Proteste in der Türkei Polizei sprengt Hochzeit im Gezi-Park

Brautschleier und Bauhelm: Ein türkisches Paar wollte seine Hochzeit im Istanbuler Gezi-Park feiern - und geriet zwischen die Fronten von Polizei und Demonstranten. Die beiden hatten sich beim Protest gegen die Regierung Erdogan kennengelernt.

DPA

Istanbul - Es sollte der schönste Tag ihres Lebens werden - doch für ein türkisches Hochzeitspaar endete er in Tränengas. Bei einer Attacke der Istanbuler Polizei auf die Demonstranten im Gezi-Park gerieten die jungen Eheleute zwischen die Fronten.

Zumindest waren die Wasserwerfer und Gummigeschosse der Polizei nichts Neues für die Frischvermählten: Sie hatten sich vor einem Monat im Gezi-Park bei einem Protest gegen den umstrittenen türkischen Ministerpräsidenten Erdogan kennengelernt und wollten ihre Hochzeitsbilder dort schießen - inklusive weißem Schutzhelm über dem Brautschleier. Dazu ließ die Polizei zunächst das Paar und Hunderte Protestierende in den Park.

Als Hochzeitsgesellschaft und Demonstrantenschar aber begannen, Parolen gegen die Regierung zu skandieren, räumten die Beamten den Park gewaltsam. Sie drängten die Demonstranten in eine Fußgängerzone und beschossen sie mit Tränengas.

Ansehen der Regierung Erdogan leidet

An den neuerlichen Protesten gegen die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan beteiligten sich mehrere hundert Menschen. Das Wasser der Wasserwerfer war zeitweise mit einer Chemikalie versetzt, die ähnlich wie Tränengas wirkt.

Demonstranten klagten über Beschwerden an den Augen und Atemwegen. Offenbar können Wasserwerferpiloten die unbekannte Substanz dem Wasser auf Knopfdruck beimischen. Das Wasser färbt sich dann orange, Wasser und Sprühnebel rufen teils schwere Reizungen hervor.

Polizisten verfolgten Demonstranten in Seitengassen der Einkaufsstraße Istiklal Caddesi, die zum Taksim-Platz führt. Protestierende berichteten über Twitter von Festnahmen. In der Fußgängerzone waren zum Zeitpunkt des Wasserwerfereinsatzes auch zahlreiche Passanten und ausländische Touristen unterwegs.

Ihre als autoritär kritisierte Amtsführung schadet offenbar dem Ansehen der Regierung Erdogan: Laut einer aktuellen Meinungsumfrage käme seine Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) im Falle einer Parlamentswahl nur noch auf 44,1 Prozent. Im Februar 2012 seien es noch 53,2 Prozent und im vergangenen November 47,3 Prozent gewesen. Institutschef Hakan Bayrakci führte die gesunkenen Werte auf die seit Ende Mai andauernden landesweiten Proteste zurück, gegen die die Regierung mit harter Hand vorgeht.

Die wichtigste Oppositionspartei, die Republikanische Volkspartei (CHP), kommt in der Umfrage auf 28,2 Prozent - nach 19,8 Prozent im Februar 2012 und 25,2 Prozent im November. Bei der Wahl im Juni 2011 hatte die islamisch-konservative AKP von Ministerpräsident Erdogan 49,8 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können.

ade/AP/dpa

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