Debatte der US-Republikaner Alle gegen Perry

Im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur ist er der Umfrageliebling, doch in einer TV-Debatte wurde der texanische Gouverneur Perry nun hart attackiert - von seinen eigenen Parteifreunden. Organisiert hatte den Auftritt die radikale Tea Party: Die Hardliner haben die Republikaner fest im Griff.

AFP

Von , Washington


Jetzt mal ganz locker. Mitt Romney klemmt sich ein Grinsen ins Gesicht, federt auf die Bühne. "Hi Leute!", grüßt der Republikaner seine Kontrahenten um die Präsidentschaftskandidatur. "Hi Rick!", packt er sogar seinen ärgsten Widersacher am Arm. Grinsen. Rick Perry rückt seine Füße noch ein bisschen weiter auseinander, die Arme straff am Körper. Kein Grinsen. Nein, diese beiden werden keine Freunde mehr.

Perry und Romney, der Gouverneur aus Texas und der Ex-Regierungschef von Massachusetts, sind die Spitzenreiter im Kampf um die Kandidatur. Vier Monate vor den ersten Vorwahlen, 14 Monate vor den Präsidentschaftswahlen mag das alles und nichts heißen. Aber in diesem Moment, hier auf der Bühne in Tampa, Florida, bei dieser von der radikalen Tea-Party-Bewegung organisierten Debatte - da geht es um den Platz, von dem aus die Kandidaten ins Rennen starten.

Beim Auftakt zu den insgesamt drei großen September-Debatten war der Hardliner Perry in der vergangenen Woche ein bisschen in die Bredouille geraten. Da hatte er das Rentensystem als "Fehler" und "monströse Lüge" bezeichnet - eben so, wie er es in seinem Buch "Schnauze voll!" im Jahr vorher auch schon aufgeschrieben hatte. Dumm gelaufen. Nun will er ja Präsident werden und dafür reicht es natürlich nicht aus, nur die Mehrheit der republikanischen Parteigänger zu gewinnen.

Radikale Reform oder Kurs der Mitte?

Perry will jetzt wählbar werden für die Masse. Er will zu einem echten Gegner für Barack Obama reifen. So erschien am Tag der Debatte von Florida ein kleiner Gastkommentar unter Perrys Namen in "USA Today". Dort heißt es nun, die Rente müsse sicher gemacht werden für die Zukunft. Das klingt nicht mehr nach Radikalkur. Das klingt schön mittig, irgendwie nach deutscher Agenda 2010.

Und die Zahlen sprechen für ihn. Bei der jüngsten CNN-Umfrage unter knapp 500 eingetragenen Wählern der Republikaner liegt Perry vorn: 30 Prozent favorisieren ihn. Romney kommt nur auf 18 Prozent, der radikalliberale Ron Paul erreicht zwölf, der humorige Ex-"Godfather's Pizza"-Chef Hermann Cain fünf Prozent.

Romney, bis vor Perrys Eintritt ins Rennen um die Kandidatur selbst die Nummer eins in den Umfragen, will dem Texaner die moderate Mitte-Nummer nicht durchgehen lassen. Perry habe die Amerikaner mit seinem Buch und seiner Sprache "geängstigt", sagt er also gleich nach seiner kumpeligen Begrüßung in Florida. Romney weiß genau: Fast 60 Millionen Amerikaner profitieren von der US-Sozialversicherung. Da muss doch was gehen. Perry aber kontert prompt: Romney habe die Rente "kriminell" genannt, "das steht in deinem Buch". Nein, entgegnet Romney. Aber da johlt und lacht und applaudiert schon die Menge in Tampa, Florida.

Bachmann versucht, sich in Erinnerung zu rufen

Im Saal gewinnt, wer den härtesten Rechtsaußen gibt. Herzlich willkommen bei der Tea Party. Es ist die erste TV-Debatte dieser selbsterklärten Bewegung, CNN moderiert und überträgt. Die Tea Party, so viel ist klar, sie hat die Republikaner fest im Griff.

Für die Kandidaten kein leichtes Spiel: Einerseits wollen sie beim Publikum punkten, andererseits müssen sie dem republikanischen Establishment draußen vor den Bildschirmen beweisen, dass sie Obama im Falle des Falles 2012 auch tatsächlich schlagen können; und dass sie keine untereinander zerstrittenen, realitätsvergessenen Radikalinskis sind. Genau dieses Image ist es ja, dass Rick Perry an diesem Abend abzustreifen sucht.

Michele Bachmann hat da ein ganz anderes Problem: Die Gründerin der Tea-Party-Fraktion im Kongress ist in den Umfragen auf einen der hinteren Plätze abgerutscht, kommt derzeit auf nur noch vier Prozent. Dabei galt sie vor wenigen Wochen noch als Darling der Rechten und Evangelikalen. Der Kampf zwischen Perry und Romney raubt ihr nun Stimmen und Aufmerksamkeit. Bachmann muss sich hier in Tampa - sie sagt: "bei meiner Familie" - wieder in Erinnerung rufen. Man werde aggressiver vorgehen als bisher, hieß es schon im Vorfeld aus ihrer Umgebung.

