Deniz Yücel "Freier Himmel in Handschellen ist auch Murks"

"Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt immer noch in der Türkei in Haft. In seiner Heimatzeitung schildert er die vergangene Zeit - und zeigt sich optimistisch.

Demonstration in Berlin am Tag der Pressefreiheit
imago/ Müller-Stauffenberg

Demonstration in Berlin am Tag der Pressefreiheit


Deniz Yücel hat die vergangenen 100 Tage in der Türkei im Gefängnis verbracht, die meiste Zeit davon in Einzelhaft. Und er hat seine Partnerin Dilek geheiratet, während in Deutschland Tausende für seine Freilassung demonstriert haben. Über seine Anwälte hat der "Welt"-Korrespondent seiner Heimatzeitung nun einen Text über seine Erfahrungen zukommen lassen.

Darin schildert er seine Haftbedingungen: Einzelzelle, 16 Quadratmeter inklusive abgetrennter Dusche und Toilette. "Einmal pro Woche darf ich Besuch empfangen. Nur die engsten Angehörigen; eine Stunde hinter Trennscheibe", schreibt Yücel. Unter den mehr als 150 in der Türkei inhaftierten Medienschaffenden sei er einer der wenigen in Einzelhaft. Er fordere keine sofortige Freilassung, bekräftigt Yücel, alles was er wolle sei ein freier Prozess.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beschuldigt den deutsch-türkischen Journalisten, ein "Terrorist" und "Agent" zu sein. Nach dem Protokoll der Verhandlung, bei der ein Gericht Ende Februar Untersuchungshaft gegen Yücel verhängt hatte, wird ihm Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Eine Anklageschrift liegt weiterhin nicht vor. Die Inhaftierung Yücels hatte zu schweren Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei geführt.

Dank an die Unterstützer

Yücel skizziert in dem Beitrag das Prinzip fast aller politischer Verfahren, das letztlich auch für ihn gelten könne: "Erst Knast, dann Prozess. Also erst jeden Kritiker in Untersuchungshaft stecken, ganz gleich, wie die Anschuldigung lautet und wie die Beweismittel aussehen. Anschließend die Anklageschrift hinauszögern, ehe man sie zunächst den Regierungsmedien und erst dann der Verteidigung zukommen lässt. Danach die Gerichtsverhandlung auf einen weit entfernten Termin legen, dann den Prozess über Monate strecken und dann ... - dann ist auch egal."

Er berichtet aber auch von kleinen Verbesserungen; so seien Briefe an der "Brief-Lese-Kommission" vorbei zu ihm gekommen. Und er wurde in den Sportbereich des Gefängnisses gebracht, der größer sei als die wenigen Meter des Hinterhofs, in dem er sich sonst aufhalten musste. Noch dazu habe der Platz den Blick auf den Himmel freigegeben. Aber: "Freier Himmel in Handschellen ist auch Murks", schreibt Yücel.

Den Menschen, die ihn und seine türkischen Kollegen in Haft unterstützen, sprach er seinen Dank aus. "Den Künstlerinnen und Künstlern, die neulich am Brandenburger Tor aufgetreten sind, und allen, die an der Organisation dieses Konzerts mitgewirkt haben. Den 'Free-Deniz-Läufern' des Berlin-Marathons. Allen, die Lesungen mit meinen Texten veranstalten und allen, die dort lesen. Meiner Schwester Ilkay (beste Schwester wo gibt); meinen Eltern."

Sein größter Dank aber gelte seiner Frau Dilek (lesen Sie hier einen Gastkommentar von Dilek Yücel zur Inhaftierung ihres Mannes). "Und so sehe ich das heutige Jubiläum", schließt Yücel ab: "Es sind schon hundert Tage weniger, die mich von meiner Freiheit und von meiner Dilek trennen."

vks

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