Demokraten-Duell Clinton schließt wieder zu Obama auf - Kopf-an-Kopf-Finale in Texas und Ohio

Aus Cleveland, Ohio, berichtet

2. Teil: "Ich laufe mich gerade erst richtig warm"


So buhlen also zwei harte Arbeiter im Mittleren Westen um Wähler, und es ist interessant, was ihre Anhänger unterscheidet. Zu Clintons Auftritten kommen viele ältere Menschen, fast alle weiß, sehr viele Frauen. Wie Sally Colamore, Anfang 60, die nach Clintons Rede in Westerville einen ganzen Stapel von Broschüren aus der Halle trägt. 18 Jahre arbeitete sie bei einer Bank, da hatte sie noch eine Krankenversicherung. Doch seit ein paar Jahren muss sie sich als freie Beraterin durchschlagen. Sie bräuchte eine neue Hüfte, aber sie traut sich nicht zum Arzt zu gehen. "Schmerztabletten müssen erst mal reichen", sagt sie - und die Hoffnung auf eine allgemeine Krankenversicherung, die nur Clinton wirklich durchsetzen könne. "Außerdem ist sie eine Frau", sagt Colamore und grinst.

Bei Obamas Auftritten dominieren jüngere Leute, viele Farbige sind darunter. Doch um in Ohio zu gewinnen, muss Obama wieder in andere Wählergruppen vordringen - weiße Männer mittleren Alters vor allem. Wie Andrew Ginther. Der ist Stadrat in Columbus, er trägt einen Obama-Sticker stolz an der Brust. Zu Anfang der Vorwahlen war er hin- und hergerissen zwischen John Edwards, dem Kämpfer gegen das Großkapital, und Obama. Aber seit Edwards' Ausstieg hat er sich klar entschieden. "Er kann das Land zusammenbringen. Auch in der Wirtschaftspolitik. Obama weiß, wie die Menschen fühlen."

Um Gefühle dreht sich viel bei dieser Abstimmung in Ohio. Zum Beispiel in der Diskussion über Nafta, das Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko. Ökonomen können dieses Abkommen in komplizierten Statistiken als klaren Erfolg darstellen. Doch für viele Menschen in Ohio ist Nafta das Synonym für alles, was mit dem Welthandel falsch läuft.

Bill Clintons Regierung hat einst für Nafta gekämpft, und Obama versäumt keine Gelegenheit, die Wähler daran zu erinnern.

"Ich war immer dagegen. Senator Clinton dachte, Nafta sei die richtige Entscheidung", sagt er in Westerville. Sogar Fernsehspots hat sein Team dazu gedreht: Darin blickt Steven Schuyler aus Youngstown direkt in die Kamera. 13 Jahre habe er einen gut bezahlten Job gehabt, berichtet Schuyler, ihn dann aber verloren - wegen Nafta.

Schuyler soll das Gefühl vermitteln, die Nafta-Befürworterin Hillary Clinton kümmere sich einfach nicht um Leute wie ihn. Es ist ein Spot mit einer klaren Botschaft - und Obama, dessen Kriegskasse weit besser gefüllt ist als die von Clinton, gibt etwa doppelt so viel für Fernsehwerbung aus wie seine Rivalin.

Gefährliches Memo für Obama

Doch Clintons Team schlägt zurück. Die Nachrichtenagentur AP berichtete gestern vom Memo eines kanadischen Diplomaten über ein Treffen mit einem hochrangigen Berater Obamas. Dieser soll dem besorgten Kanadier erklärt haben, Obamas Attacken gegen Nafta in Ohio seien bloß Wahlkampfrhetorik.

Die kanadische Botschaft wies das offiziell zurück. Aber Clinton witterte eine Chance, donnerte: "Das ist der Unterschied zwischen Worten und Handeln, die ich während des ganzen Wahlkampfes betont habe."

Es hört sich an, als denke sie schon an die nächsten Etappen. Wie diese Episode den vermeintlichen Übermenschen Obama als einen ganz gewöhnlichen berechnenden Politiker entlarven könnte. Clintons Spin-Doktoren bereiten hinter den Kulissen dafür den Weg. Vor kurzem noch hatten sie Siege in Ohio und Texas zur Pflicht gemacht. Doch nachdem Clinton in Umfragen in Texas zurückgefallen war, flüsterten sie, es würde ihr auch dann einen gewaltigen Auftrieb verleihen, wenn sie nur in Ohio siegen sollte. Zum Beispiel weil es in den Präsidentschaftswahlen 2000 und 2004 so umkämpft zwischen Republikanern und Demokraten war - und das im November wieder sein werde.

Vielleicht aber auch einfach, weil eine Kämpferin nicht einfach aufgibt. Es ist Montag, Clinton steht in Toledo vor Reportern. Die wollen mal wieder wissen, ob sie bei einer Niederlage an diesem Dienstag hinwerfen wird. Clinton zuckt nicht mal mit der Wimper: "Ich laufe mich gerade erst richtig warm."



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