"Der dicke Raymond" Frankreichs Ex-Premier Barre gestorben

"Ich bin ein kantiger Mann in einem runden Körper", hatte Raymond Barre einmal über sich gesagt. Er wurde viel kritisiert und oft verspottet - galt dennoch als brillanter Wirtschaftsfachmann. Heute starb der frühere französische Premier.


Paris - Sie nannten ihn "Gros Raymond": Der "dicke Raymond" wusste genau, dass er mit seinen politischen Überzeugungen aneckte. Und bestimmt war ihm klar, dass nicht nur seine Sparpolitik schlecht in der französischen Bevölkerung ankam, sondern dass die Leute auch über seinen Bauch spotteten. "Ich bin ein kantiger Mann in einem runden Körper", sagte der frühere Regierungschef, der Frankreich Ende der siebziger Jahre regierte, einmal über sich selbst. Aber er wolle gar nicht gefallen, betonte er. Vielen mochte Raymond Barre überheblich vorkommen, als brillanter Wissenschaftler und Wirtschaftsfachmann galt er aller Kritik zum Trotz. Heute starb Barre im Alter von 83 Jahren in einem Krankenhaus in Paris.

Raymond Barre 1978: Nicht sonderlich beliebt bei seinen Landsleuten
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Raymond Barre 1978: Nicht sonderlich beliebt bei seinen Landsleuten

Das Land verliere "einen seiner besten Diener", sagte der frühere Präsident Valéry Giscard d'Estaing. Der 1924 auf der französischen Insel Réunion im Indischen Ozean geborene Barre war erst relativ spät in die Politik gegangen. Nach dem Abitur in Saint-Denis-de-la-Réunion studierte er in Paris Jura und begann eine Universitätskarriere; eines seiner Handbücher wurde zum Standardwerk. "Der Barre" begleitete französische Politikstudenten jahrzehntelang.

Später ging er nach Brüssel; in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft arbeitete er von 1967 bis 1973 als Wirtschaftskommissar. Präsident Giscard hielt Barre für "den besten Wirtschaftsfachmann" des Landes und holte ihn 1976, während der großen Ölkrise, als Außenhandelsminister ins französische Kabinett. Ein halbes Jahr später trat der damalige Premierminister und spätere Präsident Jacques Chirac überraschend vom Amt zurück, und der parteilose Barre rückte als Regierungschef nach.

Undankbare Aufgabe

Die Aufgabenteilung zwischen dem Präsidenten und ihm war von Anfang an klar: Barre war für die Wirtschaft zuständig, Giscard für Außenpolitik. Für Barre war es eine eher undankbare Aufgabe: Er musste in seinem Amt mit den Folgen des Ölpreisschocks, einer Abwertung des französischen Franc und einer zweistelligen Inflation fertigwerden. Obwohl er nicht sonderlich beliebt war bei seinen Landsleuten, übte er das Amt fast fünf Jahre lang unbeirrt aus, vergleichsweise lang für einen Regierungschef der Fünften Republik. Als der Präsident 1981 seinem sozialistischen Nachfolger François Mitterrand weichen musste, traten Giscard und Barre gemeinsam ab.

Barre zog sich zunächst in seine politische Heimat Lyon zurück und versuchte in den kommenden Jahren, sich als künftiger Staatschef in Stellung zu bringen. Bei der Präsidentschaftswahl 1988 unterlag er allerdings schon in der ersten Runde seinem Rivalen Jacques Chirac, der in der Stichwahl gegen Mitterrand verlor und erst nach dessen Tod Staatschef wurde. Barre verlegte sich auf die Regionalpolitik und regierte Lyon von 1995 bis 2001 als Bürgermeister, danach zog er sich aus der Politik zurück.

In seiner Zeit als Regierungschef zog Barre sich immer wieder Ärger mit Äußerungen zu, die als judenfeindlich galten; auch Bemerkungen wie "die Arbeitslosen sollten lieber Firmen gründen" trugen nicht gerade zu seinem guten Ruf bei. In den letzten Jahren waren es eher seine harmlosen kleinen Mittagsschläfchen, über die geredet wurde: Journalisten und Karikaturisten freuten sich, wenn sie den Politiker - der gutes Essen und guten Wein zu schätzen wusste - nachmittags bei einem Nickerchen auf einer Parkbank im Pariser Regierungsviertel ertappen konnten.

Kerstin Löffler/AFP



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