TV-Debatte der US-Demokraten Biden wacht auf

Beim dritten TV-Duell der US-Demokraten baut Joe Biden seine Favoritenrolle unter den Präsidentschaftskandidaten aus. Wer konnte sonst noch punkten? Alle Gewinner - und bei wem es weniger gut lief.

Joe Biden (r.) und Bernie Sanders: Einer der beiden hatte nicht den besten Tag
Mike Blake/ REUTERS

Joe Biden (r.) und Bernie Sanders: Einer der beiden hatte nicht den besten Tag

Aus Houston berichten und


Die Zeit läuft ab: In gut vier Monaten beginnen die Vorwahlen der US-Demokraten, dann wird entschieden, wer gegen US-Präsident Donald Trump antreten wird. Langsam schrumpft das Feld der Bewerber. Bei der dritten TV-Debatte in Houston, Texas, waren jetzt nur noch zehn Kandidaten dabei.

Die Gewinner

Immer klarer zeichnet sich ab, dass zwei demokratische Kandidaten das Rennen unter sich ausmachen könnten: der ehemalige Vizepräsident Joe Biden und Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts. Für Biden waren die Fernsehdebatten immer eine Zitterpartie. Bei der ersten Runde im Juni schickte ihn Kamala Harris mit einem heftigen rhetorischen Haken fast zu Boden. Donald Trump verspottete ihn einmal mehr als "Sleepy Joe" - schläfrigen Joe. In Houston, der dritten Debatte, hatte Biden seinen bisher besten Auftritt. Er war angriffslustig und zwang Warren zu dem Eingeständnis, dass ihr Plan für die Reform des Gesundheitssystems zu Steuererhöhungen führen wird.

Einmal mehr zeigte sich, dass die größte Differenz zwischen Biden und Warren die Frage ist, wie alle Amerikaner eine Krankenversicherung bekommen können. Während Biden sich für eine moderate Ausweitung der von Barack Obama eingeführten Krankenversicherung aussprach, plädierte Warren für eine Radikalreform, die auf eine komplette Abschaffung der privaten Krankenversicherung hinausläuft: "Das ist eine gute Idee, wenn man sie mag. Ich mag sie nicht", kommentierte Biden trocken.

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Fotostrecke: Die Kandidaten der dritten TV-Debatte - wer sie sind und was sie wollen

Für Biden war es ein Erfolg, dass er diesmal nicht wie ein Mann wirkte, den man mit einem gezielten Hieb ins Straucheln bringen kann. In den meisten Umfragen ist er immer noch der Spitzenreiter. Viele Demokraten sind überzeugt, dass Biden mit seinen moderaten Ansichten der beste Kandidat wäre, Trump zu schlagen. Die Sorge ist, dass er mit 76 Jahren schlicht nicht mehr die Kondition besitzt, um das mächtigste Amt der Welt auszufüllen. Sollte Biden gewinnen, wäre er mit 78 Jahren der älteste Präsident in der Geschichte der USA.

Das ist Warrens Chance. Auch in Houston ließ sie keinen Zweifel daran, dass sie die Energie und die rhetorischen Fähigkeiten für das Präsidentenamt besitzt. Als es um das Waffenrecht ging und die Frage, warum es nach all den Massenmorden immer noch legal ist, Sturmgewehre mit großen Magazinen in den USA zu kaufen, attackierte sie den Einfluss der Waffenlobby auf die Republikaner im Kongress: "Die Antwort ist Korruption."

Und als es um das Bildungssystem ging, erhielt sie Beifall, als sie sagte, sie sei die einzige Frau auf der Bühne, die als Lehrerin an einer öffentlichen Schule gearbeitet hat. "Ich hatte den Ruf, hart aber fair zu sein", sagte Warren. Aber vielleicht ist das auch ihr größter Nachteil: Sie wirkt immer noch ein bisschen wie eine Lehrerin, die jederzeit einen unangekündigten Vokabeltest schreiben lassen könnte.

Die Verlierer

Bernie Sanders hatte nicht seinen besten Tag. Er war heiser, schrie mit krächzender Stimme manchmal so laut, dass es deplatziert wirkte. Es verfestigt sich mit dieser TV-Debatte der Eindruck, dass der Alt-Linke Senator aus Vermont immer verzweifelter dagegen ankämpft, nicht noch weiter in den Hintergrund zu geraten. Biden und Warren drohen ihm die Show zu stehlen. Sanders dringt mit seinen Botschaften kaum noch durch, weil er immer nur die gleichen Parolen aus dem letzten Wahlkampf 2016 wiederholt. Es fehlen neue, überraschende Ideen. In Warren hat er eine gefährliche Rivalin erhalten, die ähnliche, linke Positionen vertritt wie er, diese aber weitaus konzentrierter und überzeugender präsentiert.

Eher schwach auch der Auftritt von Julian Castro, er ist in allen Umfragen weit abgeschlagen. Deshalb versuchte er sich mit einer Anspielung auf Joe Bidens Alter wieder ins Gespräch zu bringen. Während eines Wortgefechtes um die Gesundheitspolitik fragte er Biden spitz: "Vergisst du jetzt schon, was du gerade vor zwei Minuten gesagt hast?" Die unfeine Attacke auf den Senior kam nicht gut an. Pete Buttigieg forderte mehr Fairness unter Parteifreunden. Amy Klobuchar mahnte Castro, die Einigkeit innerhalb der Partei zu achten: "Ein geteiltes Haus kann nicht stehen."

