SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. März 2008, 10:28 Uhr

Demokraten-Duell

Clinton schließt wieder zu Obama auf - Kopf-an-Kopf-Finale in Texas und Ohio

Aus Cleveland, Ohio, berichtet

Clinton gegen Obama - das Herzschlag-Finale: Letzten Umfragen aus Texas zufolge liegen jetzt beide Kopf an Kopf, in Ohio führt die frühere First Lady plötzlich wieder. Sie kämpft in den beiden Großstaaten bis zur letzten Minute um den Sieg. Und ihre letzte Präsidentschaftschance.

Cleveland - Es ist spannend. Bis zur letzten Minute. Kurz vor den Vorwahlen in Texas und Ohio hat Hillary Clinton gegenüber Barack Obama Boden gut gemacht. Eine letzte Umfrage von Reuters, C-Span und dem "Houston Chronicle" sieht sie in Texas jetzt bei 47, Obama bei 44 Prozent - gestern sah es noch umgekehrt aus. In Ohio glich die frühere First Lady Obamas zwei Prozentpunkte Vorsprung aus. Beide stehen nun bei 44 Prozent .

Es ist ein Drama - keiner wagt wirklich zu prognostizieren, wie es ausgeht. Und es ist Clintons vermutlich letzte Chance für die Präsidentschaftskandidatur. Nur wenn sie morgen in einem der beiden Riesenstaaten siegt, hat sie noch eine Chance.

Rückblende. Es ist Sonntag in Westerville, Ohio. Hillary Clinton steht im Sportsaal einer High School. Die Ränge sind prall gefüllt, an den Wänden hängen die Fahnen der Football-Mannschaft der Schule. Sie zeigen goldene Helme auf rotem Grund. "The Warriors" heißen die stolzen Sporthelden - die Kämpfer, die Krieger gar.

Direkt unter den Flaggen zeichnet Clinton das Bild eines Amerikas voller Kämpfe.

Sie rechnet vor, wie viel teurer eine Tankfüllung in Ohio heute ist als noch vor einem Jahr.

Wie viel mehr neue Zwangsvollstreckungen jeden Tag in der Zeitung stehen.

Sie berichtet von einer jungen werdenden Mutter, die ihr Kind verliert und selber stirbt - weil sie sich eine Routineuntersuchung für 100 Dollar nicht leisten kann. Die Menge seufzt schwer.

Harte Zeiten, und höchste Zeit für eine Kämpferin im Weißen Haus - das ist die Botschaft. "Wir brauchen eine Präsidentin", ruft Clinton, und ihre Stimme hallt laut und hart von der Bühne, "die es rafft. Die sagt: Warte mal, wir müssen was tun." Tosender Beifall.

"Ein bisschen weniger Reden, ein bisschen mehr Handeln"

Sie betont das "tun". Clinton redet und redet, fast eine Stunde lang. Aber eines will sie auf keinen Fall sein auf ihrer Blitztour an diesem Sonntag quer durch Ohio: eine Rednerin.

Zu Beginn ihrer Auftritte ertönt "A little less conversation" von Elvis Presley - "ein bisschen weniger Reden". Der Refrain: "A little more action, please" - "ein bisschen mehr Handeln".

Meist dauert es nur ein paar Minuten bis zum ersten Tiefschlag gegen ihren Rivalen Barack Obama. "Oft scheint es ja jetzt nur noch ums Wohlgefühl zu gehen", sagt Clinton, und ihre Stimme nimmt einen missbilligenden Ton an. Um schöne Reden halt. "Ich habe auch eine Menge Reden gehalten." Es klingt, als erinnere sie sich an Wurzelbehandlungen. "Oft kamen Leute danach auf mich zu und sagten: Oh, das war so inspirierend." Clinton macht eine Art wegwerfende Handbewegung. Will sie gar nicht hören, so was. Denn: "Es sind nur ja Worte. Wichtig ist doch, dass wir das Leben der Menschen verbessern."

Eine Politikerin also, die mitten in ihrer Rede den Wählern einimpft, dass Reden nicht helfen. Eine erstaunliche Wendung - es ist Clintons Überlebensstrategie.

