahr Aischa entstanden sein


Beirut/Damaskus - Nach monatelangen Kämpfen zwischen der syrischen Armee und bewaffneten Regimegegnern erfasst die Gewalt nun auch zunehmend die Hauptstadt Damaskus. Augenzeugen berichteten an diesem Montag von heftigen Gefechten in der Stadt, sie sprachen von den schwersten Kämpfen in Damaskus seit Beginn des Aufstands gegen Machthaber Baschar al-Assad.

Den Berichten zufolge rollten gepanzerte Fahrzeuge und Schützenpanzer in den südlichen Stadtbezirk Midan. Auf den Dächern bezogen Scharfschützen Position. In den Straßen mehrerer Stadtteile war demnach der Gefechtslärm schwerer Waffen und Explosionen zu hören. Die Regierungstruppen schlossen nach Darstellung von Augenzeugen die Straße zum Flughafen.

"Die Sicherheitskräfte sind in das Wohngebiet eingerückt, das ist ein richtiger Krieg, was da abläuft", sagte ein Bewohner Midans. Auf einem Internetvideo, das aus dem Stadtbezirk stammen soll, sind Schüsse schwerer Maschinengewehre zu hören. Bewohner sollen Straßen mit Barrikaden blockiert haben, um den Truppen den Weg nach Midan zu erschweren, wo vor allem Sunniten leben. In dem Konflikt spielen seit einiger Zeit die Differenzen zwischen den Religionsgruppen eine immer größere Rolle. Die Führung um Präsident Assad sind Alawiten, die zur schiitischen Glaubensrichtung des Islam gehören. Viele Aufständische sind Sunniten.

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Syriens Präsident Assad: Diktator in der Defensive
Der in Syrien lebende Aktivist Mustafa Osso sagte, es scheine sich um eine neue Strategie der in der Freien Syrischen Armee zusammengeschlossenen Rebellen zu handeln. "Die Hauptstadt war immer sicher. Dies wird das Regime beunruhigen." Anders als Teile der syrischen Provinz war Damaskus bisher fest in der Hand der Truppen von Präsident Assad. Die Kämpfe gingen nach Angaben von Regimegegnern auch am Montagabend weiter.

Die Muslimbruderschaft sieht Anzeichen für einen baldigen Sturz Assads

Bereits am Sonntag war es zu schweren Gefechten in Damaskus gekommen. Nach Angaben von Oppositionellen starben dabei mindestens fünf Menschen, viele seien verletzt worden. Über Opfer der Kämpfe am Montag gab es zunächst keine Informationen. Die meisten Berichte aus dem Kampfgebiet stammen von Aktivisten der Opposition und Einwohnern. Journalisten haben offiziell keinen Zugang.

Die oppositionelle Muslimbruderschaft wertete die Gefechte in Damaskus als Zeichen für den baldigen Sturz von Präsident Assad. Die Muslimbrüder riefen die Bewohner von Damaskus auf, Straßen zu blockieren und Brandbomben auf Fahrzeuge der Sicherheitskräfte zu werfen.

Auch in den Vierteln al-Tadhamun und al-Sahira soll es Kämpfe gegeben haben. Aktivisten veröffentlichten in der Nacht auf Montag ein Video, das ein Gebiet zwischen den Stadtteilen Kafr Susa und al-Messe zeigen soll, in dem Schüsse zu hören sind. "Die Stimmung hat sich sehr verändert", sagte ein Bewohner der Hauptstadt. Berichte von Entführungen machten die Runde. Regimegegner meldeten zudem heftige Gefechte aus den Provinzen Hama und Aleppo.

Annan trifft Putin

Die internationalen Bemühungen für ein Ende der Gewalt in Syrien gehen weiter: Kofi Annan, Uno-Gesandter für Syrien, reiste am Montag zu einem zweitägigen Besuch nach Moskau, wo er mit Präsident Wladimir Putin über die Lage in Syrien sprechen will. Russland ist zusammen mit China ein enger Verbündeter Assads und verhindert bislang Strafmaßnahmen der Uno gegen die syrische Führung. Eine Änderung dieser Haltung ist auch durch den Annan-Besuch kaum zu erwarten. Kurz vor einem Gespräch mit Annan lehnte Russlands Außenminister Sergej Lawrow einen Resolutionsentwurf des Uno-Sicherheitsrats zur Ausweitung des Beobachtereinsatzes ab, der die Drohung von Sanktionen beinhaltet. Derartige Schritte enthielten "Elemente der Erpressung", sagte Lawrow in Moskau und warb stattdessen für einen russischen Entwurf, der keine Strafmaßnahmen vorsieht.

Russland und China haben mit ihrem Veto im Sicherheitsrat schon mehrere Resolutionen gegen Syrien verhindert. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon wird diese Woche zu Gesprächen in Peking erwartet.

Als Reaktion auf das gewaltsame Vorgehen Assads hat Marokko am Montag den syrischen Botschafter ausgewiesen. Zugleich forderte die Regierung in Rabat die syrische Führung auf, einen politischen Wandel zur Demokratie zuzulassen, um die Einheit Syriens sowie Stabilität und Frieden in der Region zu sichern. Syrien erklärte als Reaktion auf den Schritt Marokkos dessen Botschafter ebenfalls zur unerwünschten Person. Im Mai hatte Deutschland zusammen mit zahlreichen westlichen Staaten die syrischen Botschafter ausgewiesen. Anlass war ein Massaker an 108 Einwohnern der syrischen Stadt Hula. Vergangene Woche hatte der syrische Botschafter im Irak seinen Posten verlassen und sich öffentlich auf die Seite der Aufständischen gestellt.

