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05. September 2012, 05:56 Uhr

Demokraten-Parteitag

Michelle Obama preist den Präsidenten

Viel Gefühl und Seitenhiebe gegen Mitt Romney - bei ihrer Parteitagsrede inszenierte First Lady Michelle Obama ihren Gatten als Mann aus einfachen Verhältnissen. Barack Obama verdiene eine zweite Amtszeit, weil er die Probleme persönlich nehme. Zuvor hatte Nachwuchsstar Julián Castro seinen Auftritt.

Charlotte - Mit einer emotionalen Rede über ihre persönliche Familiengeschichte hat sich die amerikanische First Lady Michelle Obama für die Wiederwahl ihres Ehemannes stark gemacht. Barack Obama verdiene eine zweite Amtszeit, weil er die Lösung sozialer Probleme nicht als Politik ansehe, sondern persönlich nehme, sagte die 48-Jährige am Dienstagabend beim Parteitag der Demokraten in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina.

Beide kämen aus kargen Verhältnissen und wüssten, was wirtschaftlich strauchelnde Amerikaner durchmachten, sagte die First Lady - ein Kontrapunkt zum Leben des republikanischen Multimillionärs und Obama-Rivalen Mitt Romney.

Michelle Obama erinnerte an die einfache Herkunft ihres Mannes. "Barack wuchs mit einer alleinerziehenden Mutter auf, die Schwierigkeiten hatte, die Rechnungen zu bezahlen", sagte sie. "Barack weiß wie ich und wie so viele von euch, dass er nie ohne finanzielle Hilfe auf die Universität hätte gehen können." Für den Präsidenten seien diese Themen "nicht politisch - sie sind persönlich", erklärte Michelle Obama. "Barack kennt den amerikanischen Traum, weil er ihn gelebt hat - und er will, dass alle in diesem Land die gleichen Chancen haben."

In der vergangenen Woche hatte bereits Ann Romney bei dem Parteitag der Republikaner auf der emotionalen Ebene vorgelegt. In einer stimmungsvollen Rede stellte sie ihren 65 Jahre alten Mann als treu sorgenden Familienvater dar. Die demokratischen Delegierten hatten Michelle Obamas Ansprache entsprechend seit Tagen mit Spannung erwartet. Der Auftritt wurde live von allen großen Fernsehsendern übertragen. Obamas Wahlkampfteam hofft, mit der populären Präsidenten-Gattin entscheidende Sympathiepunkte zu sammeln.

Die First Lady erwähnte Mitt Romney nicht namentlich, mit ihrer Rede schuf sie aber einen starken Kontrast zu dem Multimillionär. Romney stammt aus einer privilegierten Familie, sein Vater war Manager bei einem Automobilunternehmen und Gouverneur von Michigan. "Barack und ich wuchsen in Familien auf, die nicht viel Geld und materiellen Besitz hatten", sagte sie. "Aber sie haben uns etwas viel Wertvolleres mitgegeben - ihre bedingungslose Liebe, ihre unbeirrbare Opferbereitschaft und die Chance, etwas zu erreichen, was sie für sich selbst nie hätten vorstellen können."

In einem glänzenden rosafarbenen Kleid pries Michelle Obama den Präsidenten als hingebungsvollen Ehemann und fürsorglichen Vater und als "Mann, dem wir vertrauen können", um die angeschlagene US-Wirtschaft wiederzubeleben. Barack sei noch immer der gleiche Mann, in den sie sich vor vielen Jahren verliebt habe, sagte sie. Ihr Mann erinnere sie daran, dass "Wandel schwer ist und Wandel langsam ist und er nie auf einmal passiert". Doch "irgendwann kommen wir dahin, das tun wir immer".

Julián Castro: "Mitt Romney kapiert es einfach nicht"

Vor Michelle Obama hatte der als Obama-Nachfolger gehandelte Nachwuchsstar der Demokraten, Julián Castro, seinen Auftritt. Er warnte vor einer Demontage der Mittelschicht durch die Republikaner. Der 37-jährige Bürgermeister der texanischen Millionenstadt San Antonio hielt als erster Politiker mit lateinamerikanischen Wurzeln eine Hauptrede auf einem demokratischen Parteitag.

"Mitt Romney kapiert es einfach nicht", sagte Castro. Präsident Obama habe das Land dagegen aus der Rezession geführt. "Und nun müssen wir uns entscheiden", sagte er. Die USA hätten im November "die Wahl zwischen einem Land, in dem die Mittelschicht mehr zahlt, damit Millionäre weniger zahlen - oder einem Land, in dem jeder seinen fairen Teil zahlt, damit wir das Defizit reduzieren und die Jobs der Zukunft schaffen können".

Die im Fernsehen übertragenen Reden zur besten Sendezeit auf den Parteitagen sind in den USA ein politisches Sprungbrett. Obama hatte auf der "Convention" der Demokraten vor der Präsidentschaftswahl 2004 die Hauptrede gehalten, damals war er Kandidat für einen Senatssitz des Bundesstaats Illinois. Der von einem Millionenpublikum im Fernsehen verfolgte Auftritt machte Obama landesweit bekannt. Vier Jahre später wurde er zum ersten afroamerikanischen Präsidenten in der Geschichte der USA gewählt.

In den USA leben rund 50 Millionen Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln. Die Latinos sind eine zunehmend wichtige Wählergruppe, in einigen Bundesstaaten wie Florida könnten sie bei der Präsidentschaftswahl im November entscheidend sein. Vor vier Jahren hatte Obama zwei Drittel der Latino-Stimmen geholt. Die Demokraten können bei Wählern lateinamerikanischer Abstammung vor allem mit ihrer liberaleren Haltung in der Einwanderungspolitik punkten.

suc/dapd/AFP/dpa

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