Demokraten-Duell Super-Schlacht um Super-Delegierte

Clinton vorn, Obama vorn: Das Zahlenspiel um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten wird immer wirrer. Wer hat jetzt eigentlich wie viele Delegierte? Die Kandidaten machen das Beste aus dem Chaos - sie picken sich heraus, was ihnen passt.

New York - "Wir führen bei den Delegierten", erklärt Hillary Clinton. "Wir haben die meisten Delegierten", erklärt Barack Obama. Zwei Kandidaten, zwei gegensätzliche Aussagen. Das Beste daran: Beide haben Recht. Oder vielleicht auch nicht - so richtig weiß das inzwischen keiner mehr.

Und das ist denn auch das akute Problem bei diesem demokratischen Wahlmarathon. Nach Vorwahl oder Caucus in 32 Bundesstaaten sind die Wähler heute kaum klüger als zum Jahreswechsel, als das sündhaft teure Drama in der Schneewüste Iowas begann. Daran änderte auch der Durchgang vom Wochenende nichts.

Erst sollte ja der Super Tuesday Klarheit schaffen. Am Wochenende dann wurde erneut zumindest ein hilfreicher Hinweis erhofft, bei Stimmgängen in den Bundesstaaten Washington, Louisiana und Nebraska, die Virgin Islands und schließlich in Maine.

Obama gewann alle. Daraufhin verkündete Clinton, ihre Nominierung sei "in greifbarer Nähe".

Beide Seiten drehten die Ergebnisse wie immer durch die "Spin"-Mangel. Sprachen vom "Schwung der Bewegung" und vom Willen des Wählers zu ihren Gunsten. Doch am Ende wird es nur auf nackte Zahlen ankommen: Wer wird beim Nominierungsparteitag im August die Mehrheit der Landesdelegieren auf seiner Seite haben - 2025 Delegierte, um genau zu sein?

"Das System ist zu kompliziert"

Dies ist die Stunde der Erbsenzähler. Doch Klarheit? Im Gegenteil: Jeder Kandidat, jede Zeitung, jeder amerikanische TV-Sender scheint den aktuellen Delegiertenstand anders zu berechnen - mit teils widersprüchlichen Resultaten. Nicht nur der Laie gerät da hilflos unter die Räder. Dies, klagt der Polit-Kolumnist Matthew Tilly vom "Indianapolis Star", sei schlimmer "als die Relativitätstheorie".

So konnte man auch gestern Abend, nach dem vorläufigen Maine-Ergebnis, wieder zwischen diversen Versionen der Sachlage wählen. CNN (dessen Zahlen SPIEGEL ONLINE übernimmt) sah Clinton mit insgesamt 1148 Delegierten knapp vorne, vor Obama mit 1121 Delegierten. Beim TV-Network NBC und seiner Kabeltochter MSNBC dagegen siegte gerade Obama, 943 zu 895. Ebenso bei CBS, noch haarschärfer: Obama 1134, Clinton 1131. Bei der Agentur AP wiederum führte Clinton: 1127 zu 1093. Bei der "New York Times": 912 zu 741. Fragen?

Ach ja, und dann gibt es auch noch Obamas eigene Rechnung, täglich aktualisiert auf seiner Wahlkampf-Website. Obama 910. Clinton 882.

"Kann es sein, dass hier Bilanzen gefälscht werden?", fragte ein Leser in einem Brief an die "New York Times", die sich ja offiziell hinter Clinton gestellt hat. Selbst Clark Hoyt, der Ombudsmann der "Times", sprach selbstkritisch von "Fuzzy-Wahlmathematik".

"Fuzzy" - schwammig - ist aber nicht die Mathematik, sondern das System selbst. Die Regeln, nach denen die Demokraten ihre Präsidentschaftskandidaten bestimmen, sind mannigfaltig, von Staat zu Staat anders und selbst für Experten kaum mehr durchschaubar. "Das System ist zu kompliziert", seufzt der demokratische Berater Hank Sheinkopf. "Und das ist nun mal, was dabei herauskommt."

Jede obskure Vorschrift gewinnt an Bedeutung

Bisher war das egal, weil sich zu diesem Zeitpunkt stets ein so starker Kandidat herausgeschält hatte, dass Feinheiten nicht mehr ins Gewicht fielen. Beim jetzigen Kopf-an-Kopf-Rennen aber gewinnt plötzlich jede kleinste, noch so obskure Vorschrift Bedeutung. So obskur, dass die NBC-Redaktion für ihre Berechnung des Super-Tuesday-Ergebnisses ein 225 Seiten starkes Handbuch hatte.

Das beginnt schon beim Gröbsten. Einige Staaten halten "Primaries" ab - geheime Wahlen, die wie normale Wahlgänge ablaufen. Andere veranstalten einen Caucus - eine Bürgerversammlung, bei der offen diskutiert und per Hand abgestimmt wird.

Viele Staaten bestimmen dabei keine direkten Delegierten für den Wahlparteitag, sondern nur Delegierte für Landesparteitage im Frühjahr, die dann ihrerseits Delegierte wählen. Einige davon sind an die Ergebnisse der Vorwahlen gebunden, andere nicht. Einige werden nach Bezirksergebnissen berechnet, andere nicht.

