Hollandes Schattenkabinett Rivalen, Freunde und die Ex

Viele fühlen sich berufen, ausgewählt hat der Sozialist bislang noch niemanden: Im Kader von François Hollande, der an diesem Sonntag in der französischen Präsidentschaftswahl gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy antritt, gibt es schon jetzt Gedränge um die Besetzung von Führungsposten.

REUTERS

Von , Paris


Der Vorwurf gehörte zur Standard-Attacke gegen François Hollande: Dem Kandidaten mangele es an Erfahrung in der Exekutive. Das Argument ist umso stichhaltiger, weil es - weitgehend - stimmt. Der langjährige Abgeordnete aus dem ländlichen Corrèze, Präsident des Regionalrats und elf Jahre an der Spitze der Sozialistischen Partei (PS), hat während seiner Politikerkarriere noch nie ein Ministeramt ausgeübt.

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Seine Kenntnisse der Machtausübung beschränken sich auf die Mitarbeit im Kabinett des sozialistischen Premiers Lionel Jospin und seine Zeit als "Sherpa" während der Präsidentschaft von François Mitterrand. Der Absolvent der staatlichen Kaderschmiede ENA fungierte seinerzeit als intellektueller Wasserträger, weit unten in der Hierarchie des Elysée.

Unfit für das höchste Amt der Fünften Republik ist er damit freilich nicht. Denn Hollande, ein umsichtiger Netzwerker, hat es verstanden einen Kreis von Spitzenleuten um sich zu versammeln: Er kann dazu aus dem Reservoir der lokalen und regionalen PS-Kader schöpfen, weil die Partei der Honoratioren in den Kantonen, Departements und den meisten Metropolen über eine solide Struktur von Experten, Bürgermeister und Räten verfügt, durchweg mit jahrelanger Regierungsverantwortung.

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Das Organigramm seines Wahlkampfteams liest sich daher wie ein Who-is-Who aus Partei und Staatsapparat. Hollande steht bei der möglichen Besetzung von Ministerien eher vor der Qual der Wahl. Ein delikates Abwägen von Qualifikation, internen Kräfteverhältnissen der Parteiflügel ist nötig, ein Tarieren zwischen den Ansprüchen von PS-Promis, regionalen Hierarchien und den Ambitionen der jüngeren Generation.

Wer auf welchem Position spielt, hat Hollande bislang nicht erklärt. Eine Auswahl für die Ministerposten der künftige "Equipe Hollande":

