Der Fall Litwinenko "Die Bastarde haben mich gekriegt"

Der in der Nacht gestorbene russische Ex-Spion Litwinenko hat in seinem letzten Interview erneut die russische Regierung für seine Vergiftung verantwortlich gemacht. Heute Mittag soll eine Erklärung des früheren Agenten verlesen werden. Litwinenko starb gestern am späten Abend.

Hamburg - Sein Herz versagte. Wie die Londoner Universitätsklinik mitteilte, stand Alexander Litwinenko zum Zeitpunkt seines Todes unter dem Einfluss starker Beruhigungsmittel. Die Londoner Polizei teilte mit, es werde wegen unbekannter Todesursache ermittelt.

Nur wenige Stunden bevor er gestern das Bewusstsein verlor, erklärte Litwinenko in einem Interview mit der "Times", er sei vom Kreml zum Schweigen gebracht worden. "Ich will überleben, nur um es ihnen zu zeigen", erklärte Litwinenko. "Die Bastarde haben mich gekriegt, aber sie werden nicht jeden kriegen."

Ein Vertrauter Litwinenkos, Alex Goldfarb, hat heute eine Erklärung angekündigt, die der Russe auf dem Totenbett diktiert habe. Die Erklärung werde am Mittag vor der Londoner Universitätsklinik von einem Familienangehörigen verlesen, sagte Goldfarb. Sie sei derzeit in den Händen seines Anwalts, den Inhalt kenne er nicht. "Wir sind sehr bestürzt und entsetzt über diesen schrecklichen Tod", sagte er.

Die Familie war am Abend an das Sterbebett auf der Intensivstation geeilt. Das Krankenhaus hatte kurz zuvor mitgeteilt, der Patient habe "nicht mehr lange zu leben". Um kurz vor Mitternacht wurde dann bekannt: Litwinenko starb um 22.21 Uhr.

Womöglich wird jetzt erst eine Obduktion klären, woran der russische Ex-Spion erkrankt war. Denn über die Ursache für die Vergiftung wurde bis zuletzt gerätselt: Nach Thallium hatten die Ärzte zuletzt auch radioaktive Stoffe als Auslöser der Erkrankung ausgeschlossen.

Drei Wochen ist es her, dass Alexander Litwinenko mit Vergiftungserscheinungen in ihre Klinik eingeliefert wurde. Sie fanden kein Mittel, um den russischen Patienten zu stabilisieren. Im Gegenteil: In der Nacht auf Donnerstag verschlechterte sich der Zustand des ehemaligen KGB-Agenten nach Angaben des Krankenhauses "dramatisch". Er kam auf die Intensivstation.

Seit gestern wurde der Erkrankte künstlich beatmet. Litwinenkos Frau wachte einem Freund des Verstorbenen zufolge am Bett und hielt seine Hand. Doch die Ärzte fanden nicht heraus, welcher Stoff Litwinenko zusetzte. Darum galt für sie das Ausschlussprinzip: Entgegen erster Vermutungen sei man sich nun sicher, dass die Symptome nicht vom Schwermetall Thallium verursacht werden, verbreitete das Krankenhaus Stunden vor seinem Tod. Auch eine Vergiftung mit radioaktiven Substanzen sei "unwahrscheinlich".

Sicher ist: Das Gift hatte Litwinenkos Knochenmark und seine Leber schwer beschädigt, sein Immunsystem wurde vollständig zerstört, das Gesicht war geschwollen, die Haare ausgefallen.

"Irreführende" Spekulationen

Aufregung gab es um Meldungen britischer Medien, nach denen auf Röntgenaufnahmen in Litwinenkos Dickdarm drei unbekannte Objekte "fester Struktur" entdeckt worden seien, die der Patient bewusst heruntergeschluckt haben müsse. Unter Berufung auf Kreise der Klinik war von zwei Objekten der Größe einer Zwei-Pence-Münze, also von etwa 2,5 Zentimeter Durchmesser die Rede, ein drittes habe die Form einer Acht. Unklar sei, ob diese Dinge etwas mit der Erkrankung Litwinenkos zu tun haben.

Klinikdirektor Bellingan versuchte die Spekulationen um die Röntgenbilder in seinem Statement als "irreführend" zu zerstreuen. Seiner Darstellung zufolge rühren die "Schatten" auf den Aufnahmen von dem synthetischen Farbton Berliner Blau her, das Litwinenko im Zuge seiner Behandlung verabreicht worden sei. Mit Berliner Blau versuchen Mediziner Gifte im Körper zu binden - unter anderem Thallium.

Litwinenko wurde vermutlich am 1. November vergiftet, indem eine Substanz in sein Essen oder ein Getränk gemischt wurde. Freunde Litwinenkos beschuldigen seither den russischen Geheimdienst, früherer Arbeitgeber des Ex-Spions, hinter dem Giftanschlag zu stecken. Der russische Auslandsgeheimdienst SWR wies den Vorwurf erneut scharf zurück. "Litwinenko ist nicht die Art Person, für die wir bilaterale Beziehungen aufs Spiel setzen würden", sagte SWR-Sprecher Sergej Iwanow.

Litwinenko stand zu Sowjetzeiten in Diensten des KGB, bei dessen Nachfolgeorganisation, dem Inlandsgeheimdienst FSB, stieg er zum Oberst auf. Im November 2000 flüchtete er aus Russland und bat in Großbritannien um Asyl, nachdem er zwei Jahre zuvor seine Vorgesetzten öffentlich beschuldigt hatte, ihm den Auftrag zur Ermordung des russischen Milliardärs Boris Beresowski befohlen zu haben. Dieser gehörte damals zum Machtzirkel des Kremls. Zudem beschuldigte Litwinenko den FSB, im Jahr 1999 blutige Bombenanschläge auf Wohnhäuser in Russland koordiniert zu haben - als Vorwand für den zweiten Tschetschenien-Feldzug. Zuletzt recherchierte er im Fall der ermordeten russischen Journalistin Anna Politkowskaja, die vergangenen Monat im Eingang ihres Moskauer Wohnhauses erschossen worden war. Im Herbst 2004 war auch sie einem mutmaßlichen Giftanschlag entkommen.

ler/AP/dpa/Reuters

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