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06. September 2012, 12:14 Uhr

Demokraten in North Carolina

Pleiten, Pech, Parteitag

Aus Charlotte, North Carolina, berichten und

Betrunkene Delegierte, grausiges Wetter und eine rettungslos überfüllte Halle: Beim Parteitag der Demokraten in Charlotte geht vieles schief. Dabei war die Obama-Show minutiös geplant und stramm durchgetaktet. Bis es anfing zu regnen. Ein Bericht von der Pannenfront.

Was denn? Nicht mal Luftballons? Kein Freuden-Regen in den Landesfarben Rot, Weiß, Blau? Es ist die jüngste schlechte Botschaft auf dem Wahlparteitag der Demokraten, in dem bisher zwar Michelle Obama und Bill Clinton begeisternde Reden gehalten haben, aber sonst schon einiges schiefgelaufen ist.

Dabei sind Ballons die geringste Sorge, die die Demokraten hier haben. Zur Krönung wird US-Präsident Barack Obama an diesem Donnerstagabend ja seine große Kandidatenrede halten. Geplant war das in einem Open-Air-Footballstadion. Wie vor vier Jahren, als "Hope" und "Change" in aller Munde waren.

Doch das schlechte Wetter in North Carolina macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Die Planer mussten die Rede nach drinnen verlegen, in die viel kleinere Time Warner Cable Arena. Zehntausende Fans aus North Carolina müssen nun draußen bleiben. Sie grollen - und das in einem Staat, den Obama 2008 mit nur 14.177 Stimmen Vorsprung gewann. Auch kann im Saal so schnell kein Ballonregen mehr organisiert werden, wie sonst üblich bei TV-Jubelszenen.

Das freut die Republikaner, die gleich hämisch üblere Hintergründe des Downsizings erfanden ("Probleme, die Sitze zu füllen?"). Sowie die 15.000 akkreditierten Journalisten, darunter das Team von SPIEGEL ONLINE: Uns wollten die Planer eigentlich je 1000 Dollar für den Internetzugang im Stadion abknöpfen.

Die sparen wir jetzt, ein schwacher Trost. Denn jenseits der stramm inszenierten Bühnenshow mehren sich bei diesem Parteitag Pannen, Pech und Peinlichkeiten - nicht nur für die von Natur aus gereizten Reporter. Zwar kamen auch die Republikaner nicht gut weg, als der Hurrikan "Isaac" ihr Programm durcheinanderwirbelte. Doch in Charlotte wimmelt es nur so von logistischen, organisatorischen und anderen Widrigkeiten, die meisten selbstverschuldet.

Das beginnt schon bei den Unterkünften. Rund 60.000 Gäste sind in Charlotte eingefallen, doppelt so viele wie es Hotelzimmer gibt. Weshalb manche Delegationen weit draußen landeten, einige Senatoren zum Beispiel an der Grenze zum Nachbarstaat South Carolina. Schlimmer geht es vielen Reportern, die die Organisatoren noch unbequemer einquartierten.

Das SPIEGEL-ONLINE-Team ist in Rock Hill in, ja, South Carolina, untergebracht, irgendwo auf dem Lande, eine Autostunde südlich (unter normalen Verkehrsbedigungen). Gegen das Hotel selbst ist immerhin wenig einzuwenden - außer, dass die Zimmerfernseher automatisch erst mal auf den konservativen Sender Fox News schalten.

Kaltes Wasser, kaputte Aufzüge

Andere haben es schwerer. Das "Luxus"-Hotel, in dem die kalifornische Delegation haust, wirbt zwar mit "Amsterdamer Gastlichkeit". Doch die Delegierten klagen über Kakerlaken, Baulärm, eiskaltes Wasser und kaputte Aufzüge. "Wow", twitterte Landessenator Ted Lieu. "Ich dachte nicht, dass es schlimmer werden könnte."

