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25. Juni 2011, 09:38 Uhr

Dauerdemo in Athen

Die Unbeugsamen vom Syntagma-Platz

Aus Athen berichtet

Arbeitslose, Anwälte, Akademiker: Auf dem Syntagma-Platz in Athen protestieren seit nunmehr einem Monat die Griechen gegen den Sparkurs ihrer Regierung. Was aber wollen die Demonstranten - und wer sind sie überhaupt?

Es geht gegen zehn, da tritt eine kleine, zierliche Endsechzigerin ans Mikrofon. Sie trägt eine karierte Bluse, eine Brille mit Goldrand, sie könnte Buchhalterin gewesen sein, Bibliothekarin oder Hausfrau, jedenfalls liegen die Zeiten, in denen sie noch die Welt aus den Angeln heben wollte, ziemlich lange zurück. Denkt man.

Sie räuspert sich, zögert einen Augenblick, schaut umher. Der Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament, auf dem die Menschen seit einem Monat nun Abend für Abend protestieren, ist wieder einmal gut gefüllt: mit Punkern und Paukern, Anwälten und Anarchos, mit Hippies und Hedonisten.

"Griechenland steht am Abgrund", sagt die Frau nun ganz leise, sie flüstert fast. "Was wir brauchen, sind Lösungen! Die da", ihr Zeigefinger schnellt in Richtung Parlament, "sollen endlich verschwinden. Sie tragen die Schuld für das hier. Das ist der Wille des Volkes. Danke!" Und schon huscht die Frau davon, einen Augenblick später ist sie in der Menge verschwunden.

Die Menge - Tausende sind es an diesem Samstagabend, Zehntausende waren es schon in den vergangenen Wochen. Doch wer demonstriert hier eigentlich? Und was wollen die Leute, die immer noch ausharren, in Zelten campieren und sich allabendlich hitzige Debatten über Plakate und Programme liefern? Die ihre Freizeit opfern, weil sie überzeugt davon sind, dass sich etwas ändern muss, und vor allem, dass sie es ändern müssen? Wer sind die Unbeugsamen vom Syntagma-Platz?

SPIEGEL ONLINE stellt einige von ihnen vor:

Der Politiker

Georgios Noulas, 44, Rechtsanwalt: Der Jurist gehört der konservativen Oppositionspartei ND an, bezeichnet sich aber als "Liberalen, der an den freien Wettbewerb glaubt". Wenngleich nicht mehr so ganz. Sein Vortrag, zu dem er anhebt, mutet in manchen Passagen fast schon sozialistisch an. So doziert der Anwalt vom "spekulativen Kapital", das sein Land "systematisch in die Krise geführt" habe und das sämtliche Politiker im In- und Ausland steuere. Es bedürfe daher endlich eines starken Regulativs, um die radikalen Kräfte der internationalen Finanzwirtschaft zu bändigen. In Griechenland bedeute das: Es müssten endlich "echte Patrioten" regieren, zu denen er sich im Übrigen zählt.

Der Umverteiler

Dionysis Politis, 38, Busfahrer: Er trägt ein T-Shirt mit Totenkopf, auf dem St. Pauli steht, und dass er mit Leib und Seele Linker ist, daran lässt er keinen Zweifel. Seit einem Monat komme er nun Tag für Tag hierher, er habe extra seinen gesamten, seit Jahren angesparten Urlaub dafür genommen. "Es wird Zeit, dass die Menschen endlich aufhören, diesen Politikern zu glauben und sie zu wählen", sagt er. "Wir müssen unser Leben wieder selbst in die Hand nehmen und eine neue Verfassung entwerfen." Der Reichtum des Landes gehöre gerecht verteilt, gesetzliche Mindestlöhne müssten eingeführt werden, es solle ein Staat entstehen, auf den man stolz sein könne. "Deswegen bin und bleibe ich hier."

