Amoklauf in Fort Hood Krieg gegen das Trauma

US-Soldat Ivan Lopez war im Irak stationiert, er kehrte zurück als depressiver Mann. Nun hat er auf der Militärbasis Fort Hood drei Kameraden und sich selbst getötet. Der Umgang mit traumatisierten Kriegsveteranen ist für US-Armee und Bundeswehr noch immer schwierig.

US-Soldaten in Fort Hood: Fast jeder vierte Veteran ist traumatisiert
AP/dpa

US-Soldaten in Fort Hood: Fast jeder vierte Veteran ist traumatisiert

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Hamburg - "Es bricht uns das Herz", sagt US-Präsident Barack Obama, sein Verteidigungsminister Chuck Hagel spricht von einer "schrecklichen Tragödie". Der Amoklauf eines Soldaten auf dem Armeestützpunkt Fort Hood in Texas erschüttert die Vereinigten Staaten. Der 34 Jahre alte Ivan Lopez tötete am Mittwoch drei Menschen und verletzte 16 weitere, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete.

Der Kraftwagenfahrer war 2011 vier Monate lang im Irak stationiert. Der Einsatz im Kriegsgebiet traumatisierte den Soldaten offenbar: "Er war verhaltensauffällig und hatte mentale Probleme", sagte Kommandeur Mark A. Milley nach dem Amoklauf. Lopez habe sich selbst an Truppenärzte gewandt und von einer traumatischen Hirnschädigung berichtet. Er habe Antidepressiva genommen.

Zudem hätten Mediziner überprüft, ob der Soldat an einer posttraumatischen Belastungsstörung (Posttraumatic Stress Disorder, PTSD) litt. Er habe jedoch bei einem Termin mit einem Psychiater im März keine Hinweise für die bevorstehende Gewalttat gegeben. Diese Untersuchungen seien jedoch noch nicht abgeschlossen gewesen, die genaue Diagnose daher unklar.

Die Bundeswehr unterhält ein eigenes Traumazentrum

Obwohl also die psychischen Probleme des Irak-Veteranen bekannt waren, konnte die Bluttat nicht verhindert werden. Dabei ist dem US-Militär die Brisanz des Themas seit Jahren vertraut: Laut Schätzungen sind zwischen zehn und 25 Prozent der Soldaten mit einer Form von PTSD aus dem Irak oder Afghanistan zurückgekehrt. In beiden Ländern haben bislang etwa 2,5 Millionen US-Soldaten gedient.

Hunderttausende Armeeangehörige kämpfen folglich mit Kriegstraumata - nur etwa die Hälfte von ihnen nimmt überhaupt Hilfe in Anspruch. Viele suchen aus Angst vor Stigmatisierung gar nicht erst Beratung. Die Betroffenen sind häufig depressiv, reizbar, leiden an Schlafstörungen und werden immer wieder von Flashbacks heimgesucht, die sie in den Krieg zurückversetzen. Doch viele fühlen sich vom Militär allein gelassen. Veteranenorganisationen bieten zwar Kurse an, in denen die Erkrankten lernen sollen, mit Stress umzugehen und den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Doch obwohl das Pentagon einen dreistelligen Millionenbeitrag für die Behandlung von PTSD-Opfern bereitstellt, ist die Armee mit der großen Zahl der Patienten überfordert.

Die Bundeswehr rühmt sich, dass in Deutschland etwa 80 Prozent der erkrankten Soldaten erfolgreich behandelt würden. Im Zuge der Auslandseinsätze nahm auch in der Bundeswehr die Zahl der PTSD-Patienten in den vergangenen Jahren stetig zu. Wurden zwischen 1996 und 2003 insgesamt noch 348 Armeeangehörige behandelt, waren es allein 2010 schon 729. Drei Viertel von ihnen waren zuvor in Afghanistan stationiert.

2010 eröffnete die Bundeswehr in Berlin ein eigenes Traumazentrum. Zudem gibt es für Betroffene eine kostenlose 24-Stunden-Hotline und anonyme Kontaktangebote im Internet. Im vergangenen Jahr war die Zahl der PTSD-Neuerkrankungen nach offiziellen Angaben erstmals rückläufig. Dafür war die Anzahl der Wiedervorstellungen mit 1274 so hoch wie nie.