  • Martine Aubry, 61, Parteichefin der Sozialisten und Bürgermeisterin von Lille. Die Tochter von Jacques Delors unterlag bei den parteiinternen Vorwahlen gegen Hollande; zurück blieb ein bitteres Konkurrenzverhältnis. Dennoch kommt die ehemalige Arbeitsministerin für den Posten des Ministerpräsidenten in Frage.
  • Jean-Marc Ayrault, 62, hat gleichfalls beste Aussichten als Premier zu fungieren. Der Abgeordnete sitzt im Parlament neben Hollande, ist dessen enger Vertrauter und bewies als langjähriger Fraktionsvorsitzender der Sozialisten ein Gefühl für harmonischen Kräfteausgleich. Der Bürgermeister von Nantes wäre auch für das Verhältnis zwischen Paris und Berlin eine entscheidende Bereicherung - der Deutschlehrer ist ein intimer Kenner von den Verhältnissen jenseits des Rheins.
  • Manuel Valls, 49, Abgeordneter und Bürgermeister der Pariser Vorort-Gemeinde Evry, zählt zu den sozialdemokratischen Realos der Partei. Der Sohn spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge organisierte im Kampagnenteam mit Fingerspitzengefühl die Öffentlichkeitsarbeit Hollandes. Seine Erfahrungen aus dem Alltag der Vorstädte prädestinieren ihn für den Job des Innenministers.
  • Pierre Moscovici, 54, fungierte als Wahlkampfleiter Hollandes: Mit seiner Streitschrift "Wie die Linke 2012 Sarkozy schlagen kann", hatte sich der Abgeordneter aus dem Departement Doubs als Stratege hervorgetan. Der einstige Europaminister gehörte zum Team der Experten, die den Sozialisten in Wirtschaftsfragen beriet. Er käme für das Wirtschafts- wie das Außenministerium in Frage.
  • Laurent Fabius, 65. Der Ex-Premier gehörte trotz seiner persönlichen Animositäten gegenüber Hollande zu den programmatischen Säulen der Kampagne. Verantwortlich für die Planung der "ersten hundert Tage" einer künftigen PS-Regierung vertrat er den Kandidaten während des Wahlkampfes bei Besuchen im Ausland. Denkbar also - die Führung der Diplomatie im Quai d'Orsay.
  • Arnaud Montebourg, 49, Abgeordneter aus der Saône-et-Loire, zählt zu den nicht mehr ganz "jungen Wilden" der Partei. Der Vertreter eines linken PS-Flügels und Vordenker für eine Verfassungsreform als "VI. Republik" war selbst - aussichtsloser - Kandidat, bevor er Hollande unterstützte. Als gelernter Anwalt wäre er ein möglicher Anwärter auf den Posten des Justizministers.
  • Vincent Peillon, 51, Philosophieprofessor, gehört zu den intellektuellen Schwergewichten der Partei. Der linke Europaabgeordnete, offen für einen ökologischen Umbau der Gesellschaft, pflegt den Umgang mit den Grünen. Der Spezialist für die Geschichte der Sozialisten wäre die natürliche Besetzung für das Erziehungsministerium.
  • Aurélie Filippetti, 38, passt dank ihrer Biographie in das Kultusministerium: Die Gymnasiallehrerin für Literatur und Erfolgsautorin, gehörte zum Stab von Ségolène Royal, der gescheiterten Kandidatin von 2007. Nach einem kurzen Abstecher zu den Grünen kehrte sie zu den Sozialisten zurück und spielte im Wahlkampf eine überzeugende, medienwirksame Rolle für die Außendarstellung des Kandidaten Hollande.
  • François Rebsamen, 60, Vormann der sozialistischen Senatoren in der Regionalkammer des französischen Parlaments, zählt zu den Vertrauten Hollandes. Gut verdrahtet als Strippenzieher in den Regionen, kümmerte sich der im Parteijargon nur als "Reb" bekannte Bürgermeister von Dijon während des Wahlkampfes um das delikate Thema Sicherheit. Die nächste, mögliche Karriere-Station: Das Innenministerium.
  • Ségolène Royal, 59, gescheiterte PS-Kandidatin des Wahlkampfes 2007, hat sich seither mit dem Posten als Präsidentin der Region Poitou-Charentes zufrieden geben müssen. Im Wahlkampf unterstützte die ehemalige Lebensgefährtin Hollandes ihren Ex mit Verve - und erhofft sich im Gegenzug den Posten als Vorsitzende des Parlaments.
  • Marisol Touraine, 53, Tochter des Soziologen Alain Touraine, ist Abgeordnete aus dem Indre-et-Loire und in dort auch Ratspräsidentin. Früher eine Anhängerin von Dominique Strauss-Kahn, betreute die PS-Frau die Themen Soziales und Gesundheit. Kompetenzen, die sie auch im Sozialministerium einbringen könnte.
  • Najat Vallaud-Belkacem, 34, zählt zu den neuen attraktiven Gesichtern der Sozialisten. Einst Sprecherin von Ségolène Royal, zählte die Generalrätin des Departements Rhône auch im Team Hollande zu den PR-Stimmen. Die Mutter von Zwillingen und Vizebürgermeisterin von Lyon, bewirbt sich bei den anstehenden Parlamentswahlen um einen Abgeordnetenposten ihrer Heimatstadt - es sei denn sie würde in Paris für das Ressort Jugend oder Chancengleichheit berufen.
  • Jean-Pierre Jouyet, 58, zählt zum engsten Freundeskreis von Hollande und ist einer seiner wichtigsten Ratgeber. Von Nicolas Sarkozy berufen als Präsident der Kontrollbehörde über die Finanzmärkte und zuvor bereits Staatssekretär für Europafragen, könnte sich der brillante Kenner der Brüsseler Maschinerie auf dem Posten des Außenministers wiederfinden.
  • Bernard Cazeneuve, 48. Der Abgeordnete und Bürgermeister aus der Hafenstadt Cherbourg, profilierte sich im Parlament während der Untersuchungen zur "Karatchi-Affäre": Ein Deal um Waffenverkäufe an Pakistan und illegale Zahlungen in den möglicherweise der amtierende Staatschef verwickelt sein könnte. Cazeneuve, ausgewiesener Militär-Spezialist kommt damit für das Verteidigungsministerium in Frage.