Der Umstürzler

Georgios Zagatsidis, 31, Arbeitsloser: Seit zwei Jahren suche er nun schon einen Job, ohne Erfolg. Er würde doch inzwischen jede Arbeit annehmen, erzählt er, um bloß endlich mit Würde in der Gesellschaft leben zu können. Und wer trägt die Verantwortung für seine Situation? "Die Parlamentarier", sagt er. "Sie sollen endlich abhauen. Es sollen andere kommen, korrekte Leute. Und wenn die Politiker nicht freiwillig gehen, jagen wir sie davon. Ich bin zu allem bereit."

Die Lebenshungrige

Ilja Lekka, 22, Philosophin und Musikerin: Die Lösung sei, sagt sie und schaut kokett, weniger Worte zu machen und mehr nachzudenken. Vor 16 Tagen habe sie hier auf dem Platz den Mann fürs Leben getroffen und sofort geheiratet. Nun trage sie als Zeichen ihrer Verbindung einen Ring aus Stoff - es sei allerdings schon der vierte, weil die Dinger leider so schnell kaputtgingen. Jedenfalls sei doch eigentlich Liebe die Antwort auf die Krise. "Der Mensch ist nicht nur ein Homo oeconomicus, sondern vor allem ein Homo sapiens. Und ich bin ein Kind des Universums. Denken Sie darüber mal nach!"

Der Großvater

Georgios Loukos, 60, Klempner: Er habe zwei Enkel, 20 Monate alt, Jungs, Zwillinge, erzählt er, und es mache ihn krank, über deren späteres Leben nachzudenken. Seit einem Monat zelte er nun hier, das sei das Wichtigste, was er überhaupt je getan habe. "Ich kämpfe für die Zukunft meiner Kinder und Enkel, welchen besseren Grund könnte ich haben? Wir müssen die Regierung stürzen und diese Gauner aus dem Parlament vertreiben!" Loukos malt jetzt Transparente, auf denen die griechischen Politiker Hitler-Bärte tragen. Darüber steht: "Dieser Zirkus. Letzte Vorstellung."

Die Selbstkritische

Theano Manoudakis, 36, Kriminologin: Die auf Kreta aufgewachsene Wissenschaftlerin hat über Jugendbanden promoviert und arbeitet inzwischen für eine nichtstaatliche Organisation in Athen. Regelmäßig gehe sie auf den Syntagma-Platz, sagt sie. Es sei an der Zeit, nach Möglichkeiten zu suchen, wie man die Welt verbessern könne. Die Mentalität der Menschen solle sich ändern. "Wir müssen uns wieder stärker als soziale Wesen verstehen und über die Folgen unseres Handelns nachdenken." Jeder sei Teil des Problems, aber jeder könne auch Teil der Lösung sein. Dem Nachbarn helfen, die Umwelt schützen, Gutes tun. "Solidarität" sei der Schlüssel.

Der Kollektivistische

Panagiotis Zannis, 38, Soziologe: "Die Menschen sind verzweifelt, und deshalb hören sie endlich zu." Nun sei es daher an der Zeit, einen Sinneswandel herbeizuführen, weg vom real existierenden Individualismus, hin zu einem gelebten Gemeinschaftsgefühl. "Die Griechen wollen ihre Schulden begleichen. Doch Europa muss auch gewährleisten, dass wir dabei nicht zugrunde gehen." Es sei naiv zu glauben, die Krise betreffe alleine Griechenland. "Wenn die EU nichts tut, ist Deutschland auch schon sehr bald dran."

Die Prediger

Pater Maximos, 44, und Pater Gavril, 35: Die orthodoxen Priester hören konzentriert den Vorträgen zu, sie verstehen sich als "Teil des Volkes", das nach Antworten sucht. "Die Frage ist, ob die Menschen nun bereit sind, zum Wohle aller auf persönliche Vorteile zu verzichten", sagt Pater Maximos, der lange Zeit in Stuttgart gelebt hat. "Es ist gut, dass endlich Selbstkritik geübt wird", so Pater Gavril, der Generalvikar des Erzbischofs von Athen ist. "Und es ist gut, dass Europa Geduld mit uns hat." Sein Land brauche Zeit, um sich von der jahrelangen Misswirtschaft zu erholen, der Glaube könne den Menschen dabei helfen.

Mitarbeit: Ferry Batzoglou

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