Demokraten-Parteitag Kerry und der Fluch der Clintons

Der Star des Wahlparteitags der US-Demokraten heißt nicht Kerry, sondern Clinton. Mit einer furiosen Rede riss der Ex-Präsident seine Parteifreunde in Boston von den Sitzen. Viele vergossen Tränen politischer Nostalgie, einer wurde gar ohnmächtig. Clinton stahl Kerry die Show - mit Redekunst, Charme und unerwünschten Karrieretipps.

Aus Boston berichtet


Clinton beim Parteitag: "Gott, ist der gut"
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Clinton beim Parteitag: "Gott, ist der gut"

Boston - James Carville ist, wie sie hier so schön sagen, "on fire". Er brüllt und schreit und bellt, die Schlagadern geschwollen, die Züge zur Fratze erstarrt, seinem Ruf als bezahlter Beißer wie immer mehr als gerecht werdend. "Eins will ich euch mal sagen", kläfft er und streunt über die Bühne des Ballsaals wie ein schlecht gelaunter Pitbull. "John Kerry ist ein besserer Mensch als George W. Bush!"

So einfach ist das, und das Publikum dankt's ihm mit Grölen. Hunderte Delegierte von überall her, die Basis der US-Demokraten, drängeln sich im Grand Ballroom des Sheraton-Hotels, um sich einpeitschen zu lassen für den Krönungsparteitag ihres Kandidaten Kerry, der Stunden später am anderen Ende der Stadt beginnt. Sie tragen, wie es hier zu Lande Tradition ist, seltsame, patriotische Papphütchen und Mini-Sternenbanner am Revers und im Herzen die Wut der langen, freudlosen Opposition. Den Einpeitscher könnte deshalb kein Besserer geben: James Carville, "Amerikas am besten bekannter Consultant" (Eigenwerbung), Wunderwaffe der Linken und "Mad Dog" der Partei. In Turnschuhen, Khakis und dunkler Sonnenbrille erfüllt der seinen Auftrag. "Zeig's ihnen!", juchzt die Menge froh.

Wahlkampf-Veteran Carville zeigt's ihnen schon lange. Er ist der Original-FOB ("Friend of Bill"), der, als gnadenloser Drill-Sergeant im legendären "War Room" der Wahlstrategen von 1992, Bill Clinton ins Weiße Haus beförderte. Nun kehrt er zurück ins Präsidentengeschäft - in Diensten eines neuen Hoffnungsträgers.

Der unsichtbare Kandidat

Doch es ist weiter der alte Hoffnungsträger, der beharrlich seinen Schatten wirft über diesen eigentlich der nächsten Generation gewidmeten Wahlparteitag. Und das nicht nur in Gestalt von Clinton-Königsmacher Carville und dessen "War-Room"-Kollegen Paul Begala, der draußen vorm Saal am Klapptisch sitzt und sein jüngstes Buch signiert, eine wortreiche Reminiszenz an verflossene Zeiten der Macht.

Es ist vor allem der Ex-Präsident selbst, der, nebst ambitionierter Senatorengattin, wie ein Tornado auf Boston niedergeht, dem spröden Kerry mit seinem Profi-Charme und natürlichen Redetalent die Show stiehlt, die Delegierten zu Tränen politischer Nostalgie rührt und die ausgefeilte Nominierungs-Choreografie so ganz schön aus dem Tritt bringt. "Boston grüßt Präsident Clinton und Senator Kerry", steht da zum Beispiel auf dem Button eines Gesandten aus Clintons Heimatstaat Arkansas. "Das ist der Fluch der Clintons", klagt ein Kerry-Mann.

Dieser Fluch war hier schon am Vorabend dieser "Live-Fernsehshow" zu spüren, wie selbst Parteitagschef Rod O'Connor das Treffen ohne Umschweife nennt. Da flatterten die Clintons von einer Party zur nächsten, als wären sie es, die sich zur Wiederwahl stellten, derweil der wirkliche Kandidat unsichtbar blieb wie eine prüde Braut vor der Hochzeit.

Clinton auf Platz 11, Kerry auf Platz 11.141

Kein Wunder, dass die behäbige Bohnenstadt, so der "Boston Herald", im "Bill-Hill-Thrill" erstarrte. Im State Room, einem Nobel-Etablissement 33 Stockwerke über den Windjammern des Hafens, ließen sich Bill und Hillary Clinton von 1000 reichen Parteispendern feiern, während die "Sultans of Swing" den Wahlkampf-Soundtrack von 1992 wiederauferstehen ließen: "Don't Stop Thinking About Tomorrow." Und bei der Fete des Kabelgiganten und spendablen Parteigönners Comcast wurde Clinton derart belagert, dass er sich hinter einer Hotelbar verschanzen musste.

