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08. Februar 2013, 14:42 Uhr

Unruhen in Tunesien

Zehntausende trauern um ermordeten Oppositionspolitiker

Die Trauerfeier wird zur Demonstration: Beim Begräbnis des Oppositionellen Chokri Belaïd in Tunis protestierten Zehntausende gegen die islamistische Regierung. Es soll erste Zusammenstöße mit der Polizei gegeben haben. Zuvor eskalierte die Gewalt in der Stadt Gafsa.

Tunis - Zehntausende Tunesier haben am Freitag beim Begräbnis des ermordeten Oppositionspolitikers Chokri Belaïd gegen die islamistische Regierung demonstriert. Sie strömten auf einem Friedhof der Hauptstadt Tunis zusammen und riefen gegen die Regierung gerichtete Slogans. Die Menschen trugen Bilder Belaïds und machten in Sprechchören die regierenden Islamisten für dessen Tod verntwortlich.

Über der Trauergemeinde kreisten Militärhubschrauber. Hunderte Polizisten in Kampfmontur hielten sich in der Habib-Bourghiba-Avenue in Tunis bereit, dem Schauplatz der jüngsten Unruhen. Laut der Nachrichtenagentur Reuters kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Trauernden. Zunächst feuerten die Sicherheitskräfte demnach in die Luft, um Jugendliche auseinanderzutreiben, die Autos demolierten, dann setzten sie Tränengas ein. Gleichzeitig legte ein Generalstreik die Stadt weitgehend lahm. Die meisten Flüge nach Tunesien wurden gestrichen.

Der 48-jährige Belaïd war am Mittwoch ermordet worden. Seine Anhänger unterstellen der regierenden islamistischen Ennahda-Partei, in das Attentat verwickelt zu sein. Beweise gibt es nicht. Schon am Donnerstag hatten vor dem Innenministerium in Tunis Menschen gegen die Regierung protestiert.

In der südlichen Bergbaustadt Gafsa gab es schwere Ausschreitungen. Die Polizei trieb mit Tränengas Demonstranten auseinander, die mit Steinen warfen. Tunesische Medien berichteten von Übergriffen gegen Ennahda-Büros in mehreren Städten des Landes. Das Innenministerium mahnte die Menschen zur Ruhe.

Zu Belaïds Begräbnis strömten Menschen aus dem ganzen Land zusammen. "Ich bin unpolitisch, aber ich bin aus 70 Kilometer Entfernung hierher gekommen, weil ich Belaïd mochte", sagte einer der Männer auf dem Friedhof, Nouri Abdel Jalil. Die Regierung entsandte die Armee, um bei der Trauerprozession für Sicherheit zu sorgen. Im Gegensatz zur verhassten tunesischen Polizei gilt das Militär noch als einigermaßen respektierte Institution.

Nach dem Attentat vom Mittwoch hatte Ministerpräsident Hamadi Jebali die Bildung einer überparteilichen Expertenregierung und die Vorbereitung von Neuwahlen angekündigt. Doch seine eigene Partei ist dagegen.

2011 war Tunesien Ausgangspunkt des arabischen Frühlings gewesen. Der Übergang zur Demokratie gestaltet sich jedoch schwierig. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden. Politisch sind die islamischen und die weltlichen Parteien zerstritten.

fab/AP/Reuters

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