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Trotz Demonstrationsverbot Hunderttausend Ukrainer protestieren gegen Janukowitsch

In Kiew haben sich erneut hunderttausend Ukrainer versammelt, um gegen die Regierung zu protestieren. Sie marschierten zum Unabhängigkeitsplatz und forderten den Rücktritt von Staatschef Janukowitsch. Die proeuropäischen Oppositionellen ignorieren damit das Demonstrationsverbot.

Kiew - Es ist bereits der dritte Tag in Folge: Ungeachtet eines gerichtlichen Verbots protestierten auch am Sonntag mehr als hunderttausend Menschen in Kiew auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz gegen den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Demonstranten räumten Gitter ab, die um den Maidan genannten Platz aufgestellt worden waren. Das zeigten Bilder des regierungskritischen Internetsenders hromadske.tv am Sonntag.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, junge Ukrainer versuchten, mit einem Traktor zum Regierungssitz von Janukowitsch vorzudringen. Die Oppositionellen wollten demnach den Polizeikordon durchbrechen. "Gruppen von Provokateuren warfen Flaschen mit brennbarer Flüssigkeit, Steine und Feuerwerkskörper", teilte die Polizei am Sonntag mit. Die Beamten hätten daraufhin Tränengas und Blendgranaten eingesetzt. Mehrere Demonstranten und rund hundert Beamte seien verletzt worden, teilte das Innenministerium mit. Oppositionspolitiker verurteilten die Randale Hunderter zum Teil vermummter junger Menschen.

Beobachter sprechen von der größten Demonstration in derukrainischen Hauptstadt seit der Orangen Revolution 2004. Die Regierungskritiker tauchten die Straßen in ein Meer aus Blau und Gelb: die Farben sowohl der ukrainischen als auch der europäischen Flagge.

Angeführt wurde die Menge von Oppositionspolitikern wie Boxweltmeister Vitali Klitschko oder Arsenij Jazenjuk von der Partei der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko. Klitschko forderte die Regierung zum Rücktritt auf. Janukowitsch habe der Ukraine den Traum von europäischen Integration gestohlen.

Die Demonstranten zogen mit ukrainischen und EU-Flaggen vom Taras-Schewtschenko-Park zur Flaniermeile Kreschtschatik. In Sprechchören forderten die Regierungsgegner immer wieder "Revolution" und "Die Ukraine gehört zu Europa". Die Polizei zog sich zurück.

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Protest in Kiew: Opposition fordert Neuwahlen

Foto: AP/dpa

Auf Plakaten gaben die Demonstranten der Regierung die Schuld an einem brutalen Polizeieinsatz am Vortag. Dabei waren Dutzende Menschen verletzt worden. Spezialeinheiten der Polizei hatten in der Nacht zum Samstag Proteste von Europa-Befürwortern zerschlagen. Beamte mit Helmen und Schutzschilden stürmten die Versammlung der Regierungsgegner auf dem Unabhängigkeitsplatz und setzten dabei Schlagstöcke und Blendgranaten ein. Mehrere Demonstranten mussten medizinisch behandelt werden.

In den Protestzug am Sonntag mischten sich auch viele ältere Menschen und Familien mit Kindern. Zudem marschierten Mitglieder der rechtspopulistischen Partei Swoboda (Freiheit) mit. Sie trugen eine überdimensionale blau-gelbe Staatsflagge vorneweg. Am Nachmittag hieß es, die Nationalisten hätten einen Teil des Rathauses von Kiew besetzt.

Gericht gibt Weihnachtsbäumen Vorrang

Ein Gericht hatte kurzfristig auf Antrag der Stadtverwaltung Proteste an dem symbolisch wichtigen Ort verboten. Bis zum 7. Januar sind nun Kundgebungen auf den beiden zentralen Plätzen sowie nahe den Regierungsgebäuden untersagt, berichteten örtliche Medien am Sonntagmorgen.

Die Behörde begründete ihren Antrag damit, dass auf dem Unabhängigkeitsplatz und dem Europäischen Platz Christbäume und Weihnachtsmärkte aufgestellt werden müssten.

Regierungschef Nikolai Asarow versprach in einem Fernsehinterview, die Behörden der Ex-Sowjetrepublik schützten die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Gesetzesverstöße aber würden bestraft. Janukowitsch versprach in einer Mitteilung, alles für eine schnelle Annäherung der Ukraine an die EU zu tun. Es gehe aber darum, wirtschaftliche Verluste zu vermeiden.

Bereits am Freitag hatten sich die Spannungen in der Ukraine zugespitzt, nachdem Janukowitsch auf dem EU-Osteuropa-Gipfel in der litauischen Hauptstadt Vilnius das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union scheitern ließ. Stattdessen strebt er eine engere Zusammenarbeit der früheren Sowjetrepublik mit Russland an. Dies lehnen vor allem jüngere Ukrainer ab, die sich der EU öffnen wollen.

ler/dpa/AFP