Damenwahl im Kabinett Europa entdeckt den Frauenfaktor

Eine schwangere Armeechefin, eine Justizministerin ohne Jurastudium, eine Synchronschwimmerin im Wirtschaftsressort: Immer mehr Frauen rücken in Europas Regierungen ein. Oft sind sie Quereinsteigerinnen, brechen mit Polit-Klischees. SPIEGEL ONLINE zeigt die neuen Machthaberinnen.

Hamburg - Die Wende kam schleichend, doch sie ist nicht mehr zu übersehen. Plötzlich sind die fadesten Politiker-Gruppenfotos bunt. Die neuen Ministerinnen blitzen mit fuchsienfarbenen Kostümen und wohlfrisiert zwischen all den Anzug-und-Krawatte-Uniformen hervor. Nach dem Fototermin feilschen sie um Extra-Milliarden für den Krippenausbau. Sie fahren auf Truppenbesuch mit Schwangerschaftsbauch. Sie entscheiden plötzlich über riesige Etats. Frauen rücken massiv in Europas Regierungen ein.

"Ohne Frauenquote wäre ich gar nicht in der Politik", sagte einst die deutsche Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Auch Kanzlerin Angela Merkel hat schon den "harten Kampf zwischen Karriere oder Familie" bemängelt.

Der Politikeralltag mit seinen häufig männerbündischen Strukturen, der Kumpanei im Hinterzimmer, seinen Spontansitzungen und Diskussionsrunden bis mitten in die Nacht ist familienunfreundlich - und das heißt eben in der Regel noch immer: frauenfeindlich. "Es wird nach wie vor geklüngelt", sagt die Basler Politologin Gesine Fuchs. "Und es gibt nach wie vor politische Bereiche, in die Frauen nur schwer reinkommen." Die Forscherin verweist auf Regierungsgremien wie die Hartz-Kommission: In der 15-köpfigen Runde saß nur eine Frau.

"Mittlerweile kann es sich kaum ein Regierungschef leisten, ein Kabinett ohne Frauen aufzustellen", sagt Fuchs - und sieht einen Grund dafür in den Quotenregelungen: "Sie sind wesentlich dafür verantwortlich, dass man jetzt immer mehr Ministerinnen sieht." In Deutschland hatten die Grünen eine Frauenquote von 50 Prozent für alle Wahlämter beschlossen. 1988 zog die SPD nach und beschloss, zunächst ein Drittel und von 1994 an 40 Prozent der Gremienämter weiblich zu besetzen. 1996 rang sich die CDU nach langer Debatte dazu durch, ein Drittel der Parteiämter für Frauen zu reservieren. CSU und FDP haben bis heute keine internen Regelungen. In 21 der 27 EU-Staaten gibt es mittlerweile politische Frauenquoten. Die Regelungen schwanken zwischen einem Drittel und einem Viertel weiblichem Mindestanteil in der Volksvertretung.


SPIEGEL ONLINE zeigt, wie mächtig Frauen in großen europäischen Ländern sind - und wie sie zu ihrem Einfluss gekommen sind:

Der Wandel wird am Beispiel Spaniens besonders deutlich - die Testosteronkonzentration im spanischen Kabinett ist seit Mitte April auf ein historisch niedriges Level geschrumpft: Neben Finnland gibt es jetzt mit Spanien schon die zweite Regierung eines EU-Landes, die mehrheitlich von Frauen besetzt ist. An der Spitze des Verteidigungsministeriums steht die 37-jährige Carme Chacón. Zum Truppenbesuch reist ein Gynäkologe mit, wusste der britische "Observer" zu berichten - Chacón ist im siebten Monat schwanger.

José Luis Rodríguez Zapateros Damenoffensive spiegelt einen Trend wider: In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil von Frauen in politischen Führungspositionen angestiegen wie nie zuvor. Derzeit gibt es in Europa sechs weibliche Außenminister - und mit der finnischen Tarja Halonen und Deutschlands Kanzlerin eine Präsidentin und eine Regierungschefin.

Hatten Deutschland, Frankreich und Großbritannien Mitte der Neunziger in ihren Regierungen noch einen mageren Frauenanteil zwischen 7 und 16 Prozent, haben heute alle drei Länder die Drittelmarke übersprungen, zeigt eine Studie der Interparlamentarischen Union (IPU). Außerdem bilanziert das Papier:

  • Weltweit sind 17 Prozent der Abgeordneten weiblich - sieben Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren.
  • Die EU liegt in Sachen politischer Chancengleichheit über dem Durchschnitt: 1997 saßen 16 Prozent Frauen in Parlamenten der Europäischen Union, heute ist knapp ein Viertel weiblich. Europas Spitzenreiter sind Schweden, Finnland und die Niederlande - die Schlusslichter Ungarn, Rumänien und Malta (siehe Grafik).
  • Bei der Verteilung der Ministerjobs innerhalb Europas geht es höchst unterschiedlich zu: Griechenland und die Türkei haben jeweils nur eine Frau in der Regierung, die Slowakei zwei - in der finnischen Regierung sind zwölf von zwanzig Kabinettsposten weiblich besetzt.
  • Frauen rücken zunehmend in die Regierungen ein, wenn man den europäischen Durchschnitt betrachtet: Heute ist fast ein Viertel der Kabinettsposten in Europa mit Frauen besetzt; Mitte der Neunziger waren es noch 16 Prozent.

Avanciert also die einstige Männerbastion Politik zum neuen Karrierefeld von Frauen? Was in der freien Wirtschaft bislang kaum zu spüren ist - in den Vorständen der 30 Dax-Unternehmen sitzt nur eine einzige weibliche Spitzenmanagerin -, entwickelt sich in der Politik zum Frauenfaktor mit Wachstumspotential.

"Bis hierhin und nicht weiter"

Selbst in Italien, einem Land, in dem Frauen bei wirtschaftlichen Führungspositionen im EU-Vergleich den vorletzten Platz belegen, sollen sich die Zeiten ändern. Premier Silvio Berlusconi hat angekündigt, mindestens ein Drittel seiner Ministerriege weiblich zu besetzen - das frisch vereidigte Kabinett Zapateros diffamierte er allerdings als "zu rosa".

Fuchs warnt davor, politische Frauenkarrieren als selbstverständlich zu betrachten. "Die gläserne Decke ist da", sagt sie. Die Quote werde mitunter als höchstes Maß der Frauenbeteiligung betrachtet. "Bis hierhin und nicht weiter", würden vor allem einige konservative Politiker "hinter vorgehaltener Hand" denken. Umso wichtiger sei es, dass Frauen die Gelegenheiten nutzen, die sich ihnen bieten, meint die Politologin.

In den meisten Industrieländern sind fast ebenso viele Frauen wie Männer berufstätig, beim Bildungsniveau haben sie diese sogar überholt: Im EU-Durchschnitt sind 59 Prozent der Hochschulabsolventen weiblich. Letztlich spiegelt die neue Frauenpräsenz in der Politik schlichtweg ein verändertes gesellschaftliches Gefüge wider.

"Gut so", sagt Fuchs: "Für den Aufsichtsrat mag das Prinzip zwar nicht gelten - aber das Parlament wird schließlich demokratisch bestimmt."

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