Es kann. Gawker-Blog-Reporter John Cook nennt sein Hotel (250 Dollar pro Nacht) ein "verschimmeltes Rattenloch für Trucker und Nutten". Einem Korrespondenten des "National Review" geht's kaum besser: "Nebenan dealten zwei Typen mit Drogen, und auf dem Parkplatz schaffte eine Prostituierte an." Das erinnert an unsere eigene Odyssee in New Hampshire.

Die Kalifornier hatten sowieso wenig Glück. Erst torkelten zwei Delegierte so betrunken in die Lobby, dass das Hotel einem Hausverbot erteilte. Dann nannte ihr Demokraten-Chef John Burton den Vizekandidaten der Republikaner, Paul Ryan, in einem Satz mit Joseph Goebbels. Burton dementierte jede böse Absicht, reiste aber dennoch ab, angeblich zu einer längst geplanten Wurzelbehandlung.

Park & Ride mit Abschleppgarantie

Und ach, das Essen. Vorteil der Demokraten gegenüber den Republikanern vorige Woche: Nicht alles hier ist frittiert. Nachteil: Es dauert.

Die Gänge der Time Warner Cable Arena sind verstopft, weil Hunderte mal eben eine Dreiviertelstunde für Hot Dogs oder Hamburger anstehen. Hinter dem Tresen beschäftigen sich zwei Mitarbeiter nur damit, die Temperatur des Fleisches zu messen. Ein andere beobachtet wachsam die Einhaltung irgendwelcher Hygienestandards. Nur verkaufen will die Delikatessen letztlich offenbar keiner.

Ineffizientes "big government" werfen die Republikaner den Demokraten gerne vor. An der Würstchenbude von Charlotte trifft das zu.

Aber es ist eine prima Sache, dass Charlotte über einen Vorortzug namens "Lynx Light Rail" verfügt und Delegierte sowie Besucher zum "Park & Ride" anhält. Dumm nur, dass viel zu wenige Parkplätze vorhanden sind. Polizisten dagegen sind immer da. Die weisen dann sanft darauf hin, dass das nun illegal auf dem Grünstreifen geparkte Auto demnächst abgeschleppt wird. Und so geht's weiter, auf zum nächsten, überfüllten Parkplatz. So lange, bis ein Grünstreifen ohne Polizist gefunden ist.

Um Chaos vorzubeugen, hat die Verkehrspolizei die entscheidenden Ampeln in der Innenstadt einfach ausgeschaltet. Und damit erst recht Chaos geschaffen. Auf jeder Kreuzung stehen jetzt drei, vier, fünf, sechs Cops. Jeder hat eine Trillerpfeife im Mund, mit der er die Autofahrer zu animieren sucht. Ergebnis: Der eine pfeift hier, der andere da. Und am Ende ist alles verstopft.

Immerhin winken die Polizisten freundlich

Jene Ordnungshüter, die nicht auf Kreuzungen eingesetzt sind, scheinen immer in Bewegung: Die einen radeln in Kolonne durch die Gegend, andere reiten hinterher und wieder andere kurven mit Golfcarts herum. Aber immerhin: Wer ihnen winkt, wird freundlich zurückgegrüßt.

Ist man einmal an der Arena, kommt wenig Freude auf. Regenschirme müssen abgegeben werden, sie gelten als Terrorwaffen. Bald stapeln sie sich zuhauf.

Drinnen dauert es eine gute Stunde, bis man seinen Sitzplatz gefunden hat. Unsere Pressebox: hintenrum, durchs Treppenhaus A1 nach oben, dann wieder drei Ebenen nach unten. Wir enden hoch oben, schräg hinter der Bühne, im akustischen Windschatten der Lautsprecher. "Nosebleed section" sagen die Amerikaner zu solchen Plätzen, so hoch oben und in dünner Luft, dass man Nasenbluten bekommt.

Dort können wir wenigstens in Ruhe den Inhalt unseres Geschenkbeutels genießen - ein "Charlotte Business Journal", Spielkarten, ein Touristenführer und eine Coke Zero. Prost.

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