Debatte über Versöhnung Niederländer lassen deutschen Botschafter nicht zum Kriegstrauertag

Verschmähte Geste: Der deutsche Botschafter in den Niederlanden fragte an, ob er bei der Gedenkfeier für die Opfer des Zweiten Weltkriegs dabei sein könnte. Sein Vorschlag wurde abgelehnt - und löste eine heftige Diskussion über die Beziehung zum Nachbarland aus.

Königin Beatrix und Kronprinz Willem-Alexander bei der Gedenkfeier für die Opfer des Zweiten Weltkriegs (Aufnahme aus 2007): Ausländer dürfen nicht teilnehmen
DPA

Königin Beatrix und Kronprinz Willem-Alexander bei der Gedenkfeier für die Opfer des Zweiten Weltkriegs (Aufnahme aus 2007): Ausländer dürfen nicht teilnehmen


Hamburg - Die deutsche Besatzung ist bis heute ein heikles Thema in den Niederlanden. Das bekam jetzt auch Thomas Läufer, der deutsche Botschafter in Den Haag, zu spüren. In einem Interview, das für die niederländische Fernsehserie "De oorlog" ("Der Krieg") aufgezeichnet wurde, sagte der Diplomat in der vergangenen Woche, er würde gern an der Gedenkfeier für die Toten des Zweiten Weltkriegs am 4. Mai teilnehmen - wenn er denn eingeladen würde.

Doch die Bemerkung Läufers löste eine heftige Diskussion unter den Niederländern aus: Darf ein deutscher Botschafter zum Nationalen Kriegstrauertrag eingeladen werden, wenn den Opfern von Deutschen gedacht wird? In den knapp fünf Jahren nach dem deutschen Einmarsch am 10. Mai 1940 kamen über 200.000 Niederländer - größtenteils Juden - durch die Besatzer aus dem Nachbarland ums Leben. Der Widerstand gegen die verhassten Nazis war zwar groß, es gab aber auch etliche Mitläufer und Kollaborateure, die als "fouter" (falsche) Niederländer beschimpft wurden.

Deutsche Zeitungen registrierten die Aufregung bei den Nachbarn kaum, nur wenige Blätter wie die "Rheinische Post" griffen das Thema auf. Doch in den niederländischen Medien wurde eifrig gestritten. "Trauern - zusammen mit den Deutschen? Das geht nicht. Wo ist der Respekt gegenüber den Trauernden", sagte zum Beispiel Raphael Evers, prominenter niederländischer Rabbi, in der Zeitung "Volkskrant". Ehemalige Widerstandskämpfer äußerten sich ähnlich.

"Mit keinem Nachbarland verbindet uns so viel"

Ganz anders argumentierte der Historiker Herman von der Dunk: "Deutschland zeigte sich in den vergangenen 65 Jahren als eine der am meisten gefestigten Demokratien in Europa", schrieb er im "NRC Handelsblad". "In anderen Ländern wurden schon vor 20 Jahren deutsche Gäste eingeladen - zur gemeinsamen Trauer und Versöhnung."

Auch Frans Timmermans, Europaminister der Niederlande, schaltete sich ein. "Mit keinem Nachbarland (von Flandern einmal abgesehen) verbindet uns in gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht so viel wie mit Deutschland", schrieb er in einem Meinungsbeitrag für die Zeitung "Trouw". "Viel mehr jedenfalls als mit England, an dem sich die niederländische Elite so gern orientiert." Auf den "von den Nazis hinterlassenen Trümmern und unter straffer Führung der Besatzungsmächte wagten sich die Westdeutschen vor genau 60 Jahren an ein Experiment, das ein beispielloser Erfolg werden sollte", lobt Timmermans die Entwicklung Deutschlands.

Zur Teilnahme Läufers an der Gedenkfeier wird es dennoch nicht kommen. Das "Nationaal Comite 4 en 5 mei", das den Kriegstrauertag organisiert, stellte klar: Der deutsche Botschafter werde keine Einladung bekommen. "Die Feier muss einen nationalen Charakter behalten", erklärte Direktorin Nine Nooter nach Angaben der "Rheinischen Post". "Deshalb werden allgemein keine ausländischen Gäste eingeladen." Die aktuelle Diskussion über die Anfrage des Botschafters beruhe "letztlich auf einem Missverständnis".

Das Auswärtige Amt in Berlin wollte den Vorgang auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren.