US-Armee verstärkt Prävention

Eine britische Studie kam 2013 zu dem Ergebnis, dass junge Kriegsveteranen nach ihrer Rückkehr in die Heimat zu gewaltsamen Übergriffen neigen. Von 2728 Soldaten unter 30 Jahren wurden demnach mehr als 20 Prozent wegen Gewalttaten verurteilt, die sie nach ihrer Militärzeit verübten. Im Vergleich dazu wurden nur rund sieben Prozent ihrer Altersgenossen ohne Militärerfahrung gewalttätig. Bei Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung konnten die Forscher besonders oft einen Hang zu Gewalt nachweisen. Dieser ergebe mit dem ebenfalls häufigen Alkoholmissbrauch eine gefährliche Kombination.

Westliche Armeen wollen deshalb künftig PTSD-Erkrankungen im Voraus verhindern. Das Pentagon hat ein 125-Millionen-Dollar-Programm aufgelegt, mit dem die Soldaten in Zukunft auf immer wiederkehrende Kampfeinsätze vorbereitet werden sollen. Die Armeeangehörigen lernen Entspannungstechniken und "positive Psychologie". So sollen die Soldaten Selbstkontrolle üben, Ängste überwinden und negative Gedanken verdrängen. Das Militär hat dieses Programm in enger Zusammenarbeit mit US-Universitäten ausgearbeitet.

Auch die Bundeswehr arbeitet derzeit an einem Konzept, wie die psychische Fitness schon bei der Einstellung der Soldaten bewertet und während der Dienstzeit erhalten werden kann. Ziel ist es, die PTSD-Prävention zu verbessern.

Diese Initiativen können die Zahl der Gewalttaten unter aktiven und ehemaligen Soldaten möglicherweise senken - für die Opfer von Fort Hood kommen sie zu spät.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
roughneckgermany 03.04.2014
1.
Positive Psychologie... Wie will man damit Ängste verhindern? Krieg ist Stress und in der fight-or-flight Situation wo im Krieg als Soldat gestattet ist, halte ich diese Überlegung für Wunschdenken von hauptberuflichen Theoretikern fernab jedes KrisenHerdes...
Neinsowas 03.04.2014
2. wieso...
Zitat von sysopAP/dpaUS-Soldat Ivan Lopez war im Irak stationiert, er kehrte zurück als depressiver Mann. Nun hat er auf der Militärbasis Fort Hood drei Kameraden und sich selbst getötet. Der Umgang mit traumatisierten Kriegsveteranen ist für US-Armee und Bundeswehr noch immer schwierig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/depression-posttraumatische-belastungsstoerungen-bei-soldaten-a-962429.html
...für die US Armee und die bundeswehr??? Es i s t schwierig, solche traumata zu therapieren und darum sollte man sich überlegen, ob das Kriegführen noch zeitgemäss ist - oder vielmehr eine archaisch-menschliche Reliquie... !
it--fachmann 03.04.2014
3. Es gibt ein einfaches Rezept ...
... keine Kriege mehr führen, dann gibt es auch keine traumatisierten Soldaten mehr.
king_pakal 03.04.2014
4. --
Zitat von sysopAP/dpaUS-Soldat Ivan Lopez war im Irak stationiert, er kehrte zurück als depressiver Mann. Nun hat er auf der Militärbasis Fort Hood drei Kameraden und sich selbst getötet. Der Umgang mit traumatisierten Kriegsveteranen ist für US-Armee und Bundeswehr noch immer schwierig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/depression-posttraumatische-belastungsstoerungen-bei-soldaten-a-962429.html
Ein kleiner Tipp: weniger Angriffskriege anfangen und somit die Opfer reduzieren, weniger Umstürze organisieren usw. Dann wird es auch mit der Psychologie der Soldaten besser. Wenn nämlich ein Soldat (zurecht) denkt, dass er nur ausgenutzt wird, um die (wirtschaftlichen und geopolitischen) Interessen der Eliten zu bedienen (mit allen schrecklichen Folgen), dann ist es auch nicht verwunderlich, dass es zu solchen Fällen kommt. Was genau wird auf den weltweit 1000 US-Militärbasen verteidigt? Die US-Hegemonie?
robbyy 03.04.2014
5. Der Mensch interessiert nicht....
... bei all diesen Programmen geht es nur darum, die Einsatzkräfte einsatzfähig zu halten..... wer dann die Leistung nicht mehr bringt, wird abserviert....
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