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aramcoy 06.05.2012
1. Zwei auffällige Punkte
a) ich finde es schon auffällig, dass der ach so "pöse" Sarkozy wohl mit Jean-Pierre Jouyet einen "Sozialisten" als Fachmann für die Finanzmärkte geholt hat. Und das ist wohl nicht der einzige Fachmann, den sich Sarkozy überparteilich geholt hatte. Seltsam, der "pöse, pöse" Sarko macht sowas, war er womöglich doch daran interessiert Fachleute mit wichtigen Aufgaben zu betreuen, unabhängig von Parteizugehörigkeit. b) Hollande wird für die Unterstützung der anderen linken Gruppierungen bezahlen müssen, welche Jobs bietet er also den Kommunisten an? Es wird gemunkelt, dass Bayrou, der Zentrist, der plötzlich sein Herz für die Sozialisten entdeckt hat, damit rechnet dafür zum Premierminister ernannt zu werden. Das wären doch Mal etwas mehr als 30 Silberlinge für den Verrat der eigenen Überzeugungen. Ich hoffe nur, dass sich die Franzosen heute bewusst sind was oder wen sie wählen.
santaponsa 06.05.2012
2. Wenn die Damen und Herren ...
Zitat von sysopREUTERSViele fühlen sich berufen, ausgewählt hat der Sozialist bislang noch niemanden: Im Kader von François Hollande, der an diesem Sonntag in der französischen Präsidentschaftswahl gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy antritt, gibt es schon jetzt Gedränge um die Besetzung von Führungsposten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831399,00.html
... des Schattenkabinetts nicht klug vorausschauend das Staats-Schuldenproblem auf Sicht in den Griff bekommen, werden Ihnen die internationalen Kapitalanleger über immer höhere Schuldzinsen schon zeigen, wo es langgeht. Wir wollen nur hoffen, dass die EZB nicht völlig einknickt und die Finanzierung der ausufernden Staatsschulden in ALLEN Euro-Ländern übernimmt. Wenn es in den nächsten Jahren wirklich "klemmt", werden Politiker jede "Schweinerei"=Inflation absegnen!
morpholyte 06.05.2012
3. Wer drängelt wo ??
Zitat von sysopREUTERSViele fühlen sich berufen, ausgewählt hat der Sozialist bislang noch niemanden: Im Kader von François Hollande, der an diesem Sonntag in der französischen Präsidentschaftswahl gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy antritt, gibt es schon jetzt Gedränge um die Besetzung von Führungsposten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831399,00.html
Wo bitte herrscht denn Gedränge ?? Der Autor hat für jeden Posten einen Kandidaten genannt und nicht mehrere !! Vielleicht mangelt es ja an qualifizierten Kandidaten !?! Naja, am Ende ist es wie bei uns: Völlig wurscht wer auf welchem Posten sitzt. Hauptsache stromlinienförmig und folgsam.
Nonvaio01 06.05.2012
4. naja
Zitat von sysopREUTERSViele fühlen sich berufen, ausgewählt hat der Sozialist bislang noch niemanden: Im Kader von François Hollande, der an diesem Sonntag in der französischen Präsidentschaftswahl gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy antritt, gibt es schon jetzt Gedränge um die Besetzung von Führungsposten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831399,00.html
da sind nur 3 die mir gefallen, und zwar die einzigen unter 60.
paoloDeG 06.05.2012
5. Wahlen und was dann ?
Wahlen in der Euro-Zone! In Frankreich, wie in Griechenland und Italien ich sehe nur Incompetenten in der Liste der Kandidaten! Die gesamte Europäische Union ist in großer Bedrängnis! Keiner hat die richtige Lösung um aus der Krise zu kommen! Es ist unbedingt nötig eine EU-Führung zu schaffen die imstande ist die gesamte Union aus der Krise zu ziehen! Die EU-Kommission und das EU-Parlament haben sich auch unfähig gezeigt! Schlechte Aussichten für die EU !
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