Mit den Ansprachen Obamas, die Millionen Amerikaner begeistert haben, kann sie nicht mithalten. Also setzt sie in diesen letzten Tagen vor den wichtigen Vorwahlen in Ohio und Texas radikaler denn je auf Worte wie "Kampf". Auf "harte Arbeit" und "hochgekrempelte Ärmel". Auf "eisernen Willen".

Bei einem anderen Auftritt in Ohio stellt Box-Champion Kelly Pavlik Clinton vor. Pavlik hat so manche Krise erlebt, aber er hat immer wieder ein Comeback geschafft. Clinton spricht mit ihm wie von Kämpferin zu Kämpfer. "Im Leben wird man manchmal ausgeknockt."

Wahrscheinlich könnte sich die frühere First Lady keine bessere Kulisse für ihre neue Kämpfer-Strategie wünschen als Ohio. Hier im Mittleren Westen der USA sind die Winter rau, der Wind fegt die meisten Monate. Seit Jahrzehnten schrauben die Menschen in Ohio an Motoren, basteln Maschinenteile zusammen, bauen Jeeps. Lange waren das gute Jobs für gutes Geld, dafür sorgten schon mächtige Gewerkschaften.

Doch knapp jeder vierte Schraub-Job ist weg seit 2000, weil Menschen in anderen Teilen der Welt das viel günstiger machen. Wer hören will, wie sich Menschen in der Globalisierungsfalle fühlen, muss nach Ohio fahren. Sherrod Brown hat hier 2006 einen Sitz im US-Senat gewonnen, indem er seinen Wahlkampf um Attacken auf das moderne Welthandelssystem baute.

Es ist Clinton-Land, mit vielen älteren Vorwählern, die eine Rezession fürchten und um die Gesundheitsversorgung für ihre Familie. Diese Gruppe hat auch im Rest der USA fast immer sie favorisiert und nicht Barack Obama. Clintons Team hofft hier auf die Wende im Vorwahlkampf - und in den aktuellen Umfragen liegt sie einige Prozentpunkte vorn.

Alle sind gekommen, um die Obama-Euphorie zu erleben

Doch auch Obama weiß, was die Leute hier hören wollen. Ein paar Stunden nach Clintons Auftritt steht er nur knapp fünf Minuten entfernt im Sportsaal einer anderen High School in Westerville. Noch mehr Leute drängeln sich hier, weit über 2000. Viele müssen draußen bleiben. Alle sind gekommen, um die Obama-Euphorie zu erleben, von der das ganze Land redet.

Aber der will sie ihnen heute nicht geben.

Obama spricht leise und gedämpft. Er unterbricht seine Rede, um zu prüfen, ob auch jeder im Raum eine umfangreiche Broschüre zu seinem Wirtschaftsprogramm erhalten hat. Er malt ein düsteres Bild der Wirtschaftslage: "Wir Amerikaner haben nie weniger gespart und mehr Schulden gemacht als heute."

Obama redet davon, Firmen zu bestrafen, die Jobs ins Ausland verlagern, will Milliarden für mehr Bildung und Jobs. Und dämpft sogar die Hoffnung, die er sonst in seinen Reden immer wieder beschwört. "Wenn ihr mich wählt, kommen die Jobs nicht auf einmal alle nach Ohio zurück. Das wird harte Arbeit."

"Ich laufe mich gerade erst richtig warm"

So buhlen also zwei harte Arbeiter im Mittleren Westen um Wähler, und es ist interessant, was ihre Anhänger unterscheidet. Zu Clintons Auftritten kommen viele ältere Menschen, fast alle weiß, sehr viele Frauen. Wie Sally Colamore, Anfang 60, die nach Clintons Rede in Westerville einen ganzen Stapel von Broschüren aus der Halle trägt. 18 Jahre arbeitete sie bei einer Bank, da hatte sie noch eine Krankenversicherung. Doch seit ein paar Jahren muss sie sich als freie Beraterin durchschlagen. Sie bräuchte eine neue Hüfte, aber sie traut sich nicht zum Arzt zu gehen. "Schmerztabletten müssen erst mal reichen", sagt sie - und die Hoffnung auf eine allgemeine Krankenversicherung, die nur Clinton wirklich durchsetzen könne. "Außerdem ist sie eine Frau", sagt Colamore und grinst.

