Darfur-Einsatz Kapitulation vor den blutrünstigen Banden

Jedes Jahr sterben in der umkämpften sudanesischen Provinz Darfur Zehntausende Menschen. Der Krieg breitet sich inzwischen in den Tschad und in die Zentralafrikanische Republik aus. Die Uno will helfen, doch ihre Mittel taugen bisher nicht.

Von , Nairobi


Nairobi - Was war das wieder für eine Aufregung. Kaum schnürten die deutschen Bundeswehrsoldaten im Kongo ihre Stiefel, ertönten in Berlin die Fanfaren für den nächsten Afrika-Einsatz. In diesem Fall rief der Sudan, das Land des Mahdi, in dessen Westen seit fast vier Jahren grausam Jagd gemacht wird auf die schwarze Urbevölkerung – mit bereits vierhunderttausend Toten - schätzungsweise.

Kämpfer der Nationalen Befreiungsfront in Darfur: 100.000 Tote pro Jahr
REUTERS

Kämpfer der Nationalen Befreiungsfront in Darfur: 100.000 Tote pro Jahr

Für einen Bundeswehreinsatz: Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, die "rote Heidi", und Verteidigungsminister Franz Josef Jung ("Wir haben eine humanitäre Verpflichtung, wenn es zu Massenmorden und Massenvergewaltigungen kommt"). Die FDP und andere quer durch alle Parteien dagegen. SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels etwa erklärte umgehend, man werde sich nicht an derartigen Aktionen beteiligen, nur weil man sich "mit schlechtem Gewissen nicht entziehen" könne. Und CDU-Fraktionschef Volker Kauder belehrte seinen Parteifreund Jung, dieser möge bitte die Entscheidungshoheit des Bundestags in solchen Angelegenheiten respektieren.

Worum es geht? Ende des Jahres läuft das Mandat der weitgehend tatenlosen und offensichtlich desinteressierten Afrikanischen Union ab. Die Uno will es richten und soll es nun richten, mittlerweile selbst nach dem Willen der in Darfur gescheiterten Afrikaner. Das Regime ihn Khartum, das dessen ungeachtet seinen Vernichtungsfeldzug fortsetzt, stimmt einer Uno-Truppe mal zu und mal bläst sie zur Jagd auf Vertreter der Weltorganisation, droht mit dem Dschihad und spricht von einer "neokolonialen Besetzung", die sie nicht hinzunehmen gedenke.

Die Uno? Sie weiß nicht. Mal blockieren die Chinesen, die viel Öl aus dem Land beziehen, mal die Russen, die viele Waffen dorthin liefern. So wird viel debattiert und nichts geschieht. Bereits im Sommer dieses Jahres sollten sich Blauhelme in Marsch setzen, um das Gemetzel, welches die amerikanische Regierung – als eine der wenigen schon seit langem einen Genozid nennt, zu beenden. Doch weil niemand weiß, wie sie das gegen den Willen Khartums bewerkstelligen sollten, wurde kurzerhand das sinnlose AU-Mandat verlängert.

Das ist allerdings nicht nur nahezu wirkungslos, sondern birgt noch andere Risiken. Die meisten afrikanischen Länder nämlich sind hochgradig korrupt. Und bei früheren Einsätzen in Westafrika zogen afrikanische Peacekeeper marodierend und plündernd durch die Dörfer. Wo das viele westliche Geld also landet, das die AU erhält, um in Darfur Frieden zu stiften, ist völlig unklar. In der AU zieht zudem mittlerweile Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi die Strippen, einer der schlimmsten Kriegstreiber der Region. Und einer der Verantwortlichen auch für die blutige Entwicklung Darfurs.

Und nun hat die AU wieder einmal heimlich, still und leise eine Verlängerung ihres Aufenthalts bis Mitte 2007 angekündigt. Dann hätte sie also ein Jahr länger im Sudan herumdilettiert, als selbst die geduldigsten Beobachter für vertretbar hielten. Die Statistik dürfte sich nicht so schnell ändern: In einem Jahr sterben in Darfur rund 100.000 Menschen.

Soldatenfrauen und -mütter und zartere Gemüter in Deutschland haben allerdings keinen Grund, sich angesichts der hysterischen Debatten zu ängstigen: Zu einem deutschen Einsatz wird es vorerst nicht kommen. Die Uno ist in dem Fall nur ein Papiertiger, der seine Zähne fletscht.

Reichlich absurd ist übrigens die Erklärung des deutschen Verteidigungsministers, mit einem Uno-Einsatz in Darfur könne man die Flüchtlingsströme aus Afrika nach Europa eindämmen. Die Elenden aus Afrikas Kriegen im Sudan, Somalia oder dem Kongo sind es nicht, die auf selbst gezimmerten Booten nach Gran Canaria fahren. Das ist der westafrikanische Mittelstand. Die Opfer von Afrikas Kriegen sterben einsam in unzugänglichen Wüsten und Wäldern.

Und derzeit sieht es nicht so aus, als würde ihre Zahl sinken. Der Darfur-Krieg breitet sich derzeit in Ost- und Zentralafrika aus wie ein Krebsgeschwür. Schon wüten von Khartum entsandte Rebellen im Osten des Tschads, und auch die Zentralafrikanische Republik steht an der Schwelle eines Bürgerkriegs.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.