Nach Berechnungen syrischer Menschenrechtler wurden in dem schon eineinhalb Jahre dauernden Aufstand bislang mehr als 17.000 Menschen getötet.

hen/Reuters/dpa/dapd

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ein anderer 16.07.2012
1. ...
Zitat von sysopDPASyriens Hauptstadt galt bisher als Bastion von Diktator Assad - nun wird Damaskus immer häufiger zum Schauplatz von Gefechten. Die Kämpfe zwischen regimetreuen Soldaten und Rebellen an diesem Montag waren Einwohnern zufolge die heftigsten seit Beginn des Kriegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844744,00.html
Bewaffnete die sich als Zivilisten tarnen, können überall zuschlagen. Damit, aber auch, dass sich diese Kämpfer gerne unter Zivilisten verstecken, sind sie für die zivilen Opfer mitverantwortlich.
kunsthonig 16.07.2012
2. Aufklärung?
Zitat von sysopDPASyriens Hauptstadt galt bisher als Bastion von Diktator Assad - nun wird Damaskus immer häufiger zum Schauplatz von Gefechten. Die Kämpfe zwischen regimetreuen Soldaten und Rebellen an diesem Montag waren Einwohnern zufolge die heftigsten seit Beginn des Kriegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844744,00.html
Hula, ist das nun eigentlich aufgeklärt? Selbst im SPON wurden widersprüchliche Angaben zu den Schuldigen gemacht. Zur "Ruhe" kann es nur kommen, wenn BEIDE Seiten die Waffen niederlegen und miteinander reden. Das sollte die Opposition mal probieren, Assad müßte sich dann beweisen - die Grenzen und "Handelswege" gehören natürlich auch dicht gemacht.
lifeguard 16.07.2012
3.
Zitat von sysopDPASyriens Hauptstadt galt bisher als Bastion von Diktator Assad - nun wird Damaskus immer häufiger zum Schauplatz von Gefechten. Die Kämpfe zwischen regimetreuen Soldaten und Rebellen an diesem Montag waren Einwohnern zufolge die heftigsten seit Beginn des Kriegs. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,844744,00.html
tja, neue lage: assad steht mit dem rücken zur wand. es dürfte nur noch eine frage der zeit sein, wann die geschäftswelt vom damaskus, aleppo und idlib sich von ihm distanziert, sobald sie begriffen haben, das er nicht einmal mehr die sicherheit der hauptstadt gewährleisten kann. es sei an das gaddafi-regime letztes jahr erinnert: als die dortigen rebellen tripolis angriffen, fiel das regime innerhalb weniger tage zusammen. ebenso könnte sich bald innerhalb der herrschenden familie die machtfrage stellen, denn assad hat sich als zu schwach erwiesen, den aufstand niederzuschlagen und es scheint andere leute ( maher al assad) zu geben, die härter zuschlagen wollen. allerdings dürfte es selbst im falle eines sturzes von assad keine geordnete machtübergabe geben. die FSA kontrolliert innerhalb des landes keine geschlossenen gebiete, ihre brigaden operieren teilunabhängig vom eigenen oberkommando. eher scheint jetzt der zerfall syriens in kampfzonen und autonome gebiete, die nicht mehr von der regierung beherrschbar sind, zu beginnen. eine situation analog zum libanon in den 80zigern.
g.raymond 16.07.2012
4. Allahu Akbar, Allahu Akbar.....
Das in der NEW YORK TIMES gezeigte Video aus dem jetzt umkämpften Stadtteil Midan in Damaskus lässt die pausenlos skandierten Allahu Akbar Rufe der Rebellen hören und gibt einen realen Eindruck von dem religiösen Furor der Rebellen: http://projects.nytimes.com/watching-syrias-war. Es ist grotesk, dass der Westen und die mit ihm verbündeten Türkei und Saudi-Arabien diesen religiösen Kampfgeist finanziell und militärisch massiv unterstützen,-- aus unterschiedlichsten Interessenlagen. Es ist grotesk, dass die westliche Presse bis auf wenige Ausnahmen immer wieder einseitig Öl in dieses Feuer giesst. Ich halte sie für mitverantwortlich für diesen aufflammenden Bürgerkrieg. Als alter SPIEGEL-Verehrer bin ich empört, dass der SPIEGEL kein Editorial zustande bringt, in dem Tacheles geredet und Stellung bezogen wird gegen die empörende Einseitigkeit von Hillary Clinton, die nur den Sturz von Assad fordert, und das seit dem sogenannten Massaker in Hula, das nach den überzeugenderen Quellen von den Rebellen verursacht wurde. Ich wünschte mir erine Opposition wie zu Zeiten des Vietnahm-Krieges.
homerlein 16.07.2012
5. Zur Ruhe....
Zitat von kunsthonigHula, ist das nun eigentlich aufgeklärt? Selbst im SPON wurden widersprüchliche Angaben zu den Schuldigen gemacht. Zur "Ruhe" kann es nur kommen, wenn BEIDE Seiten die Waffen niederlegen und miteinander reden. Das sollte die Opposition mal probieren, Assad müßte sich dann beweisen - die Grenzen und "Handelswege" gehören natürlich auch dicht gemacht.
...kann es nur kommen, wenn Assad geht. Nach so viele tote gibt es nichts zu besprechen.
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