Es trifft Spitzenreiter Perry. Weil der als Gouverneur in Texas vor Jahren per Exekutiv-Verordnung Mädchen in den Schulen gegen Gebärmutterhalskrebs impfen ließ, brandmarkt Bachmann diese "Verletzung der Freiheit". Es gebe keine Entschuldigung dafür, dass er dies zwölfjährigen Mädchen angetan habe. Freiheit? Da johlt das Publikum. Perry indes beharrt darauf, dass die Eltern der Kinder das Recht hatten, die Impfung abzulehnen. Aber ja, steckt er schließlich zurück, die Verordnung sei "ein Fehler" gewesen, er würde das heute nicht mehr ohne das Parlament machen.

Perry im Zentrum der Attacken

Bachmann wirft Perry dann noch vor, einer seiner Vertrauten habe mit dem Impfstoff ein Milliardengeschäft gemacht, und Perry meint, Texas sei eben ein Staat, der Leben schütze. Und so weiter. Überhaupt sei er "the most pro-life-Governor". Das klingt dann doch ein bisschen realitätsfern, hält ja ausgerechnet Perry einen schaurigen Rekord: 234 Menschen sind während seiner Amtszeit hingerichtet worden - so viele wie bei keinem seiner Vorgänger.

Perry steht an diesem Abend im Zentrum der Attacken von Bachmann und Romney, doch einen klaren Sieger gibt es nicht. Schon in der nächsten Woche geht es nach Orlando, zur nächsten TV-Debatte. Wieder in Florida. Der Südstaat gilt, was seine Sozialstruktur betrifft, als Abbild Amerikas, außerdem ist er einer der wichtigsten Vorwahlstaaten im Jahr 2012. "Wenn Perry durch den September kommt, ohne an Boden zu verlieren, dann wird es sehr hart sein, ihn zu schlagen", zitiert die "Washington Post" einen Berater des bereits aus dem Rennen ausgeschiedenen Kandidaten Tim Pawlenty. Der empfiehlt nun die Wahl Romneys.

Kann Perry seine Führung halten? Kann er sie sogar noch ausbauen? Oder droht ihm wie Bachmann zuvor der Absturz?

Für den Texaner hängt vieles von einer Frau aus Alaska ab: Sarah Palin. Noch immer hat die Ikone der Tea Party nicht erklärt, ob sie nun ins Rennen eintreten will oder nicht. Perry weiß nur so viel: In der CNN-Umfrage kommt Palin schon jetzt auf 15 Prozent, ohne in einer Debatte angetreten zu sein. Ende September wolle sie ihre Entscheidung verkünden, sagt Palin selbst. Es wird ein entscheidender Monat.

insgesamt 63 Beiträge
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c.m.burns 13.09.2011
1. Nackte Bachmann
"Das einzige, was ich ins Weiße Haus mitnehmen würde, wären die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung", meinte Mrs Bachmann in einem pathetischem Ton. Geht die dann nackt ins Weiße Haus?
Peter Kunze 13.09.2011
2. Bessere Kandidaten
Zitat von sysopIm Kampf um die Präsidentschaftskandidatur*ist er der*Umfrageliebling, doch in einer TV-Debatte wurde der texanische Gouverneur Perry nun hart attackiert - von seinen eigenen Parteifreunden. Organisiert hatte den*Auftritt die radikale Tea Party: Die Hardliner haben*die Republikaner fest im Griff. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,785886,00.html
Tach, Besser ins Weisse Haus passen: - Luke Perry - Katy Perry - Rick Perry My 0.02$ Bye Peter
chris wolfy 13.09.2011
3. addtl. info: Teilnehmer/Kandidaten auf dem Podium
from CNN http://edition.cnn.com/2011/POLITICS/09/12/debate.teaparty/index.html: begin quote< "CNN and the Tea Party Express, a leading national tea party organization, teamed up to put on the event, with questions coming from the moderator, CNN anchor Wolf Blitzer, as well as from tea party activists, supporters in the audience and voters at locations in Arizona, Ohio and Virginia. Participants included Perry, Romney, Bachmann, Gingrich, Santorum, Texas Rep. Ron Paul, former Utah Gov. and former U.S. Ambassador to China Jon Huntsman and former Godfather's Pizza CEO Hermann Cain." >end quote Es scheint mir dass am Ende Romney, Ron Paul und Perry die aussichtsreichsten Kandidaten sein werden. Palin, wenn Sie denn noch antritt, koennte das aendern.
Wolffpack 13.09.2011
4. ...
erinnert mich immer wieder hier dran: http://acandidworld.files.wordpress.com/2009/12/futurama-politics.jpg
Denseman 13.09.2011
5. bauern
Es trifft Spitzenreiter Perry. Weil der als Gouverneur in Texas vor Jahren per Exekutiv-Verordnung Mädchen in den Schulen gegen Gebärmutterhalskrebs impfen ließ, brandmarkt Bachmann diese "Verletzung der Freiheit". Es gebe keine Entschuldigung dafür, dass er dies zwölfjährigen Mädchen angetan habe. Freiheit? Da johlt das Publikum. Ich kann das immer alles gar nicht glauben, dieses land ist doch völlig kaputt. es muss die kommerzmentalität sein, die in ihrem abwärtsstrudel zu geistiger degenerierung führt. ist ja auch irgendwie logisch. ich muss auch nur noch kotzen wenn ich hollywood-filme sehe, also bei den meisten. diese karrieregeilheit bei intellektueller durchschnittlichkeit und exorbitantem, bewundertem konsumismus, das ist das böse, auch habgier genannt.
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