Denkmal für Saddam Gaddafis Krokodilstränen

Revolutionsführer Gaddafi will Saddam Hussein mit einer Statue ehren, die den Iraker am Galgen zeigt. Ein Rückfall in Zeiten, als Libyen als Schurkenstaat galt? Die Antwort ist einfacher.
Von Florian Harms und Yassin Musharbash

Hamburg/Berlin - Sie waren keine persönlichen Freunde, und oft genug politische Gegner. Trotzdem hat sich der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi bis zuletzt vehement für den irakischen Ex-Diktator eingesetzt: "Saddam Hussein ist ein Kriegsgefangener", erklärte der Oberst zwei Tage vor dessen Exekution in der vergangenen Woche. "Er wurde von einer ausländischen Invasionsarmee gestürzt, nicht von der irakischen Armee oder dem irakischen Volk." Deswegen müsse er auch vor ein US-amerikanisches oder britisches Gericht gestellt werden.

Natürlich verhallte Gaddafis Forderung ungehört. Der Oberst hat zwar, ausgelöst unter anderem durch den erzwungenen Sturz Saddams 2003, sein Schurkenstaat-Gebaren beendet, alle Programme für Massenvernichtungswaffen eingestellt und die zerrütteten Beziehungen zum Westen neu geordnet. Seitdem aber verharrt er in einem merkwürdigen Zwischenstadium: Noch ist Libyen kein vollkommen rehabilitiertes Mitglied der Staatengemeinschaft; den Ruf eines Staatsterroristen ist Gaddafi jedoch losgeworden.

Dass er nun ankündigte, er werde eine Statue bauen lassen, die Saddam Hussein am Galgen zeigt, wirkt auf den ersten Blick, als habe der für seine Exzentrik berüchtigte Revolutionsführer sich eines Schlechteren besonnen und die Annäherung an den Westen wieder einkassiert. Aber es steckt wohl nicht viel mehr dahinter als das altbekannte Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom des Machthabers von Tripolis.

Denn in schöner Regelmäßigkeit meldet sich Gaddafi mit kurios anmutenden Vorschlägen zu Wort. Mal will er die Fifa abschaffen, mal fordert er seine Landsleute auf, Hühner zu halten, um unabhängig von Eier-Importen zu werden. Und oft genug hat er Staatsgästen und anderen Würdenträgern vollmundig versprochen, sie in Stein meißeln zu lassen.

Gaddafi, die Eidechse

Doch meistens passiert gar nichts. Denn de facto werden in der libyschen Diktatur nur zwei Personen mit Denkmälern und Propagandaplakaten geehrt: Der Volksheld Omar al-Muchtar, der den antikolonialen Widerstand gegen die italienischen Besatzer führte und im Jahr 1931 hingerichtet wurde. Und natürlich Gaddafi selbst. Sein Konterfei ist in dem Wüstenstaat allgegenwärtig. Spruchbänder, Statuen, Plakate und seit einigen Jahren sogar hochmoderne elektronische Werbetafeln, die alle paar Minuten ihre Motive wechseln: Gaddafi beliebt, sich seinen Untertanen allerorten zu präsentieren, sei es mit Sonnenbrille, mit Kalaschnikow oder mit zum Revolutionsgruß erhobenen Fäusten. Hinter vorgehaltener Hand nennen die Libyer ihren Staatsführer "die Eidechse" – weil er auf jeder Mauer ist.

Höchstens noch in Syrien zu Zeiten des verstorbenen Hafis al-Assad und eben im Irak unter Saddam Hussein gab es zuletzt in der Arabischen Welt noch einen derart massiven, staatlich verordneten Personenkult. Saddam plante bis vor wenigen Jahren den Bau eine Giganto-Moschee, deren Grundriss seinem Fingerabdruck abgeschaut war. Diese Idee dürfte Gaddafi gefallen haben.

Politisch allerdings verband den libyschen Machthaber jenseits einer gewissen panarabischen Rhetorik nicht allzu viel mit Saddam. Zwar arbeitete seine Tochter Aischa zeitweise für das Anwaltsteam des Irakers, und auch die dreitägige Staatstrauer, die Gaddafi nach der Exekution des irakischen Diktators verordnete, spricht für eine gewisse Wertschätzung.