Er bleibt eben, auch in jüngsten Umfragen, der populärste aller Demokraten - vor Kerry (Nr. 2) und Ehefrau Hillary (Nr. 3). "Niemand präsentiert das demokratische Programm besser als Bill und Hillary Clinton", sagt Clintons Ex-Berater Bruce Reed. Nicht umsonst nennt "Time" das Power-Paar die "hellsten Sterne in der Galaxie der Demokraten". Das findet auch TV-Reporter Terence Smith, der sich gestern Abend, zur doppelten Auftaktrede der Clintons, mutig unter die trampelnden Plenar-Delegierten mischt. "Als wäre das ein Nominierungsparteitag für Clinton", staunt der atemlos. "Dagegen", sekundiert sein Kollege Terence Hunt von der Nachrichtenagentur AP, "könnte Kerry im Vergleich schlecht aussehen."

Bill und Hillary Clinton: "Ich erkenne einen großen Staatsmann"
REUTERS

Bill und Hillary Clinton: "Ich erkenne einen großen Staatsmann"

Der direkte Vergleich geht in der Tat klar für Clinton und gegen Kerry aus. Der eine ist von Feuer beseelt, der andere unterkühlt. Der eine ein Hallodri, dem sie alles nachsehen, der andere ein Streber, den sie still beneiden. Der eine ein Politiker "von unglaublicher Energie" (so lobte ihn kürzlich sogar Präsident Bush, ein cleverer Seitenhieb gegen Kerry), der andere "das politische Äquivalent zu Valium" ("The Economist"). Oder für die, die's noch klarer wissen wollen: Clintons Autobiografie "My Life" rangiert zurzeit auf der Bestsellerliste von Amazon.com auf Platz 11 - und die Kerry-Biografie "Tour of Duty" auf Platz 11.414.

Ovationen für die Kontroversen-Königin

So gibt der Erfolgsautor dem Ladenhüter denn auch herablassende Karriere-Ratschläge in mehreren, fast identischen TV-Interviews gleich am ersten Kongresstag - Affront und Selbstdarstellung zugleich. Die Fingerspitzen andächtig zusammengelegt, sitzt Clinton im Lehnstuhl vor der Bücherwand einer Bostoner Hotelsuite, ganz der emeritierte Staatsmann, und rügt den Grünschnabel: "Kerry muss den Leuten zeigen, wer er ist." Wer Clinton ist, das weiß dagegen jeder: "Als ich das Amt verließ, hielten mich zwei Drittel der Amerikaner für einen guten Präsidenten. Ich gehe davon aus, dass das auch heute noch so ist."

Auch anderswo mehren sich die Indizien, dass dieses viertägige Spektakel nichts anderes ist als ein "politisches Erinnerungs-Vehikel", wie es der Medienkritiker Jay Rosen hier in Boston beobachtet, und dass die Clintons am Steuer sitzen. Da schwelgt Clintons Ex-Vize und Fast-Nachfolger Al Gore als erster Top-Redner des Abends in altem Ungemach, wiewohl gequält selbstironisch: "Ich hatte gehofft, unter anderen Umständen hier zu sein: Ich wollte mich um die Wiederwahl bewerben." Und: "Ich weiß, was eine schlechte Wirtschaft ist - ich wurde als Erster gefeuert." Haha, das Parteivolk lacht artig, klatscht bei jeder Erwähnung Kerrys pflichtbewusst, kommt aber erst so richtig in Fahrt, als Gore daran erinnert, wer einst die Parteitagsdelegierten von 1992 zu Begeisterungsstürmen hinriss: Bill Clinton.

Hillary steigert die Spannung noch zusätzlich, als sei dies das Finale des ganzen Treffens. In Quittengelb nimmt die einstige Kontroversen-Königin eine stehende Ovation der 5000 entgegen, preist den Gatten als "den letzten, großartigen demokratischen Präsidenten" (Ohren betäubender Applaus, Pfiffe, Fußtrampeln), dann Kerry als "den nächsten, großartigen demokratischen Präsidenten" (mäßiger Applaus, keine Pfiffe, kaum Fußtrampeln). "Ich erkenne eine große Führungspersönlickeit, wenn ich sie sehe." Bühne frei für den Star.

"Was für echte Kerls"

Clinton ist in Hochform und liefert, als sich das Publikum nach minutenlangem Begrüßungsjubel beruhigt hat, eine Rede ab, mit der er tatsächlich nominiert werden könnte (und die nicht so überlang geriet, dass die Parteitagsregie zum geplanten Notmittel greifen musste, der abrupten Versenkung des Podiums). Präsentiert sich kokett als "Fußsoldat im Kampf um unsere Zukunft", delektiert die Delegierten mit rhetorischen Brillanten, reißt sie von den gepolsterten Klappstühlen, lässt sie in den Gängen tanzen, die Arme hochgereckt, als sei es 1992. Nicht zuletzt nennen sie ihn hier Elvis: Er stirbt nie. "Gott, ist der gut", stöhnt eine schwitzende Schwarze beseelt. Mindestens ein Clinton-Fan, so ist zu hören, wird ohnmächtig und muss auf einer Trage aus dem Saal getragen werden.

Der Wahlkampf ist eben nichts für schwache Seelen, weiß Clintons alter Intimus James Carville: "Politik ist nur was für echte Kerls!"

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