Der Irak droht Köpfe abschlagen

Die irakische Führung weist Washingtons Forderung nach einer strengen UN-Resolution zurück und kündigt den Amerikanern im Falle eines Angriffs Verluste an, wie sie sie "seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben." In den Vereinigten Staaten und London demonstrierten Zehntausende gegen die Politik von US-Präsident George Bush.


Nachdenklich: Protest gegen Irak-Krieg in Washington
AFP

Nachdenklich: Protest gegen Irak-Krieg in Washington

Bagdad - "Die amerikanische Aggression gegen den Irak wird kein Spaziergang werden, sondern eine heftige Schlacht mit Verlusten auf der Seite der Amerikaner, wie sie es seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben", sagte der stellvertretende Ministerpräsident Tarik Asis in Bagdad. Der älteste Sohn von Präsident Saddam Hussein, Udai, drohte nach Angaben der arabischen Zeitung "Al-Sharq Al-Awsat", die Iraker seien bereit, "den Amerikanern, den Briten und allen, die mit ihnen sind, die Köpfe abzuschlagen".

Die saudische Zeitung "Al-Watan" berichtete am Samstag unter Berufung auf Bayan Jabor, einen Sprecher des Obersten Rats für die Islamische Revolution im Irak (SCRI), im Irak verdichteten sich die Gerüchte über einen möglichen Rücktritt von Saddam Hussein. Dieser habe mit dem Revolutionsrat bereits über die Möglichkeit, mit seiner Familie nach Ägypten ins Exil zu gehen, gesprochen, sagte Jabor. Als möglicher Nachfolger sei Tarik Asis im Gespräch, weil dieser gute Kontakte zu westlichen Staaten habe.

Die Nachricht vom möglichen Rücktritt des Präsidenten hätten im irakischen Volk große Freude ausgelöst, "denn damit könnte die Bedrohung durch einen amerikanischen Angriff abgewehrt werden". Seine Organisation sei für den Sturz von Saddam Hussein, sagte Jabor. Die neue Führung dürfe aber nicht einfach ernannt werden, sondern müsse aus Wahlen hervorgehen. Der schiitische SCRI ist nach Ansicht von Beobachtern die irakische Oppositionsgruppe mit der größten Anhängerschaft im Land.

Irak hat den amerikanisch-britischen Entwurf einer UN-Resolution für umfassende Rüstungskontrollen in dem Land am Samstag als unakzeptabel zurückgewiesen. In der Vorlage wird dem irakischen Staatschef Saddam Hussein eine Frist von sieben Tagen gesetzt, um einer Abrüstung des Landes zuzustimmen. Anschließend soll Saddam Hussein dem Weltsicherheitsrat eine Liste der in irakischem Besitz befindlichen verbotenen Materialien vorlegen und seine Paläste den Waffeninspektoren öffnen.

Die geplante Entschließung wirft Irak den Bruch früherer UN-Resolutionen vor und verlangt nach Angaben von Diplomaten eine "umfassende, endgültige und vollständige Zerstörung" von Massenvernichtungswaffen. Die Kontrollen sollen sich auch auf Palastanlagen des irakischen Staatschefs Saddam Hussein erstrecken, die nach einem Zugeständnis von UN-Generalsekretär Kofi Annan 1998 von UN-Inspektionen ausgeschlossen worden waren. Ferner sollen die Inspektoren nicht länger von staatlichen Führern begleitet werden. Nach Ablauf der Frist sieht der Resolutionsentwurf "alle erforderlichen Mittel" gegen das Regime von Saddam Hussein vor.

Der irakische Vizepräsident Taha Jassin Ramadan erklärte am Samstag in Bagdad, die Haltung seines Landes zu den Inspektoren stehe fest. "Jede weitere Maßnahme soll Irak schaden und ist unakzeptabel."

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Denver demonstrierten mindestens 2000 Menschen gegen die Irak-Politik der US-Regierung. Auch in Phoenix, Arizona, wurde Bush mit einer Demonstration konfrontiert. In London gingen am Samstag mehrere tausend Menschen gegen die Irak-Pläne der USA auf die Straße.

Russland, China und Frankreich haben erklärt, dass sie zunächst eine Resolution ohne Gewaltandrohung befürworten. Bush telefonierte mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac, ohne ihn offenbar umstimmen zu können. Chirac hat einen Zweistufenplan vorgeschlagen. Dabei soll eine erste Resolution die irakische Regierung ohne Androhung von Gewalt zur Zulassung von Rüstungskontrollen auffordern. Erst wenn es nicht dazu kommen sollte, will Frankreich einer zweiten Resolution mit der Androhung von Zwangsmitteln zustimmen.

Auch unter amerikanischen Politikern gibt es sechs Wochen vor der Kongresswahl noch erhebliche Vorbehalte gegen Bushs Irak-Politik. Der demokratische Senator Edward Kennedy erklärte am Freitag, den Inspektionen der Vereinten Nationen müsse die erforderliche Zeit gegeben werden. "Krieg sollte ein letztes Mittel sein, nicht die erste Antwort", sagte Kennedy in einem Vortrag an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies.

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