Will heißen: Vieles an den Statistiken, die jetzt durch die Welt geistern, beruht auf Schätzungen. In Nevada zum Beispiel gewann Clinton die Mehrheit der Stimmen, Obama aber nach Darstellung vieler Medien (und seiner eigenen) die Mehrheit der Delegierten.

Die Super-Delegierten, unberechenbare Joker

Doch auch das ist vorerst nur eine Prognose: Die tatsächliche Zahl der Nevada-Delegierten - laut CNN 13 für Obama und 12 für Clinton - wird erst beim Landesparteitag im April bestimmt. Weshalb die "New York Times" Nevada bisher noch gar nicht mitrechnet. Ebenso wie Alaska, Colorado, Idaho, Iowa, Minnesota, North Dakota und Maine, wo es ähnlich läuft.

"Auf diese Weise sollte man nicht mal einen Hundefänger wählen", schimpft Sheldon Gawiser, der Wahlchef von NBC News. "Geschweige denn einen Präsidenten."

Dasselbe Theater in Maine: Da gewann Obama mit 59 zu 40 Prozent, was CNN in 15 zu 9 Delegierte umrechnete. Doch diese sind auch nur Delegierte für den Landesparteitag im Mai - zu welchen zehn Super-Delegierte hinzukommen.

Ach ja, die Super-Delegierten. Diese elitäre Kaste von Freiläufer-Delegierten, die es übrigens nur bei den Demokraten gibt, erschweren den Wahlbeobachtern zusätzlich das Geschäft.

Landesweit gibt es 796 davon: Parteifunktionäre und andere Würdenträger (darunter alle demokratischen Gouverneure und Kongressabgeordneten), die beim Parteitag abstimmen können, wie es ihnen beliebt. Egal, wen ihr Bundesstaat zuvor gewählt hat. Super-Delegierte sind unberechenbare Joker: Sie müssen sich nicht zu ihrer Entscheidung bekennen, können diese erst im letzten Moment fällen - und können ihre Meinung jederzeit ändern.

Erfunden wurden die Super-Delegierten 1982. Sie sollten künftig ein Debakel wie bei der Wahl 1980 verhindern, bei der sich die Basis zwischen den Kandidaten Jimmy Carter und Ted Kennedy zerfleischte und einen möglichen Wahlsieg gegen Ronald Reagan verschenkte.

Das Zünglein an der Waage

Super-Delegierte sollten jedoch immer erst im letzten Moment in Aktion treten, als Zünglein an der Waage, nachdem der Vorwähler seine Chance zur Mitsprache hatte. "Sie sollten nie ein Teil des Sprints von Iowa zum Super Tuesday und darüber hinaus sein", schrieb der Demokraten-Stratege Tad Devine, Chefberater von Al Gores Wahlkampf 2000, gestern in einem Essay für die "New York Times".

Aber genau das ist nun passiert. So knapp ist das Rennen, dass beide Kandidaten - und etliche Medien - jetzt schon Super-Delegierte mit einrechnen, so sich diese bekannt haben. Egal, ob deren Haltung noch völlig im Flux ist.

Zum Beispiel in Iowa, dem ersten großen Sieg von Obama. Dort ging es um 57 Delegierte, 12 davon Super-Delegierte. Einer davon wanderte inzwischen von "unentschlossen" zu Obama. Ein anderer von John Edwards, dem seither ausgestiegenen Drittkandidaten, zu Clinton.

So sind "Umfragen" unter Super-Delegierten, wie sie viele US-Medien veranstalten, relativ sinnlos. Laut "New York Times" hat Clinton derzeit 204 und Obama 99 Super-Delegierte in der Tasche. Laut AP sind es aber 213 zu 139. CBS ermittelte 211 zu 137, CNN 193 zu 106. Alle befragten übrigens die selben Personen.

Super-Berater kämpfen um das Votum der Super-Delegierten

Bisher galt es als schlechter Stil, so früh schon Superdelegierte unter Druck zu setzen. Hinter den Kulissen aber kämpfen beide Kandidaten längst erbittert um die Super-Stimmen. Für Clinton setzen sich dafür unter anderem Gatte Bill sowie Ex-Außenministerin Madeleine Albright ans Telefon. Für Obama der frühere Präsidentschaftskandidat John Kerry.

In Kalifornien berichtete eine Super-Delegierte neulich, sie habe drei Anrufe in Folge bekommen. Erst von Bill Clinton. Dann von Chelsea Clinton. Und dann von Hillary Clinton.

"Wir werden mit E-Mails bombardiert", sagt Donna Brazile, als Gores Ex-Wahlkampfchefin ebenfalls eine Super-Delegierte. Brazile weigert sich, schon jetzt kundzutun, hinter wem sie steht, und wirft den Kandidaten einen Missbrauch des Systems vor: "Wenn es zur Kampfabstimmung kommt, werde ich aus der Partei austreten."

Obama hat den weiteren Verlauf der Vorwahlen längst bis zum Parteitag austariert. In einem internen Spreadsheet-Memo, das vorige Woche an die Presse lanciert wurde, spielen seine Strategen mehrere Szenarien durch. Eines davon sieht ihn am Ende vorne - mit 1806 zu 1789 Delegierten.

Keines reicht für die Nominierung.