Die Überlebenskünstler

Für einige Kandidaten, die derzeit in den Umfragen hinter den Favoriten liegen, ging es bei dieser Debatte vor allem darum, keine großen Fehler zu machen. Sie wollen bis zum Start der Vorwahlen im nächsten Frühjahr irgendwie weiter im Rennen bleiben: Kamala Harris, Buttigieg, Klobuchar und Cory Booker erreichten dieses Ziel. Sie debattierten routiniert, nutzten ihre Zeit auch für Attacken gegen Donald Trump: Der Präsident sei ein Rassist, schimpfte Booker. Harris nannte Trump einen "kleinen Kerl".

Wie es weitergeht

In Houston versuchten die meisten Kandidaten, das gemeinsame Ziel zu betonen: Trump aus dem Weißen Haus zu verjagen. "Was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns unterscheidet", sagte Klobuchar, die Senatorin aus Minnesota. Die weitgehende Einigkeit ist auch eine Lehre aus den ersten Debatten, die so wirkten, als sei der größte Feind der Freund aus der eigenen Partei. Es war ein Fest für Trump damals.

Von der plötzlichen Harmonie dürfte vor allem Biden profitieren, der jetzt deutlich weniger angegriffen wird. In Houston war er das erste Mal in der Offensive. Macht er in den nächsten Monaten keine gravierenden Fehler, dann wird es immer schwerer werden, ihm die demokratische Präsidentschaftskandidatur streitig zu machen.

insgesamt 95 Beiträge
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aggro_aggro 13.09.2019
1. Vize
Sollte Biden Kandidat werden, ist besonders wichtig, wen er zum Vize ernennt. Ein Präsident, der während der Amtszeit 80 wird, sollte seine Nachfolge geregelt haben.
LorenzSTR 13.09.2019
2. Neue Ideen
Weshalb braucht Sanders "neue, überraschende Ideen"? Seine Ideen sind so aktuell und relevant wie eh und je. Aber politische Inhalte, das zeigt auch der Text, scheinen weder in Medien, noch bei den Massen großartig zu Interessen. Aber das passt natürlich zur Verflachung und Entpolitisierung aller Lebensbereiche.
Ecki_HH 13.09.2019
3. Umfragen nicht bekannt?
Warum wird nicht auf die Umfragen eingegangen? Die Politik würde sich unter Biden nicht ändern. Die Amerikaner wollen aber eine Änderung. Sollte Biden der Kandidat werden, hätte er keine Chance gegen Trump.
horstenporst 13.09.2019
4.
SPON macht also weiter mit seiner anti-Sanders Kampagne. Die Behauptung "Immer klarer zeichnet sich ab, dass zwei demokratische Kandidaten das Rennen unter sich ausmachen könnten: der ehemalige Vizepräsident Joe Biden und Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts." entbehrt jeglicher Grundlagen. In den meisten Umfragen liegt Bernie Sanders auf Platz 2, vor Warren! https://www.realclearpolitics.com/epolls/2020/president/us/2020_democratic_presidential_nomination-6730.html Die Aussage, dass Sanders "immer nur die gleichen Parolen aus dem letzten Wahlkampf 2016 wiederholt" setzt dem ganzen die Krone auf. Natürlich tut er das. Weil die Probleme, tausende Tote wegen mangelhafter Krankenversicherung, extreme Ungleichheit, riesige Schulden durch extreme Studiengebühren..., immer noch die gleichen sind. Im Gegenzug lobt SPON Warren für ihre Pläne zum Thema Krankenversicherung. Wer hat den das Thema Medicare for all überhaupt erst auf die Tagesordnung gebracht? Bernie Sanders!
AndyBer1 13.09.2019
5. Bitte was?
Was ist mit Castro der für mich gegen Biden klar gepunktet hat - oder Sanders ?- beiden zeigen klar die Schwächen von Bidens Plan auf - Welche Debatte haben sie gesehen? - Ich kann nicht glauben, was ich hier lese! Biden wacht auf??? Er hat sich oft widersprochen - aber bitte überzeugt euch selbst: hier geht er Komplett unter: Julian Castro vs. Biden on Medicare For All: I'm Fulfilling The Legacy of Barack Obama, You're Not https://www.youtube.com/watch?v=8wS44qT-ekM&ab_channel=BloombergTicToc Hier der Widerspruch, wo er ganz klar sagt, dass man sich in sein Mediccare plan einkaufen muss. So viel zur Meinungsmache von SPO - unglaublich !!! - wie kann man sich von einer punshline wie: "For A Socialist, You've Got A Lot More Confidence In Corporate America Than I Do" so blenden lassen? Diese SPO Artikel ist soaussagekräftig wie Bidens Argumente - und ehrlich gesagt - a wast of time!!! Schlechte politische Meinungsmache von SPO!!!! Warum könnt ihr nicht einfach Objektiv berichten wie es wirklich war?
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