Debatte über EU-Krise Wie ein Europa von heute aussehen muss

Für ein Europa der Freiheit und der Solidarität ist es noch nicht zu spät! Kämpferische Europäer müssen jetzt den Nationalisten die Stirn bieten, die ihre Länder abschotten wollen, fordert der spanische Philosoph Fernando Savater.

Polnische Studenten feiern den Wegfall von Grenzkontrollen (2007): Europa der Bürger
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Polnische Studenten feiern den Wegfall von Grenzkontrollen (2007): Europa der Bürger


Eine der komischsten Opern von Rossini, "Die Reise nach Reims", handelt von Bürgern aus verschiedenen Ländern Europas, die sich in die französische Stadt Reims aufmachen, wo sie an einem Fürstenfest teilnehmen wollen. Auf dem Weg müssen sie in eine Herberge einkehren und sind gezwungen miteinander auszukommen, da sie keine Pferde haben, um die Reise fortzusetzen.

Dieses Libretto halte ich für eine hervorragende, ihrer Zeit vorauseilende Metapher für die Verunsicherung, welche die Europäische Union derzeit durchlebt.

Den Ländern Europas bleibt wohl nichts anderes übrig, als in vielen grundlegenden Bereichen wie Soziales, Kultur und Wirtschaft zusammenzuarbeiten, aber sie scheinen nicht in der Lage zu sein, darüber hinaus weiterzukommen und ehrgeizigere Ziele zu verfolgen, obwohl dies langfristig gesehen ebenso wichtig wäre.

Offensichtlich fehlt es an gemeinsamen Projekten - ebenso wie an gemeinsamen demokratischen Überzeugungen und Werten.

Es fehlt Führungskraft

Die wichtigsten Amtsträger in der EU zeigen deutlich, dass unsere Mitgliedstaaten nicht gewillt sind, auf eine starke Führungskraft für das gemeinsame Werk zu setzen. Lieber ziehen sie Persönlichkeiten mit schwachem bis moderatem Profil vor, die in der Lage sind, den Konsens herzustellen - oder bestenfalls mit ihm zu leben.

Und es zeichnet sich immer mehr ab, dass die Bürger Europas sich gar keine Union mit einem energischeren und entschlosseneren Charakter wünschen.

Vielen Spaniern aus meiner Generation fällt es schwer, diese Haltung nicht als komfortables Scheitern anzusehen: Es ist die reinste Frustration. Wir, die wir während der Franco-Diktatur jung waren, hegten vielleicht einen etwas naiven Enthusiasmus für Europa, der sich treffend zusammenfassen lässt mit einem Zitat des Philosophen Ortega y Gasset:

"Spanien ist das Problem, Europa die Lösung."

Aber diese Lösung scheint mittlerweile ziemlich weit entfernt von den hehren Erwartungen, die sie weckt. Wir akzeptieren heute zweifelsohne, dass Europa und die Europäische Union zwar eine Lösung sein können, aber nicht irgendein Europa und nicht irgendeine Union, sondern nur ein Europa, das den Anforderungen von heute entspricht.

Ein Europa der Gastfreundschaft

Ich bin weiterhin der Ansicht, dass ein lohnenswertes Europa eines sein muss, das seine Bürger schützt und vertritt und nicht seine Länder. Ein Europa, das vielmehr die politischen Rechte (aber natürlich auch die Pflichten) und die Rechtssicherheit schützt, als die Privilegien und die hehren Traditionen, die es für gewöhnlich gegenüber Fremden abschottet. Ein Europa, das die Integrität der gegenwärtigen demokratischen Rechtsstaaten anerkennt gegenüber den zersetzenden ethnischen Forderungen, die immer schon rückständig und xenophob waren.

Ein Europa der Freiheit und der Solidarität, das sich weder verschließt vor denjenigen, die wegen politischer Verfolgung oder wirtschaftlicher Not um Einlass bitten, noch eines, das nur auf die eigenen Vorteile bedacht ist, sondern ein Europa, das offen ist und gewillt zusammenzuarbeiten, sich gegenseitig zu helfen und Werte zu teilen. Ein Europa der rationalen Gastfreundschaft.

Diese Europäische Union braucht europeístas, kämpferische Europäer, die den kurzsichtigen europäischen Politikern die Stirn bieten. In allen Ländern - in der Tschechischen Republik und anderen osteuropäischen Ländern, aber auch in Großbritannien und Irland und sogar in Frankreich - haben nationalistische Politiker und Gruppen Auftrieb. Sie alle predigen nach außen einen strengen Protektionismus und propagieren nach innen einen extremen Liberalismus. Dazu kommt eine Hooligan-Mentalität, die vor allem die ausschließenden Aspekte betont, um den "großen Anderen", den sie so fürchten, vom Festmahl auszuschließen.

Das heißt, sie verstehen sich nur dann als Europäer, wenn es ihren engstirnigen (und in der Tat sehr christlichen) Interessen nützt.

Wir brauchen einen konsequent laizistischen Raum

Es besteht aber noch eine andere Gefahr: die Frivolität des guten multikulturellen Gewissens, das sich ebenfalls als über den bürgerlichen Gesetzen stehend begreift und sich sogar noch als besser wähnt, als die westliche Ausgabe der Menschenrechte.

