Der Kampf ums kaspische Öl (8) Der Afghanistan-Joker

Geheimverhandlungen, Intrigen, Öl-Lobbyisten im Ministerrang - die geplante Pipeline von Turkmenistan durch Afghanistan nach Karatschi wird zum zentralen Projekt der afghanischen Regierung und heizt die Konflikte ums kaspische Öl an. US-Unterstützung ist dem Projekt gewiss - wie schon zu Zeiten der Taliban.
Von Lutz C. Kleveman

Teil 2: Wie Amerikas Öllobbyisten die afghanische Regierung gegen die Konkurrenz aus Teheran in Stellung bringen

Als Hamid Karzai aus dem Hotel Interconti Kabul ins Freie tritt, ist er umgeben von US-Bürgern. Mehr als ein Dutzend amerikanische Bodyguards, Maschinengewehre im Anschlag, flankieren den afghanischen Präsidenten und schirmen ihn ab von den Menschen, die vor dem Hotel warten und seine Hand schütteln wollen. Sekunden später verschwindet Karzai in einem gepanzerten Chevrolet Suburban, und der Konvoi rast davon, ein US-Militärwagen mit aufgesetztem Maschinengewehr an seiner Spitze. Seitdem nur wenige Tage zuvor eine Autobombe in Kabul 26 Menschen tötete und die Kugeln eines Attentäters Karzai nur knapp verfehlten, lassen die bärtigen Leibwächter in Jeans und Holzfällerhemd, Kämpfer der US Special Forces, ihren Schützling nicht mehr aus den Augen, selbst bei Auslandsreisen. Das ist auch nötig. Denn Karzai ist nicht nur der freundliche Architekt der neuen afghanischen Einheit, sondern auch engagiert im riskanten Machtkampf um die kaspischen Öl- und Gas-Reserven. Um nichts anderes ging es auch, als Afghanistans neuer Staatschef am 29. Mai diesen Jahres in die pakistanische Hauptstadt Islamabad flog, um dort den Militärherrscher Pervez Musharraf und den turkmenischen Diktator Saparmurad Nijasow zu treffen. Die ungewöhnliche Dreier-Konferenz diente dem Abschluss eines brisanten Abkommens: Gemeinsam wollen die drei Staaten eine Gas-Pipeline betreiben, die von Turkmenistan quer durch Afghanistan bis in die pakistanische Hafenstadt Karatschi reichen soll. Bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus den bislang noch weitgehend unerschlossenen Vorkommen Turkmenistans könnte sie im Jahr transportieren. Später soll parallel dazu eine zweite Röhre für Erdöl folgen. Die etwa 1500 Kilometer lange Trasse soll durch den Korridor von Herat nach Kandahar verlaufen, eben jene Region, die bis zum erfolgreichen US-Feldzug in Afghanistan unter der Kontrolle der Taliban stand.

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Schon verhandelt die afghanische Regierung diskret mit mehreren möglichen Betreibern. "Das Pipeline-Projekt ist eine gemachte Sache - einige große Ölgesellschaften wollen in das Geschäft einsteigen", verrät Mohammed Amin Farhang, der afghanische Minister für Wiederaufbau. Der Wirtschaftswissenschaftler, der viele Jahre als Professor an der Universität Bochum gelehrt hat, kann seine Freude über das Projekt nicht verbergen: "Endlich bekommt Afghanistan für Zentralasien die Bedeutung als Transitland, die es seit Jahren haben könnte." Mit ausgebreiteten Armen lehnt sich Farhang auf dem Sofa in seinem Büro zurück, ein Diener bringt grünen Tee und gezuckerte Mandeln.Nach kurzem Zögern gibt Farhang die Namen der Bewerber preis: Der US-Konzern ExxonMobil und das französische Unternehmen TotalFinaElf seien die wichtigsten Interessenten. Noch habe die afghanische Regierung das Bauvorhaben allerdings nicht offiziell ausgeschrieben. Den Pipeline-Bau, dessen Kosten auf mehr als zwei Milliarden Dollar geschätzt werden, soll die Asian Development Bank finanzieren helfen. Die Banker hätten bereits zugestimmt, eine Machbarkeitsstudie zu bezahlen, freut sich Farhang. Für das nach 23 Jahren Krieg zerstörte Afghanistan wecken die Pipeline-Pläne die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung. Doch politisch ist das Projekt höchst umstritten. Denn es bringt den Krieg der US-Streitkräfte in Afghanistan in einen anderen Zusammenhang, als nur den der Terrorbekämpfung. Die marktgünstige Erschließung der sagenhaften Öl- und Gasvorkommen am Kaspischen Meer, keine 1000 Kilometer nordwestlich von Afghanistan, erscheinen plötzlich als der große Preis für den Kampf um Kabul. Die Unocal-Connection der Taliban Wiederholt haben Kritiker des US-Feldzugs am Hindukusch darauf hingewiesen, dass amerikanische Ölindustrielle, die mit umfangreichen Spenden die Wahl von George W. Bush zum US-Präsidenten unterstützten, schon lange Afghanistan als Korridor für eine große Pipeline vom landumschlossenen Kaspischen Meer zum Persischen Golf nutzen wollen. Das ist keineswegs weit hergeholt. Weil Transportwege durch den instabilen Kaukasus - wie etwa die Baku-Ceyhan-Pipeline - oder den politisch isolierten Iran riskant und teuer sind, ist die afghanische Südost-Route eine attraktive Alternative. Ihr großer Vorteil liegt darin, dass sie östlich der stark befahrenen Hormus-Meerenge, dem Nadelöhr des Persischen Golfs, enden würde. In einem Bericht, den das amerikanische Energieministerium nur wenige Tage vor den Terroranschlägen im September 2001 veröffentlichte, heißt es dazu: "Die Bedeutung Afghanistans in Energiefragen liegt in seiner geografischen Position als potenzielle Transitroute für Exporte von Öl und Erdgas aus Zentralasien zum Arabischen Meer." Bereits Mitte der neunziger Jahre plante darum der amerikanische Ölkonzern Unocal, zwei Pipelines von den turkmenischen Öl- und Gasfeldern durch Afghanistan zu bauen. Jährlich wollte die US-Firma, der auch Hamid Karzai als Berater diente, damit 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas und 350 Millionen Barrel Rohöl nach Pakistan liefern, das dringend Energieressourcen braucht. Tatsächlich unterzeichneten Turkmenen-Präsident Nijasow und Unocal-Manager in New York schon am 21. Oktober 1995 ein entsprechendes Abkommen. Der amerikanischen Regierung unterstützte die Pläne des Konzerns aktiv. In Afghanistan ging der blutige Bürgerkrieg damals in sein 16. Jahr, doch die Taliban-Truppen waren auf dem Vormarsch und schickten sich an, das Land endlich zu befrieden. Das zumindest glaubte die US-Regierung des damaligen Präsidenten Bill Clinton, deren Verbündete Pakistan und Saudi-Arabien die Taliban ausbildeten und maßgeblich unterstützten. Als die Islamisten im September 1996 Kabul einnahmen, frohlockte ein Sprecher des State Departement, dies bedeute Stabilität am Hindukusch. Verhandlungen mit ExxonMobil und TotalFinaElf Mehrmals flogen daraufhin Unocal-Vertreter in einem von der Uno bereitgestellten Flugzeug nach Kabul und warben für das Pipeline-Vorhaben. Sie versprachen dem Koranschüler-Regime 300 bis 500 Millionen Dollar an Zöllen und Transitgebühren. In Kandahar errichtete der Konzern eine Schule, in der Hunderte Afghanen für den Bau und den Betrieb der Pipeline ausgebildet wurden. Zugleich trafen sich die Ölmanager mit den Führern der gegnerischen Bürgerkriegspartei, der Nordallianz, und versuchten - vergeblich - sie zu Friedensverhandlungen zu bewegen.Im Februar und November 1997 reisten sogar Taliban-Delegationen auf Einladung des Ölkonzerns nach Washington und Houston und führten Gespräche mit Regierungsvertretern und den Unocal-Managern. Erst nachdem die USA im Jahre 1998 erstmals Trainingscamps der al-Qaida in Afghanistan bombardierten und die Kämpfe zwischen den Taliban und der Nordallianz kein Ende nahmen, war das Unternehmen gezwungen, das Projekt auf Eis zu legen. "Unocal ist bis heute an dem Projekt interessiert", versichert Wiederaufbau-Minister Farhang, "aber sie halten sich noch bedeckt. Sie haben wegen ihrer Zusammenarbeit mit den Taliban einen schlechten Ruf im Land." Mehrere Manager anderer Ölkonzerne in der Kaspischen Region bestätigten auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE ihr Interesse an der afghanischen Pipeline. "Wir prüfen alle möglichen Optionen, unser Öl zu transportieren, doch für so eine Pipeline muss dauerhaft Frieden in Afghanistan herrschen", erklärte Neill Booth, Manager des Kaschagan-Konsortiums in Kasachstan, an dem ExxonMobil und TotalFinaElf maßgeblich beteiligt sind. Gerade für das Rohöl des im Sommer 2000 entdeckten Kaschagan-Felds, die mit geschätzten 30 Milliarden Barrel zweitgrößte bekannte Ölblase der Erde, wäre eine Südost-Exportroute zum Persischen Golf sinnvoll. Ein amerikanischer Diplomat in Kasachstan räumt denn auch unumwunden ein, dass seine Regierung sich mit der Pipeline-Route durch Afghanistan befasse. Sie sei bereit, "mit amerikanischen Firmen zusammenzuarbeiten, die derlei Pläne haben", bestätigte der Beamte. Der Unocal-Konzern habe ja gezeigt, "dass die Pipeline machbar und profitabel ist". Auch Peter Tomsen, US-Sondergesandter in Afghanistan von 1989 bis 1992 und persönlicher Freund von Präsident Karzai, sagte vergangene Woche in Kabul, er sei sich sicher, "dass die Pipeline wiederkommen wird. Wir unterstützen das Vorhaben, weil wir es jetzt mit einer anerkannten Regierung zu tun haben". Schließlich sei die Pipeline gut für den Wiederaufbau Afghanistans. Politisch haben sich die Interessen in der Pipeline-Frage nicht geändert. "Pakistan hat damals die Taliban geschaffen, um diese Pipeline bauen zu können, und die USA haben das unterstützt", glaubt der afghanische Minister Farhang. Heute würden die Amerikaner dieselben wirtschaftlichen Ziele wie in den neunziger Jahren verfolgen, lediglich mit direkt militärischen Mitteln. Der Ökonom ist überzeugt: "Politik ist ein Geschäft. Die USA werden ihre militärischen Stützpunkte in Afghanistan nie aufgeben. Von hier aus werden sie die gesamte Region kontrollieren." Doch für Farhang ist auch klar, dass damit das neue Great Game um Zentralasien keineswegs zu Gunsten Washingtons entschieden ist: "Die Russen und die Iraner werden aufs Neue versuchen, das Pipeline-Vorhaben in Afghanistan zu sabotieren." Das ist umso wahrscheinlicher, weil der Iran selbst Erdgas aus dem riesigen Südpars-Feld im Persischen Golf an Pakistan verkaufen will. Die Vorkommen werden - unter Missachtung amerikanischer Sanktionen gegen den Iran - von TotalFinaElf, Shell und Gasprom ausgebeutet. Der russische Konzern einigte sich im Mai mit der pakistanischen Regierung, eine 3,2 Milliarden Dollar teure Gas-Pipeline von Südpars nach Karatschi zu bauen. Die afghanische Röhre würde direkt damit konkurrieren. Um feindseligen Einfluss aus den Nachbarländern abzuwehren, hat die Bush-Regierung aber in den politischen Machtzirkeln Kabuls etliche Ölmänner ins Rennen geschickt. So arbeitete Bushs Sondergesandter für Afghanistan, Zalmay Khalilzad, in den neunziger Jahren als Berater für Unocal. Damals plädierte der in Kabul geborene amerikanische Diplomat lange für eine offizielle Anerkennung des Taliban-Regimes, obwohl dessen Verbrechen zu jener Zeit längst bekannt waren. Der neue amerikanische Botschafter in Afghanistan, Robert Finn, gilt ebenfalls als Öl-Experte. Der Karrierediplomat eröffnete 1992 die US-Botschaft in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Als westliche