Daniel Cohn-Bendit Dompteur der kleinen grünen Kröte

Die Grünen in Frankreich galten als abgeschrieben, zerfaserten in Splittergruppen. Doch der Erfolg bei der Europawahl brachte Schwung in die Bewegung. Ihr gefeierter Star ist Daniel Cohn-Bendit. Jetzt muss sich zeigen, ob das bunte Parteienbündnis den Realo-Kurs des Strippenziehers mitgeht.

AFP

Von , Nîmes


Zwischen den mittelalterlichen Mauern der Festung Vauban preisen Verkäufer Recyclingpapier, Biotinte und Fair-Trade-Kaffee an, neben den Befürwortern der Weltsprache Esperanto und den Vertretern der "Grauen Panther" haben Stierkampf-Gegner ihre Plakate aufgehängt, während auf den mächtigen Wehren Rosé und Apfelsaft ausgeschenkt wird: In der Universität oberhalb des römischen Stadtzentrums von Nîmes sind seit gestern Frankreichs Umweltverbände zum dreitägigen Konklave versammelt.

Trotz schwergewichtiger Workshops (Tibet, Iran, die Gefahr elektronischer Wellen, Kampf dem Sexismus, Fracht im Eisenbahnverkehr) verbreiten die Aktivisten, Naturschützer und Öko-Sympathisanten die offiziell als "festlich-fleißig" gepriesene Atmosphäre - das grüne Fluidum rangiert irgendwo zwischen Dritte-Welt-Basar und Kirchentag.

Die Wetterbehörden haben wegen der siedenden Temperaturen für sechs südfranzösische Departements Hitzewarnungen ausgegeben, aber im Hörsaal fünf - politisch korrekt, also ohne Klimaanlage - liegt der "gefühlte Enthusiasmus" noch deutlich über den draußen gemessenen 38 Grad Celsius: Drei Monate nach ihrem Erfolg bei den Europawahlen, bei denen die französischen Grünen 16,28 Prozent der Stimmen erhielten, sind die Anhänger und Freunde der Umweltbewegung noch immer beseelt von ihrem Ergebnis.

Öko-Fraktionen bilden Wahlbündnis

Mit 14 Abgeordneten stiegen die französischen Umweltvertreter zur drittstärksten Kraft auf, hinter den Konservativen und den Sozialisten. "Die kleine grüne Kröte will größer werden als der sozialistische Elefant", kommentiert "Le Midi Libre" den Traum der Öko-Allianz, sich zum 25. Geburtstag landesweit als glaubwürdige Opposition zu profilieren - und als Alternative zur maroden Sozialistischen Partei (PS).

1984 gegründet, wurden die französischen Umweltschützer lange als unruhestiftende Sektierer verhöhnt. Trotz unzweifelhafter Erfolge bei den Europawahlen 1999 oder im Präsidentschaftswahlkampf 2002 (5,25 Prozent) und einer wachsenden Zahl von Regionalvertretern blieb der Einfluss der Grünen beschränkt. Und als Nicolas Sarkozy 2007 gegen Ségolène Royal zum Rennen um den Einzug in den Élysée antrat, kam die grüne Kandidatin Dominique Voynet nur auf blamable 1,57 Prozent. Französische Medien verkündeten prompt den Untergang der "Verts", zumal längst auch die anderen Parteien Umweltschutz als populäres Thema entdeckt haben.

Es kam anders, und das Wunder hat einen Namen: Daniel Cohn-Bendit. Der grüne EU-Politiker, seit seiner Rolle als Studentenführer bei der Mai-Revolte von 1968 in Frankreich als "roter Dany" berühmt und berüchtigt, konnte die zersplitterten Öko-Fraktionen zu einem überzeugenden Wahlbündnis zusammenschmieden. Mit Pragmatismus und Verhandlungsgeschick verständigte der Straßburger Parlamentarier eine Vielzahl von auseinanderdriftenden Gruppierungen auf einen gemeinsamen Kurs.

Cohn-Bendit ist ihr Lautsprecher

Durchaus eine Leistung, denn die Liste "Europe Écologie" vereint eine heterogene Phalanx. Dazu gehört der schnauzbärtige Bauerngewerkschafter José Bové ebenso wie die Anhänger aus dem Umfeld des smarten TV-Ökos Nicolas Hulot oder die EU-Abgeordnete und renommierte Ex-Richterin Eva Joly. Was Wunder, dass Frankreichs Medien den Ex-Revoluzzer Cohn-Bendit als Star des links-grünen Spektrums hochschreiben oder gar schon zum alternativen Präsidentschaftskandidaten kürten. Der urlaubsgebräunte Polit-Profi weist in Nîmes alle persönlichen Ambitionen von sich: "Ich will nur als Lautsprecher fungieren."

Der Erfolg an der Urne stellt die französischen Umweltschützer freilich vor ein Dilemma: Wer bestimmt den ökologischen Kurs? Die lockere Basisbewegung "Europe Écologie" (15.000 Sympathisanten) oder die politische Formation "Les Verts" (8000 Mitglieder)? In Nîmes ist der Widerspruch greifbar: Die Partei stellt zwar die Organisatoren des dreitägigen Debattenmarathons, doch die Strippenzieher der Bewegung, im Tagungsprogramm ironisch als "nicht definiertes politisches Objekt im Aufbau" beschrieben, haben weitgehend die programmatische Marschrichtung der Beratungen festgelegt.

Cécile Duflot, seit drei Jahren an der Spitze der Partei, sieht die Arbeitsteilung "noch nicht definiert", bezeichnet aber "Les Verts" als Rückgrat der neuen Allianz, die "Politik anders machen will": "'Europe Écologie' macht hingegen auch für jene ein Engagement möglich, die nicht gleich in eine Partei eintreten wollen", sagt Duflot und lobt die Kooperation "mit neuen Netzwerken und Beteiligung in permanenter Interaktion".

Basisbewegung muss die Partei stützen

Trotz solch luftig-hoffnungsvoller Erwartungen steht der Test auf die politische Stabilität des Bündnisses schon bei den Regionalwahlen im kommenden Februar an. Tatsächlich hat die Parteispitze längst begriffen, dass es für "Les Verts" nur im Schlepp mit der basisnahen Bewegung von "Europe Écologie" eine Chance gibt, den Erfolg der Europawahlen zu wiederholen und sich zugleich als dauerhaftes Gegenangebot im linken Parteispektrum zu verankern. Duflot wiegelt derart hochfliegende Erwartungen aber vorsichtig ab: "Es geht uns nicht um den politischen Wahlkalender, was zählt, ist die Arbeit an den großen ökologischen Herausforderungen."

Solche Selbstzweifel sind am Abend vergessen. Im überfüllten Hörsaal feiern 1600 Vertreter der grünen Basis ihre Promis mit begeistertem Beifall. Die Stimmung kippt nicht mal, als Cohn-Bendit den Tabubruch wagt und das Bündnis mit der verpönten politischen Mitte fordert: "Wenn ihr die Mehrheit wollt, verdammt noch mal, dann müsst ihr sie suchen, wo sie ist", donnert er mit Blick auf die kommenden Wahlen und wird auch dafür heftig beklatscht - grüne Harmonie im stickigen Hörsaal.



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