Ein wünschenswertes Europa wäre hingegen eines, in dem die religiösen oder philosophischen Überzeugungen eines jeden Bürgers Recht sind, aber keines Menschen Pflicht und noch viel weniger eine allgemeine Verpflichtung der Gesellschaft als Ganzes. Ein radikaler und konsequent laizistischer Raum - was nicht gleichzusetzen ist mit unreligiös - wo die bürgerlichen Werte über jedweder ethnischen oder kulturellen Orientierung stehen und wo es eine klare Trennung gibt zwischen dem, was einige für Sünde halten und dem, was wir alle als Verbrechen verurteilen müssten.

Ein Europa, dessen akademischer und universitärer Raum die Mobilität für Studenten und Professoren ermöglicht, wo aber die Hochschulen nicht im Dienste unternehmerischer Interessen stehen, die sich sofort auszahlen. Ein Europa der Talente ohne Grenzen und nicht ein Europa der Abrechnungen und der Gewinnmaximierung.

Ja, wir brauchen Zugpferde, die uns voranbringen, aber genauso braucht es gute Lenker, die wissen, wohin die Reise gehen soll. Ich glaube, dass es für dieses Europa noch nicht zu spät ist.

Aus dem Spanischen von Ramona Binder



insgesamt 104 Beiträge
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Seite 1
robert krug 27.12.2010
1. Na toll ...
Zitat von sysopFür ein Europa der Freiheit und der Solidarität ist es noch nicht zu spät! Kämpferische Europäer müssen jetzt den Nationalisten die Stirn bieten, die ihre Länder abschotten wollen, fordert der spanische Philosoph Fernando Savater. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,736644,00.html
"...dass unsere Mitgliedsstaaten nicht gewillt sind, auf eine *starke Führungskraft *für das gemeinsame Werk zu setzen". Toll - der Beste hat nur vergessen darauf hinzuweisen, er und die anderen Habenichtse in der EU immer noch keinen *deutschen Führer* wollen, weil ihnen schon die Merkel zu stramm ist!
Geometretos 27.12.2010
2. .
"Und es zeichnet sich immer mehr ab, dass die Bürger Europas sich gar keine Union mit einem energischeren und entschlosseneren Charakter wünschen." Aber zum Glück schreiben in Spon ja die Schlaumeiser, die uns erzählen, was gut für uns ist, auch wenn wir es nicht wollen. Das nennt der Autor dann "Freiheit". "Freiheit" hört offenbar schon bei Glühbirnen oder der freien Wahl von Arbeitnehmern auf. Nein, danke! In der EWG (Gott hab' sie selig) gab es tausend mal mehr (echte) Freiheit als heute in der EU.
Carla, 27.12.2010
3.
Köstlich - ein Spanier, der den Deutschen eine Nachhilfestunde in Sachen Großzügigkeit erteilen möchte. Gerade die spanische "Großzügigkeit" hat das Land in den katastrophalen Zustand geführt, in dem es jetzt ist, also die Überschuldung. Und jetzt wird bei Deutschland angeklingelt (Stichwort Euro-Bonds), das die Suppe auslöffeln soll, nach der Devise: Jetzt seid doch mal ein bisschen großzügiger! Die Grünen sind schon voll begeistert, allen europäischen Pleite-Ländern mittels Euro-Bonds fast sowas wie einen Blanko-Scheck auszustellen. Bezahlen dürfen die deutschen Steuerzahler bzw. deren Kinder. Die Grünen wollen halt, dass man sie europaweit gern hat (natürlich mit dem Geld der anderen, wenn's geht). Dauert halt ein paar Generationen, bis sich Hitler ausgewachsen hat aus den Köpfen. Der Autor weiß, dass man bei Deutschen (zumindest in der derzeit mächtigen Altersklasse der 50-70jährigen) DIESE Karte IMMER mit Erfolg spielen kann. Bei den nachfolgenden klappt's aber nicht mehr so gut. Die sind nicht mehr so ideologisch drauf.
kantundco 27.12.2010
4. Warum?
Zitat von sysopFür ein Europa der Freiheit und der Solidarität ist es noch nicht zu spät! Kämpferische Europäer müssen jetzt den Nationalisten die Stirn bieten, die ihre Länder abschotten wollen, fordert der spanische Philosoph Fernando Savater. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,736644,00.html
Warum fordert der spanische Philosoph erst jetzt "Solidarität" und "Freiheit", wo beides schon ziemlich tief in den Brunnen gefallen ist?
Shivon 27.12.2010
5. abc die 2.
Dafür müsste "Europa" sich neuorganisieren und so eine Bewegung müsste parallel aus fast allen Ländern starten. Es würde nichts nützen, wenn so eine Bewegung nur in einem kleinen Land von Europa startet. Auch müsste die Bewegung insbesondere junge Menschen erreichen ( 16-40? ), da diese die Zukunft von Europa sind. Aber heutzutage bei der politischen Verdrossenheit, die die Alten geschaffen haben, kann man nichts großes erreichen. Der öffentliche Ruck für Europa muss erst noch kommen.
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