Das Phänomen Fortuyn Die Stimme des verborgenen Rassismus


Amsterdam - Zunächst hatte man ihn als politische Randerscheinung abgetan. Rechtsextremisten schienen nicht in die liberale Tradition der Niederlande zu passen. Doch dann erzielte Pim Fortuyn mit seiner erst sechs Wochen alten Liste bei der Kommunalwahl am 6. März 34 Prozent der Stimmen in Rotterdam. Seitdem war mit dem 54-jährigen früheren Soziologieprofessor auch bei der Parlamentswahl am 15. Mai zu rechnen.

Die Partei "Pim Fortuyns Liste" hat die politische Landschaft der Niederlande binnen kürzester Zeit gewaltig aufgemischt. Während die etablierten Parteien in ihren alten Strukturen erstarrt zu sein schienen, sorgte Fortuyn mit seiner schillernden Persönlichkeit und seinen kompromisslosen Argumenten für neue und härtere Töne im Wahlkampf. Er nahm kein Blatt vor den Mund und scheute keine kontroversen Stellungnahmen - insbesondere zu Einwanderungsfragen. Gleichzeitig bekannte er sich freimütig zu seinen homosexuellen Neigungen und forderte persönliche Freiheitsrechte ein.

"Der größte Einfluss des Phänomens Fortuyn liegt darin, dass er viele Dinge ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt hat, die bislang verschwiegen wurden. Was vor kurzem noch als politisch inkorrekt galt, wird jetzt plötzlich ganz offen erörtert", erklärt Peter Groot, Professor für Sprachwissenschaften an der Universität Utrecht. Offensichtlich ist es dem Rechtsextremisten gelungen, den latenten Rassismus in der niederländischen Gesellschaft an die Oberfläche zu befördern. Zugleich ist er mit seinen Klagen über mangelhafte öffentliche Dienstleistungen, korrupte Geschäftspraktiken und schlechte Arbeitsmoral auf viel Zustimmung gestoßen.

Fortuyns Erfolg reihte sich ein in das Wiedererstarken rechtsextremistischer Parteien in mehreren europäischen Ländern, doch hatte man solche Strömungen in den als so liberal geltenden Niederlanden bislang weniger erwartet. Sie waren das erste Land, dass die Eheschließung von Homosexuellen ebenso billigte wie eine geregelte Prostitution, eine aktive Sterbehilfe und den Verkauf weicher Drogen in so genannten Coffee Shops. Doch die viel gepriesene Toleranz war offenbar nicht sehr weit entwickelt in Gegenden mit einer hohen Einwandererquote. Etwa zwei Millionen der 16 Millionen Niederländer stammen aus anderen Teilen der Welt, etwa 800.000 von ihnen sind Muslime.

"Die Niederlande sind voll"

Hier konnte Fortuyn mit seinen rechten Parolen viel an Boden gewinnen. Er geißelte die islamischen Einwanderer als rückständig und machte sie für die steigende Kriminalität verantwortlich - und stieß damit offenbar nicht auf taube Ohren. Nach seinem Kommunalwahlerfolg in Rotterdam, wo fast die Hälfte der Einwohner aus Immigrantenfamilien kommen, wurden ihm auch für die Parlamentswahl gute Erfolgschancen eingeräumt. Bis zu 29 Sitze im 150-köpfigen Parlament wurden ihm zeitweise vorausgesagt. Später wurde diese Zahl zwar auf 24 zurückgenommen, aber damit hätte er immer noch eine solide Basis in der Volksvertretung gehabt.

"Es gab schon immer einen unterschwelligen Rassismus im Lande", erklärt der Sozialhistoriker Han van der Horst. "Die Toleranzschwelle gegenüber den Muslimen ist sehr niedrig", bestätigt auch Rita Schriemer vom Rotterdamer Komitee gegen Diskriminierung. Fortuyn schien eine klare Antwort zu haben: "Die Niederlande sind voll." Des weiteren wollte er die Unterstützung für Behinderte und Kranke drastisch kürzen und den Schengen-Vertrag über den freien Grenzverkehr innerhalb der Europäischen Union aufkündigen.

Fortuyn ist nun einem Attentäter zum Opfer gefallen. Die Ideen aber, die er in die öffentliche Diskussion eingebracht hat, werden bis zur Wahl am 15. Mai zweifellos weiter erörtert werden.



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