Inhaftierter Journalist in der Türkei Deutsche Botschaft erhält Zugang zu Yücel

Seit rund sieben Wochen sitzt Deniz Yücel in Istanbul in einem Gefängnis. Jetzt bekommt die deutsche Botschaft erstmals Zugang zu dem inhaftierten "Welt"-Korrespondenten.


Hoffnung für Deniz Yücel: Rund 50 Tage nach der Festnahme des "Welt"-Korrespondenten in der Türkei erhält Deutschland konsularischen Zugang zu dem Journalisten. Die Türkei habe per Verbalnote bestätigt, "dass wir morgen endlich Zugang zu Deniz Yücel erhalten werden", sagte Sebastian Fischer, ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Montag in Berlin.

Yücel wird seit Mitte Februar in der Türkei festgehalten, offiziell wird ihm Terrorismusunterstützung vorgeworfen. Er hatte sich am 14. Februar der Polizei in Istanbul zur Befragung gestellt und war daraufhin in Gewahrsam genommen worden.

Zwei Wochen später ordnete ein Haftrichter an, den deutsch-türkischen Journalisten wegen "Terrorpropaganda" und "Volksverhetzung" in U-Haft zu nehmen. Gemäß geltendem Recht kann diese bis zu fünf Jahre dauern. Die Entscheidung stieß in Deutschland auf scharfe Kritik, auch die Bundesregierung schaltete sich ein.

Zuletzt hatte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan vorgeworfen, den Fall für Wahlkampfzwecke zu missbrauchen. "Der Umgang mit Deniz Yücel ist rechtsstaatlich und politisch inakzeptabel", sagte Gabriel dem SPIEGEL.

Erdogan hatte Yücel in einer Rede "Spionage" vorgeworfen und ihn als Agenten der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) bezeichnet. Kritiker sehen das Verfahren als politisch motiviert an und verweisen darauf, dass Yücel ausschließlich wegen seiner journalistischen Arbeit inhaftiert wurde.

Gabriel erklärte, er habe am Freitag seinen türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu nochmals darum gebeten, Zugang zu Yücel zu gewähren. Dabei habe man "auf die Einhaltung des von Ministerpräsident Binali Yilderim der Kanzlerin gegebenen Versprechens" von Anfang März gebaut.

Cavusoglu habe sich offenbar in Ankara dafür stark gemacht, so Gabriel. "Dafür danke ich ihm." Am Montagmorgen habe die Türkei dann offiziell bestätigt, "dass wir morgen endlich Zugang zu Deniz Yücel erhalten werden, um uns nach schweren Tagen der Haft von seinem Wohlbefinden zu überzeugen", so der Außenminister.

Auf die Frage, ob es bei einem einmaligen Besuch bei Yücel bleiben werde, sagte Außenamtssprecher Fischer: "Das wird sich finden." Deutschland bleibe am Ball und versuche, Yücel durch den Generalkonsul so gut es gehe zu unterstützen. Der versprochene Zugang sei auf jeden Fall eine positive Nachricht und "ein Schritt nach vorne".

Von deutscher Seite war die Vermutung geäußert worden, Erdogan wolle durch sein hartes Vorgehen bei türkischen Nationalisten Sympathien für seine geplante Verfassungsreform sammeln. Die neue Verfassung, über die am 16. April in einem Referendum abgestimmt wird, soll die Machtbefugnisse des Präsidenten erheblich erweitern.

als/AFP/dpa/Reuters



insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eckawol 03.04.2017
1. Geht doch,
obwohl etwas langsam. Allerdings muß man heranziehen, wenn Yücel türkischer Staatsbürger ist, unterliegt er in der Türkei der türkischen Gesetzgebung wie jeder andere türkischer Staatsbürger , der in der Türkei lebt. So stellt sich also auch die Frage, warum eine dt. Zeitung einen deutsch-türkischen Staatsbürger in die krisenbehaftete Türkei senden muß , wenn man mit einer Gefährdung rechnen muß.
burgundy 03.04.2017
2.
Na also, alles wird gut, und Deutschland und die Türkei sind wieder beste Freunde. Es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn beide ihr Ziel, die Türkei in die EU zu integrieren, fallen gelassen hätten. Dies wird ein vordringliches Ziel deutscher Aussenpolitik bleiben, selbst mit einen Autokraten Erdogan. Alle Anzeichen und das gesamte Verhalten der deutschen Regierung - sowie natürlich die Intentionen der USA - deuten darauf hin.
paula_f 03.04.2017
3. genau das ist Wahlkampf
während der Abstimmung erlaubt Erdogan den Zugang - also alles gar nicht schlimm wird gefolgert. Die richtigen Fragen sollte man in der Presse stellen - was passiert nach dem Referendum? Wieviel kostet künftig das Freikaufen vom Militärdienst in der Türkei? Wird das Freikaufen ganz abgeschafft? Müssen dann alle zum Militär? Wie ändert sich die Besteuerung? Müssen türkische Staatsbürger künftig ihr Einkommen in der Türkei versteuern? Die umfangreichen Bau- und Infrastrukturmaßnahmen unter Erdogan wurden international finanziert. Jetzt steigen die Kosten dafür, gleichzeitig fahren viel weniger Touristen in die Türkei. Schon als die Lira Anfang 2017 an Wert verloren hat, forderte Erdogan seine Mitbürger auf ihre Euros in türkische Lira zu tauschen (Wertverlust seit dem 34%). Wird er bald eine Staatsanleihe für seine türkischen Landsleute vorschreiben? Ausreden wird es dann keine geben, denn die Imame kennen ihre Landsleute besser als die Finanzämter. Solche Zwangsanleihen haben nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland dem Staat bei der Notfinanzierung geholfen.
bluraypower 03.04.2017
4. 1. Beitrag
Nein, das ist falsch. Er hat zwar die doppelte Staatsbürgerschaft aber ist in Deutschland gemeldet und somit hat der Staat, bei dem er wohnhaft ist den Vorzug und kann hiermit nach internationalem Recht von Deutschland betreut werden. Die Türkei muss der deutschen konsularischen Aufforderung nachkommen und Zugang gewähren.
uwe56 03.04.2017
5. eckawol Heute, 12:01
Er war rein privater Natur in der Türkei, nicht beruflich, ist schon ein Unterschied, und wer sich mal näher etwas mit seinen Berichten beschäftigt , dem fällt auf , das er nicht grade ein Freund von Deutschland ist ( mal harmlos ausgerdrückt ). Dagegen waren teilweise Ergogans Aussprüche noch harmlos.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.