Bei Obamas Auftritten dominieren jüngere Leute, viele Farbige sind darunter. Doch um in Ohio zu gewinnen, muss Obama wieder in andere Wählergruppen vordringen - weiße Männer mittleren Alters vor allem. Wie Andrew Ginther. Der ist Stadrat in Columbus, er trägt einen Obama-Sticker stolz an der Brust. Zu Anfang der Vorwahlen war er hin- und hergerissen zwischen John Edwards, dem Kämpfer gegen das Großkapital, und Obama. Aber seit Edwards' Ausstieg hat er sich klar entschieden. "Er kann das Land zusammenbringen. Auch in der Wirtschaftspolitik. Obama weiß, wie die Menschen fühlen."

Um Gefühle dreht sich viel bei dieser Abstimmung in Ohio. Zum Beispiel in der Diskussion über Nafta, das Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko. Ökonomen können dieses Abkommen in komplizierten Statistiken als klaren Erfolg darstellen. Doch für viele Menschen in Ohio ist Nafta das Synonym für alles, was mit dem Welthandel falsch läuft.

Bill Clintons Regierung hat einst für Nafta gekämpft, und Obama versäumt keine Gelegenheit, die Wähler daran zu erinnern.

"Ich war immer dagegen. Senator Clinton dachte, Nafta sei die richtige Entscheidung", sagt er in Westerville. Sogar Fernsehspots hat sein Team dazu gedreht: Darin blickt Steven Schuyler aus Youngstown direkt in die Kamera. 13 Jahre habe er einen gut bezahlten Job gehabt, berichtet Schuyler, ihn dann aber verloren - wegen Nafta.

Schuyler soll das Gefühl vermitteln, die Nafta-Befürworterin Hillary Clinton kümmere sich einfach nicht um Leute wie ihn. Es ist ein Spot mit einer klaren Botschaft - und Obama, dessen Kriegskasse weit besser gefüllt ist als die von Clinton, gibt etwa doppelt so viel für Fernsehwerbung aus wie seine Rivalin.

Gefährliches Memo für Obama

Doch Clintons Team schlägt zurück. Die Nachrichtenagentur AP berichtete gestern vom Memo eines kanadischen Diplomaten über ein Treffen mit einem hochrangigen Berater Obamas. Dieser soll dem besorgten Kanadier erklärt haben, Obamas Attacken gegen Nafta in Ohio seien bloß Wahlkampfrhetorik.

Die kanadische Botschaft wies das offiziell zurück. Aber Clinton witterte eine Chance, donnerte: "Das ist der Unterschied zwischen Worten und Handeln, die ich während des ganzen Wahlkampfes betont habe."

Es hört sich an, als denke sie schon an die nächsten Etappen. Wie diese Episode den vermeintlichen Übermenschen Obama als einen ganz gewöhnlichen berechnenden Politiker entlarven könnte. Clintons Spin-Doktoren bereiten hinter den Kulissen dafür den Weg. Vor kurzem noch hatten sie Siege in Ohio und Texas zur Pflicht gemacht. Doch nachdem Clinton in Umfragen in Texas zurückgefallen war, flüsterten sie, es würde ihr auch dann einen gewaltigen Auftrieb verleihen, wenn sie nur in Ohio siegen sollte. Zum Beispiel weil es in den Präsidentschaftswahlen 2000 und 2004 so umkämpft zwischen Republikanern und Demokraten war - und das im November wieder sein werde.

Vielleicht aber auch einfach, weil eine Kämpferin nicht einfach aufgibt. Es ist Montag, Clinton steht in Toledo vor Reportern. Die wollen mal wieder wissen, ob sie bei einer Niederlage an diesem Dienstag hinwerfen wird. Clinton zuckt nicht mal mit der Wimper: "Ich laufe mich gerade erst richtig warm."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung