Der Kampf ums kaspische Öl (4) Pipeline-Poker in der kasachischen Steppe

Die Entdeckung des zweitgrößten Ölfelds der Welt vor der Küste Kasachstans hat eine neue Runde im Großen Machtspiel um die kaspischen Öl-Reserven eingeläutet. Das Mullah-Regime in Teheran hat gute Karten. Aber auch Chinas Kommunisten mischen mit.
Von Lutz C. Kleveman

Von fern erscheint sie wie eine Kircheninsel in der Lagune von Venedig. Doch als der Helikopter näher heran fliegt, entpuppt sich der vermeintliche Dom als profaner Bohrturm, und die Kirche darunter als Ölplattform, so breit wie ein Fußballfeld. Wir befinden uns über dem nördlichen Kaspischen Meer, 50 Kilometer vor der Küste Kasachstans, irgendwo im Westen liegt das russische Ufer. "Sunkar" wird die Bohrinsel genannt, das ist Kasachisch für "Adler". Eigentlich ist sie nichts weiter als ein schwerfälliges Floß, das noch vor wenigen Jahren durch das Niger-Delta schipperte. Dann wurde es an diesen Ort geschleppt, über viele Tausend Kilometer. Erst die afrikanische Westküste hoch, dann durch das Mittelmeer, das Schwarze Meer, den Don aufwärts und schließlich die Wolga runter, bis ins Kaspische Meer. Wer so etwas macht, will Geld verdienen. Viel Geld."Hier ist es damals passiert", sagt Neil Booth trocken. "Hier haben wir es gefunden, und es war groß." Es gehört zu Booths Selbstverständnis als Brite, Erfolge zu untertreiben. Was der Manager des italienischen Ölkonzerns Agip so vorsichtig umschreibt, war der größte Ölfund seit drei Jahrzehnten: das Kashagan-Feld. Im Juli 2000 stießen Geologen unter einem uralten Korallenatoll in 4500 Metern Tiefe auf eine gewaltige Ölblase. Wie weit und wohin sie den Testbohrer auch bewegten, an Bord der Sunkar barsten beinahe die Ventile, weil das hochkonzentrierte Rohöl noch oben drückte. Schon nach wenigen Tagen wurde allen Anwesenden klar: Seit dem sensationellen Fund in Alaskas Prudhoe Bay im Jahr 1970 wurde nicht mehr so viel Erdöl an einem Ort entdeckt.

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"Wir waren alle völlig perplex", erinnert sich der 50-jährige Booth in seinem Büro im kasachischen Atyrau, einer bislang verschlafenen Kleinstadt an der Nordküste des Kaspischen Meeres. Hier hat der Agip-Konzern, der das internationale Kashagan-Konsortium anführt, ein hastig aus Wohncontainern zusammengebasteltes Hauptquartier bezogen. Es wimmelt von italienischen Ölmännern, an jeder zweiten Ecke stehen Espresso-Maschinen."Keiner wollte es glauben, als die Resultate reinkamen. Es war doch eine 'wild cat' gewesen." Eine wilde Katze, so nennt man in der Branche eine Ölsuche an einem Ort, wo nie zuvor gebohrt worden war. Da das nordkaspische Meer in der Sowjetunion unter Naturschutz stand, gab es dort keine Erfahrungen mit Off-shore-Bohrungen. Booth erläutert: "Das ist ein Glücksspiel, da stehen die Chancen auf einen Treffer bei eins zu zwanzig, nicht mehr." Begeistert von ihrer Fortune, bohrten die Geologen 40 Kilometer vom ersten Treffer entfernt, um die Ausdehnung des Ölfelds unter dem Meer bestimmen. Das "neue Houston" Der Coup gelang: Wieder sprudelte das schwarze Gold. "Die chemische Zusammensetzung des Öls aus beiden Funden ist sehr ähnlich", berichtet Booth. "Das deutet darauf hin, dass es sich tatsächlich um ein und dieselbe Blase handelt." Mindestens 40 Kilometer Ausdehnung hat das Feld, vielleicht noch mehr. Experten schätzen, dass in Kashagan 30 Milliarden Barrel Erdöl verborgen liegen. Damit wäre es das zweitgrößte Ölfeld der Erde. Nur Ghawar in Saudi-Arabien ist mit 80 Milliarden Barrel noch größer, die Felder der Nordsee bergen noch insgesamt 17 Milliarden Barrel. Die Entdeckung von Kashagan ist nicht nur für die beteiligten Ölkonzerne eine Verheißung. Der gigantische Ölfund hat die geopolitische Balance am Kaspischen Meer ins Wanken gebracht und eine neue, gefährliche Runde im großen Ringen der Weltmächte um Rohstoffe und Pipelines eingeläutet. Kasachstan, noch vor einem Jahrzehnt eine rückständige Sowjetrepublik, wird sich in naher Zukunft zum größten Erdölexporteur nach Saudi Arabien entwickeln. Jeden Tag bis zu fünf Millionen Barrel könnte das Land schon im Jahr 2010 an den Rest der Welt verkaufen. Dem internationalen Öl-Kartell Opec bereitet diese Aussicht Kopfschmerzen: Dass sich das Nicht-Mitglied an Preisabsprachen und Förderlimits halten wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Zusammen mit Russland, das der Opec ebenfalls nicht angehört, könnte Kasachstan so die Macht der saudischen Scheichs über Wohl und Wehe der westlichen Industrieländer brechen. Für jede energiehungrige Gesellschaft, allen voran die USA, ist Kasachstan dadurch strategisch sehr wichtig geworden. Für die bislang trostlose Plattenbaustadt Atyrau bringt das dramatische Veränderungen: Plötzlich sitzen in den Tupolews aus Moskau smarte Geschäftsleute, die während des Flugs ihre Laptops traktieren. Rechts und links der frisch geteerten Hauptstraße stehen nun große Schilder, die den Bau neuer Banken und Bürogebäude ankündigen. So gewaltig rollt der Ölboom über Atyrau her, dass das "Wall Street Journal" schon das "neue Houston" ausrief. Den vielen Fischern am Ural-Fluss, der hier als geografische Grenze zwischen Europa und Asien in das Kaspische Meer mündet, lässt der Hype um das neue Öl-Dorado bisher kalt. "Hauptsache, die Ölkonzerne vergiften nicht unsere Fische", sagt einer von ihnen. Die Sorge ist nicht aus der Luft gegriffen: Die Bohrinsel über Kashagan liegt mitten im nordkaspischen Naturschutzgebiet, in dem mehr als 200 bedrohte Tierarten, vor allem Vögel und der kaspische Seehund, leben. Angst vor einer "toten Zone "Wie konnte unsere Regierung dort den Schutzstatus aufheben und Bohrrechte erteilen?", schimpft Galina Chernowa, die zusammen mit dreißig Mitstreitern den Kampf derer in Atyrau anführt, die dem Ölboom nicht trauen. Die energische Biologin fordert einen sofortigen Bohrstopp: "Die Ölfirmen sagen uns, dass ihre Arbeit gar keinen Schaden anrichtet, aber das stimmt hinten und vorne nicht." Das Meer sei im Norden mit zwei bis zehn Metern Wassertiefe zu flach, um sich von Verschmutzungen je wieder zu erholen. "Wir wollen nicht, dass die Konzerne mit dem Geld davonrennen und uns hier in einer toten Zone zurücklassen." Dave Preston, Umweltbeauftragter von Agip in Atyrau, wiegelt ab: "Wir tun alles, um möglichst sauber zu produzieren." Abwasser gelange nicht ins Meer, auch Müll werde an Land entsorgt. Aber Preston fügt hinzu: "Dass es zu einem Blow-out kommt, wenn Öl unkontrolliert aus der Quelle schießt, das kann man natürlich nie ausschließen."Weit ärgeres Kopfzerbrechen als der Umweltschutz bereitet Industrie und Politikern aber die Frage, wie das Öl zu den Märkten der industrialisierten Welt gebracht werden kann. Im Poker um Pipelines sind die kaspischen Karten seit dem Kashagan-Fund völlig neu gemischt. Der amerikanische Ölriese Chevron, der bereits seit 1993 in einem Joint Venture mit dem staatlichen Konzern Kazmunaigaz Öl aus dem riesigen Tengiz-Feld an der kaspischen Ostküste fördert, hat trotz unfreundlicher Kommentare aus Washington bereits eine Pipeline für mehr als zwei Milliarden Dollar durch den kriegsgeschüttelten Nordkaukasus zum russischen Schwarzmeerhafen Novorissijsk bauen lassen. Bis zu eine Million Barrel pro Tag kann die Leitung fassen. Im vergangenen Oktober floss das erste Öl. Zu Asiens Märkten über die "Achse des Bösen" "Für den Anfang könnte unsere Pipeline die Kashagan-Produktion aufnehmen, aber eine zweite Leitung ist notwendig", sagt Boris Scherdabajew, mächtiger Präsident vom Tengizchevroil genannten US-kasachischen Gemeinschaftsunternehmen, während er im Firmenjet bei Lachs und Sekt über die weite Steppe Kasachstans fliegt. "Noch eine Pipeline durch Russland wird die kasachische Regierung aber nicht zulassen, dann wäre sie zu abhängig von Moskau." Schon ist von einer zweiten Röhre entlang der Baku-Ceyhan-Pipeline durch den Süd-Kaukasus die Rede. Dafür müsste das Kashagan-Öl allerdings zunächst umständlich mit Tankern quer über das Kaspische Meer geschifft werden. Alle ökonomischen Fakten sprechen daher für eine Süd-Route zum Persischen Golf. Durch zwei Länder könnte sie verlaufen: durch den Iran oder Afghanistan. Das Mullah-Regime in Teheran hat sein Territorium mehrfach als idealen Korridor angeboten und möchte sogar eine Pipeline entlang der kaspischen Ostküste mit finanzieren. Kasachstans Präsident Nursultan Nazarbajew hat mehrfach seine Sympathie für das Projekt erklärt, sehr zum Ärger der US-Regierung von Präsident George W. Bush, der den Iran mehrfach als Teil einer "Achse des Bösen" bezeichnet hat und die amerikanischen Wirtschaftssanktionen gegen das Land aufrecht erhält. Sie verbieten es US-Konzernen, Öl durch Persien zu transportieren. Doch das letzte Wort darüber, welchen Weg das Kashagan-Öl nehmen wird, haben die Kasachen. "Wir glauben, dass die Route durch den Iran am ökonomisch sinnvollsten wäre", sagt Sabr Yessimbekow, Pipeline-Chefplaner von Präsident Nazarbajew. "Das Öl muss nach Asien, die Märkte Europas sind übersättigt." Das Büro des 38jährigen ehemaligen Diplomaten liegt in der neuen Hauptstadt Astana, die sich Nazarbajew in froher Erwartung des Petrolreichtums für mehrere Milliarden Dollar in die nördliche Steppe bauen lässt.

