Demokraten-Parteitag als Jobbörse Stell mich ein, Obama!

Ein neuer US-Präsident - das bedeutet Tausende Jobs, die in Washington neu besetzt werden. Beim Parteitag der Demokraten in Denver laufen sich die Bewerber warm: Wer wird Regierungssprecher, wer sitzt im Planungsstab - und ist der Botschafterjob in Kroatien eigentlich noch frei?

Aus Denver berichtet


Denver - Es ist kurz nach drei Uhr nachmittags, der Saal im noblen Brown Palace Hotel in Denver füllt sich. Die John F. Kennedy School of Government, Harvards Politikkaderschmiede, hat zum Empfang geladen. Ein paar Hundert Meter weiter ist der zweite Tag des Demokraten-Parteitreffens längst im Gange, doch die Zukunft wird gerade hier verhandelt.

Der Demokraten-Parteitag in Denver: Kontaktbörse für Jobsuchende in der Politik
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Der Demokraten-Parteitag in Denver: Kontaktbörse für Jobsuchende in der Politik

"Ich habe den Obama-Leuten meinen Lebenslauf schon zweimal geschickt, sie wollen sich auf jeden Fall melden", wispert eine Frau im hellen Kostüm. Ein Harvard-Mann spekuliert dagegen laut über seine Zukunft. "Wenn meine Frau Botschafterin in Kroatien wird, hätte ich kein Problem, den Sommer an der dalmatischen Küste zu verbringen", sagt er und grinst. Die anderen schauen etwas unsicher, ob das Witz ist oder Ernst. Ist der Posten etwa schon vergeben?

Sicher ist jedenfalls: US-Parteitage sind immer auch Jobbörsen. Sollte mit Barack Obama nach acht Republikaner-Jahren wieder ein Demokrat an die Macht kommen, kann er Tausende Stellen persönlich besetzen - nicht nur sein Kabinett, auch Top-Posten in Ministerien, Bundesbehörden, Botschaften. So viele, dass Neubesetzungen bis zu zwei Jahre dauern, während sich das Weiße Haus durch Zigtausende von Bewerbungen wühlt.

Gerade in Einrichtungen wie Harvards Kennedy School lösen solche Übergangsjahre fiebrige Hoffnungen aus. "Manche scherzen schon, es sei einfacher, wenn die Demokraten verlieren. Dann können alle sagen, sie wären sonst ganz sicher was geworden in Washington", sagt Jim Cooney, ein Harvard-Veteran, und schmunzelt.

Viele haben immer Lebenslauf und Visitenkarten im Gepäck

Auch sonst wimmelt es in Denver von Politik-Junkies, die es zurück an die Hebel der Macht drängt. Manche sind dabei gleicher als andere. Etwa Greg Craig, einflussreicher Anwalt in Washington und einst Bill Clintons juristische Stütze in dessen Amtsenthebungsverfahren wegen der Lewinsky-Affäre. Craig hat sich früh auf Obamas Seite geschlagen, als außenpolitischer Berater. Nun erklärt der Anwalt - teuer Anzug, sorgfältig gescheiteltes graues Haar - vor Journalisten geschmeidig, warum nur ein Präsident Obama Amerikas Ansehen in der Welt reparieren könne. In Washington wird längst geraunt, Craig könne dann der Verwaltung im Weißen Haus oder dem Außenministerium vorstehen.

Während Craig spricht, schiebt sich eine kleine Frau mit schwarzer Hautfarbe in den Raum. Susan Rice, Obamas außenpolitische Chefberaterin - und bei einem Wahlsieg als mächtige Nationale Sicherheitsberaterin so gut wie gesetzt. Rice kaut Kaugummi, und sie blickt ein wenig streng drein. Aber als Craig die Fragen zu China, Irak und Afghanistan gelassen meistert, nickt sie einem Mitarbeiter knapp zu und geht.

Rice, 44 Jahre alt und in Clintons Amtszeit schon Afrika-Koordinatorin im US-Außenministerium, hat ihren Job beim ehrwürdigen Washingtoner Think Tank "Brookings" geschmissen, um sich ganz auf den Wahlkampf konzentrieren zu können. Die zweifache Mutter scheint das als langfristige Karriereinvestition anzusehen. In einem Telefonat mit SPIEGEL ONLINE im Juli sprach sie ganz selbstverständlich von acht Amtsjahren für Obama.

