Davidstern-Debatte Trumps Israel-Problem

Mit einem Stern vor Banknoten, der dem Davidstern ähnelt, wollte Donald Trump seine Rivalin Hillary Clinton als korrupte Politikerin darstellen. Der Fehler berührt eine grundsätzliche Frage: Wie hält es der Republikaner mit Israel?

Donald Trump beim AIPAC
AFP

Donald Trump beim AIPAC

Von , Washington


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Für ihn ist es natürlich wieder eine Art Komplott. Keine Selbstkritik, keine Entschuldigung, nein: Donald Trump geht auf seine Gegner los und wittert eine Verschwörung. "Die verlogenen Medien", so der Milliardär, "geben ihr Bestes, um einen Stern in einem Tweet zum Davidstern zu machen statt zum Sheriff-Stern oder ganz normalen Stern."

Worum gehts? Am Wochenende hatte der designierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner versucht, seine Rivalin Hillary Clinton anzugreifen. Via Twitter verbreitete er ein Bild, das allerlei problematische Assoziationen weckte. Zu sehen waren Clinton, eine Menge 100-Dollar-Scheine sowie ein roter Stern, der von den Umrissen her an einen Davidstern erinnerte. Darin der Text: "Korrupteste Kandidatin aller Zeiten."

Trumps Tweet
@realDonaldTrump/ Twitter

Trumps Tweet

Natürlich kann man mal etwas übersehen, und hin und wieder werden Dinge in Wahlkampfzeiten auch überinterpretiert. Aber um in dem Bild eine stereotype Verknüpfung von Geld und Juden zu erkennen, musste man wahrlich keine kunsthistorische Ausbildung genossen haben. Die Collage, die zuvor offenbar auf einer Neonazi-Website zirkulierte, sorgte umgehend für Empörung in Amerika. Und obwohl der 70-Jährige das Bild rasch löschte und den Stern mit einem Kreis ersetzte, was ein gewisses Problembewusstsein erkennen ließ, gibt er sich öffentlich uneinsichtig.

Die Attacken auf ihn seien ein Versuch der Clintons, von eigenen Fehlern abzulenken, teilte Trump in der Nacht zu Dienstag mit. Eine Entschuldigung werde es nicht geben, streuen seine Vertrauten. Sein Ex-Kampagnen-Chef Corey Lewandowski sieht die Debatte als Zeichen einer "aus dem Ruder gelaufenen politischen Korrektheit".

Trump und Israel

Die Episode belastet den Immobilientycoon nun schon seit einigen Tagen, was auch daran liegen dürfte, dass sie ein grundsätzliches Problem Trumps berührt. Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie sein Verhältnis zu Israel, zum Judentum und zu vielen Fragen der symbolisch so aufgeladenen Politik in Nahost aussieht. Das ist für einen US-Präsidentschaftskandidaten, noch dazu einen Republikaner, einigermaßen erstaunlich und einer der wesentlichen Gründe dafür, warum ihm jüngst einige prominente Vertreter der außen- und sicherheitspolitischen Szene den Rücken gekehrt haben.

Unter Konservativen in Amerika wird das Verhältnis zu Israel gemeinhin recht simpel beschrieben: engster Freund, ewige Treue. Es ist ein Kompass, mit dem man sich der eigenen Weltsicht vergewissert und nebenbei die große und wichtige jüdische Wählerschaft anzusprechen hofft. Trumps Verhältnis zu jüdischen Wählern und zum Staat Israel verläuft seit der Ankündigung seiner Kandidatur im Juni 2015 sehr wellenförmig, was umso schwieriger für den Milliardär ist, als dass Clinton recht eng an der Seite Israels zu stehen scheint. Für wie wichtig Trump die Partnerschaft hält, lässt sich allenfalls erahnen.

Im vergangenen Jahr verbreitete er auf Twitter ein Bild, auf dem vor einer US-Flagge er selbst sowie einige SS-Soldaten zu sehen waren. Anfang dieses Jahres brauchte er lange, um sich von David Duke zu distanzieren, dem Guru des Ku-Klux-Klan, der Trump seine Unterstützung versichert hatte. Und als er wenig später begann, sich inhaltlich zur Partnerschaft mit Israel zu äußern, richtete er ähnlich viel Schaden an.

"Neutrale Position"

Im Februar ließ Trump sich mit dem Satz vernehmen, eine "neutrale Position" zwischen Israelis und Palästinensern einnehmen zu wollen, was eine Haltung ist, die man durchaus einnehmen kann, die in seinen politischen Kreisen aber in etwa so viele Anhänger hat, wie die Forderung, auf Nordkoreas Kim Jong-Un zuzugehen. Einem Friedensvertrag in Nahost gebe er wenig Chancen, sagte Trump damals. Seine Freunde aus der Wirtschaft hätten ihm erzählt, wie aussichtslos die Lage sei.

Einen Monat später klang das schon anders. Trump trat vor dem AIPAC auf, der wichtigsten jüdischen Interessenvertretung in den USA, und inszenierte sich als Israels bester Freund. "Ich liebe Israel", rief Trump dem Publikum zu. Er schimpfte auf Barack Obamas Nahostpolitik, hielt einen Friedensdeal plötzlich nicht mehr für ausgeschlossen und versprach, als Präsident die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen. Seine Nähe zu Israel erklärte er auf seine Weise: "Meine Tochter Ivanka", sagte Trump, "bekommt bald ein wunderbares jüdisches Baby."

Unter jüdischen Wählern sind die Republikaner traditionell ohnehin schwächer verankert als die Demokraten. Trumps Unberechenbarkeit könnte dazu führen, dass er in dieser Wählergruppe historisch wenig punktet. Verhindern soll das weniger seine Tochter Ivanka als sein Schwiegersohn Jared Kushner. Der 35-jährige Immobilienunternehmer hat in den vergangenen Wochen eine immer wichtigere Funktion in der Kampagne des Republikaners eingenommen. Kushner, der aus einer prominenten jüdischen Familie stammt, soll Trump dabei helfen, seine Kontakte zum Washingtoner Establishment zu verbessern, eine seriösere Ansprache zu finden und seine außenpolitische Botschaft zu verfeinern.

Der Tweet vom Wochenende dürfte nicht über seinen Schreibtisch gegangen sein. Die Aufräumarbeiten, so viel scheint klar, wird Kushner aber übernehmen müssen.


Zusammengefasst: Donald Trump steht nach der Veröffentlichung eines Tweets über seine Rivalin Hillary Clinton in der Kritik, ihm wird Antisemitismus vorgeworfen. Der Vorfall legt ein grundsätzliches Problem des Republikaners offen: Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie sein Verhältnis zu Israel, zum Judentum und zu vielen Fragen der symbolisch so aufgeladenen Politik in Nahost aussieht.

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