An der Wand hängt eine Karte des Landes, in der alle Pipeline-Optionen eingezeichnet sind. Darunter ist auch eine mehr als 3000 Kilometer lange Röhre nach China. "Die Chinesen sind ganz scharf auf das Kashagan-Öl", erzählt Yessimbekow mit einem Stirnrunzeln. "Sie sind sehr aggressiv, versuchen mit allen Mitteln, nach Kasachstan einzudringen." Der Pipeline-Chefplaner fährt fort: "Und deswegen ist es sehr gut, dass die USA ihre Truppen in Zentralasien stationieren - sie halten die Chinesen draußen." Der Kasache grinst unverhohlen schadenfroh: "Wer glaubt denn überhaupt, dass es den Amerikanern in diesem sogenannten Anti-Terror-Krieg um Osama Bin Laden geht? Es geht ihnen um uns, unser Öl wollen sie haben." Yessimbekow zögert einen Moment, dann fährt sein Finger plötzlich auf der Landkarte nach Südosten: "Durch Afghanistan könnte man die Pipeline jetzt auch wieder legen. Vielleicht subventioniert die Uno den Bau, das wäre doch was." Teil 5: Amerikas Öl-Strategen sichern das Terrain - Kirgisiens Aufstieg zur US-Militärbasis in Zentralasien

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