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Seite 1
Rainer Helmbrecht 12.01.2010
1. .
Zitat von sysopVerschmähte Geste: Der deutsche Botschafter in den Niederlanden fragte an, ob er bei der Gedenkfeier für die Opfer des Zweiten Weltkriegs dabei sein könnte. Sein Vorschlag wurde abgelehnt - und löste eine heftige Diskussion über die Beziehung zum Nachbarland aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,671592,00.html
Da basteln die Niederländischen Nachbarn am gemeinsamen Haus Europa. Übrigens hat mich mich letzten Sommer ein Holländer abgeklemmt, wo kann ich mich dafür rächen. Trotzdem esse ich noch Matjes aus Holland;o). MfG. Rainer
brux 12.01.2010
2. Frage
Zitat von sysopVerschmähte Geste: Der deutsche Botschafter in den Niederlanden fragte an, ob er bei der Gedenkfeier für die Opfer des Zweiten Weltkriegs dabei sein könnte. Sein Vorschlag wurde abgelehnt - und löste eine heftige Diskussion über die Beziehung zum Nachbarland aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,671592,00.html
Wenn generell keine auslaendischen Repraesentanten eingeladen werden, geht das natuerlich in Ordnung. Wenn aber nur der deutsche Botschafter draussen bleiben muss, waere das uebelstes Resentiment gegen die Deutschen, weil ja offenbar nicht die Gesinnung sondern die Nationalitaet entscheidet. Leider muss man letzteres vermuten: In den Niederlanden mokiert man sich gerne ueber die Deutschen, weil man (a) ihnen aehnlicher ist als man erkennen will und weil (b) die Kollaboration mit den Nazis verdraengt werden muss. Die etwas offeneren Niederlaender machen ja selbst gerne Witze ueber die nationale Selbswahrnehmung als ein gigantisches Heer von Radfahrern im Widerstand gegen die Nazis. Aber vielleicht ging es unseren Nachbarn wieder nur um's Geld (Kosten fuer die Briefmarke auf der Einladung).
Willie, 12.01.2010
3. -
Zitat von sysopVerschmähte Geste: Der deutsche Botschafter in den Niederlanden fragte an, ob er bei der Gedenkfeier für die Opfer des Zweiten Weltkriegs dabei sein könnte. Sein Vorschlag wurde abgelehnt - und löste eine heftige Diskussion über die Beziehung zum Nachbarland aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,671592,00.html
Man sollte das meiner Meinung nach nicht ueberbewerten. Erstens sind die Beschraenkungen anderer deren Nachteil, zweitens sind Empfindlichkeiten anderer dahingehend zu respektieren, dass man sich nicht aufdraengt und drittens ist der Sachverhalt: "Die Feier muss einen nationalen Charakter behalten", erklärte Direktorin Nine Nooter nach Angaben der "Rheinischen Post". "*Deshalb werden allgemein keine ausländischen Gäste* eingeladen." dann auch sowieso keine speziell gegen Deutschland gerichtete Entscheidung. Was soll das also?
Willie, 12.01.2010
4. -
Zitat von bruxWenn generell keine auslaendischen Repraesentanten eingeladen werden, geht das natuerlich in Ordnung. Wenn aber nur der deutsche Botschafter draussen bleiben muss, waere das uebelstes Resentiment gegen die Deutschen, weil ja offenbar nicht die Gesinnung sondern die Nationalitaet entscheidet. Leider muss man letzteres vermuten: In den Niederlanden mokiert man sich gerne ueber die Deutschen, weil man (a) ihnen aehnlicher ist als man erkennen will und weil (b) die Kollaboration mit den Nazis verdraengt werden muss. Die etwas offeneren Niederlaender machen ja selbst gerne Witze ueber die nationale Selbswahrnehmung als ein gigantisches Heer von Radfahrern im Widerstand gegen die Nazis. Aber vielleicht ging es unseren Nachbarn wieder nur um's Geld (Kosten fuer die Briefmarke auf der Einladung).
Ich denke, sie uebertreiben das schon wieder vorauseilend mit ihrem Superlativ. Und sind sich auch nicht zu schade, sofort mit eigenen Ressentiments nachzukarten: Das ist ueble Stimmungsmache ihrerseits. Und das alles bereits vorauseilend "fuer den Fall', dass das wahrscheinlich "ungelegte Ei" eventuell vielleicht doch keines sein koennte. Koennte. Nur um ja nicht die Gelegenheit ausgelassen zu haben, das noetige schon mal -quasi bereitstellend- gesagt zu haben. Das ist das Denkmaterial auf das man in der Vergangenheit Kriege begruendet hat. Anscheinend entwachsen wir dem nie. Und die Presse laesst da auch keine Gelegenheit aus, Zwietracht zu saehen. Schliesslich hilft es ja der Auflage.
Moewi 12.01.2010
5. Hä?
Genau - jedoch wie sagt man im Fussball ebenfalls so schön: Das Spiel hat 90 Minuten und ist erst zu Ende wenn der Schiri pfeift. Halbzeitstände oder eine frühe Führung zählen NULL. Angesichts des überwältigenden Erfolgs der alliierten Einwechselspieler auf Seiten der Niederländer muss ich mich schon sehr über ihre These wundern, dass "wir" gewonnen hätten. Wie sagt man so schön: Anscheinend haben Sie ein anderes "Spiel" gesehen...
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