Doch Gaddafi lag, seit er 1969 de facto die Macht übernahm, öfter mit seinen arabischen Brüdern über Kreuz als dass er Seit an Seit mit ihnen schritt. Manchmal konnte man auch nicht ganz sicher sein: Saddam verketzerte er 1991 etwa als "Unmenschen", weil er in Kuwait eingefallen war. Nachdem aber 1992 ein Luftfahrt- und Waffenembargo gegen Libyen verhängt wurde, suchte Gaddafi plötzlich den Schulterschluss mit Bagdad: "Von Ihren Erfahrungen können wir viel lernen", schrieb der Libyer in einem Brief an Saddam.

Viel Ärger gab es auch mit den anderen Nachbarn, gleich mehrfach trat Libyen sogar demonstrativ aus der Arabischen Liga aus. Lange beanspruchte der Oberst eine ideologische Führungsrolle, weil er meinte, mit seinem höchstpersönlich ersonnenen islamischen Mitmach-Sozialismus den dringend gesuchten "dritten Weg" aus der arabischen Misere gefunden zu haben.

Folgen wollte ihm in seinen kruden Ideen jedoch fast niemand, abgesehen von einigen afrikanischen Aktivisten und den Libyern – aber die verloren über die Jahre die Begeisterung und jubeln auf den alljährlichen Paraden am Revolutionsfeiertag eher pflichtschuldig als euphorisch ihrem "Großen Bruder" zu. Im ganzen Land hat sich eine beispiellose Apathie ausgebreitet, die auch die aufkeimende Privatwirtschaft blockiert - obwohl Libyen ein kostenloses Gesundheits- und Bildungssystem aufbaute und per Lohnangleichungen die egalitärste Gesellschaft der arabischen Welt geschaffen hat. Weil auch die Araber anderer Länder ihn zunehmend ignorierten, wandte Gaddafi sich zuletzt stärker der panafrikanischen Politik zu - ebenfalls nur mit leidlichem Erfolg.

Land voller Apathie

Innenpolitisch hat er zwar mittlerweile einige Reformen zugelassen und erlaubt seinen Untertanen nahezu ungehinderten Zugang zu Satellitenkanälen und dem Internet. Doch herrscht er nach wie vor mit eiserner Hand. Gaddafi ist nicht, wie Saddam Hussein, für den Tod Hunderttausender verantwortlich. Aber auch in Libyen verschwinden Oppositionelle und werden Islamisten gefoltert. Amnesty International hat der Regierung in Tripolis darüber hinaus vorgeworfen, sie unterstütze willkürliche Festnahmen und Hinrichtungen. Häftlinge würden mit Elektroschocks gequält, von Polizeihunden gebissen oder müssten wochenlang in schmerzhaften Körperpositionen verharren.

Was Gaddafi nun zu seiner steinernen Solidaritätsbekundung mit Saddam hinreißt, ist deshalb wohl am ehesten als Ausdruck einer Art Phantomschmerz zu verstehen: Der Oberst entstammt derselben Generation wie Saddam, hat sich genau wie dieser unter Einsatz von Gewalt den Weg nach oben erkämpft, kommt ebenfalls aus dem Militär und ist - last but not least - genau wie der Gehenkte ein Despot mit vielen Feinden im Inneren wie im Äußeren.

In seinem "Grünen Buch", in dem Gaddafi Mitte der siebziger Jahre seine Ideologie verkündete, steht im Kapitel zum Thema Recht, dass traditionelles und religiöses Recht zu bevorzugen seien. "Traditionelles Recht setzt Moral durch und keine materiellen Strafen… Die meisten materiellen Strafen im religiösen Recht werden auf den Jüngsten Tag verschoben… Diese Art Recht zeigt den angebrachten Respekt für den Menschen." Hier ist die Angst des Diktators fast zu greifen, er könnte eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden. Auch diese Sorge dürfte der Revolutionsführer mit Saddam geteilt haben.

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