Auf eine gesicherte Karriere in einer Obama-Regierung dürfen sonst nur wenig andere hoffen. Obamas Chefstratege David Axelrod etwa oder sein Sprecher Bill Burton. Burton steht vor der Tagungshalle in Denver und sagt vor einer TV-Kamera, warum der Republikaner John McCain die wirtschaftlichen Sorgen der Amerikaner einfach nicht verstehe. Er klingt wie sein Boss Obama. Sollte der wirklich ins Weiße Haus einziehen, würde Burton wohl Regierungssprecher.

Weniger loyale Helfer müssen noch eine Weile um Positionen buhlen. Direkt nach Greg Craig spricht Wendy Sherman zu Journalisten - Chefin der Washingtoner Beratungsfirma von Ex-Außenministerin Madeleine Albright. Sherman redet lautstark über Obamas außenpolitische Entschlossenheit, aber sie trommelt auch in eigener Sache. Albright hat lange Hillary Clinton unterstützt, doch nun pirschen sich ihre Vertrauten an Obamas Team heran.

Etwa Richard Holbrooke, oft als US-Außenminister in einer Demokraten-Regierung gehandelt. In "Foreign Affairs" hat Holbrooke gerade einen langen Artikel zur Zukunft der amerikanischen Außenpolitik veröffentlicht, in Denver diskutiert er am Mittwochmorgen auf einem Podium mit Albright die Rolle der USA in der Welt. Fast zeitgleich erörtert Rivale Greg Craig ein paar Straßen weiter mit Joschka Fischer die Lage im Nahen Osten.

Doch diese Polit-Schwergewichte können ihr Interesse an neuen Posten wenigstens offen zeigen. Viele "informelle" Berater von Obamas Wahlkampfteam dürfen noch nicht einmal das. Alleine zur Außenpolitik stehen dem Kandidaten rund 300 Helfer aus Unis, Think Tanks oder Redaktionen zur Seite, in anderen Politikfeldern sind es ähnlich viele. Selten wissen die, was mit ihren vielen Memos eigentlich passiert. Auch um Jobs in Ministerien oder Planungsstäben können sie nur diskret buhlen.

Wer zu lange für Clinton war, ist aus dem Rennen

Bei einem Mittagessen am Dienstag sitzt einer dieser Berater am Tisch. In hoher Position hat er schon in der Regierung gedient, nun hilft er Obamas Leuten bei Energiefragen. Aber auf keinen Fall will er seinen Namen lesen - und ergeht sich im Gespräch in Attacken gegen McCain und Lobeshymnen für Obama. Jemand aus dessen engsten Kreis könnte ja zuhören.

Jena L. muss überhaupt erst einmal ein offenes Ohr finden. Die Endzwanzigerin hat einem demokratischen Senator assistiert und arbeitet nun als Lobbyistin für die Kommunikationsindustrie - doch nach einem Obama-Wahlsieg will sie unbedingt zurück in die Politik. Für L. bedeutet der Parteitag vor allem eins: netzwerken. Am Dienstagabend hetzt sie zu den "New Democrats", dann zur Party der Pokerindustrie, später zum Empfang der Plattenindustrie. Immer im Gepäck: Visitenkarte und Lebenslauf. Aber die junge Frau klagt nicht. "Viele meiner Freunde, die für Clinton gearbeitet haben, sind ohne Job und haben nichts in Aussicht."

Zwar hat Obamas Team einige von ihnen integriert. Doch nicht Clintons loyalste Helfer wie ihren Wahlkampfmanager Terry McAuliffe - der noch in jedem Interview einen Sieg seiner Kandidatin voraussagte, als der Rest der Welt längst Obama zum Kandidaten erklärte.

Einstige Clinton-Top-Helfer wie er planen, Denver nach den Reden von Hillary und Bill zu verlassen. Noch vor Obamas Rede am Donnerstag. Sie wissen: Auf sie wartet kein Anruf.



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