Ölkonzerne 1994 mit der aserbaidschanischen Regierung den so genannten Jahrhundertvertrag zur Ausbeutung des kaspischen Ölreichtums unterzeichneten, war Finn dabei. Heute lässt der amerikanische Chefrepräsentant die Kabuler Botschaft in eine regelrechte Festung umbauen, auf dessen Dach Marines hinter Sandsäcken große Schnellfeuer-Geschütze errichteten. "Die Amerikaner sind nicht nur wegen der Terroristen gekommen" Auch in der afghanischen Regierung selbst sind einige Männer platziert, die das Vertrauen Washingtons genießen - und das der amerikanischen Ölindustrie. Schließlich hat Präsident Karzai langjährige Verbindungen zu US-Energiekonzernen. Der Paschtune, der bis 1994 öffentlich die Taliban unterstützte, nahm im Jahre 1997 als Unocal-Berater an Gesprächen mit Taliban-Führern über die Pipeline teil. Um seine Macht in Kabul zu festigen, berief Karzai auf Anraten Washingtons im Frühjahr zwei Männer in sein Kabinett, die seit Jahrzehnten im amerikanischen Exil lebten: Industrieminister Djuma Mohammaddi und Finanzminister Aschraf Ghani Ahmadzai. Mohammaddi, der 15 Jahre in den USA für den Internationalen Währungsfonds gearbeitet hat, leitete die afghanische Delegation in den Pipeline-Verhandlungen mit Turkmenistan und Pakistan. "Mohammaddi war es, der das Pipeline-Projekt mit unermüdlichem Engagement vorangetrieben hat", sagt Mahfooz Nedai, sein Stellvertreter im Industrie-Ministerium. "Bei einem interministeriellen Treffen in Islamabad gab es Streit zwischen uns und den Pakistanern, und die Sache drohte zu scheitern. Mohammaddi aber wollte die Pipeline um jeden Preis." Für Vizeminister Nedai, der auf der afghanischen Ratsversammlung Loya Dschirga im Juni gegen Karzai kandidiert hat, ist klar: "Washington hat seine Männer aus gutem Grund in unsere Regierung geschickt. Die Amerikaner sind nicht nur wegen der Terroristen nach Zentralasien gekommen."Ein amerikanischer Diplomat in Kabul spielte die Verbindungen zwischen Politik und Ölindustrie allerdings herunter. Für die USA habe Afghanistan überhaupt "keinen Wert an sich". Es habe keine Bodenschätze, und als Transitland für eine Pipeline sei es "auch nicht sonderlich geeignet". Den Hinweis, dass Unocal schon einmal zu einem anderen Schluss gekommen ist, wischte der Diplomat beiseite. Der Konzern habe bei seinen Plänen damals die politische und soziale Lage in Afghanistan völlig falsch eingeschätzt. Und die Sicherheitsrisiken: "Um diese Pipeline zu schützen, bräuchte man eine ganze Armee", sagt der US-Diplomat und verweist alle Hinweise auf ein Interesse der US-Ölindustrie an Afghanistan ins Reich der Verschwörungstheorien: "Es gab und gibt keinen Masterplan: Nicht ein Amerikaner hätte am 10. September geglaubt, dass unsere Truppen heute hier sein würden."Dafür werden sie umso länger die Stellung halten. Noch vor wenigen Wochen war es erklärte Absicht Washingtons, alle Truppen nach einem Sieg über die Terroristen zügig wieder abzuziehen. Neuerdings lässt die Bush-Regierung allerdings verlauten, sie wolle sich langfristig in Zentralasien engagieren. Am Hauptstützpunkt Bagram, einer Airbase 40 Kilometer nördlich von Kabul, sind etwa 3500 Soldaten in drei gigantischen Zeltstädten stationiert. Dort erklärt Colonel Roger King, Sprecher der US-Streitkräfte in Afghanistan, man habe erkannt, "dass wir jetzt den afghanischen Staat und eine nationale Armee aufbauen müssen". Der Blick des Offiziers fällt auf Soldaten, die wenige Meter entfernt Zelte abbauen und an ihrer Stelle feste Gebäude aus Holz und Beton errichten. King erläutert: "Es ist gut, dass die USA in der ganzen Welt engagiert sind. Wir werden hier noch eine sehr lange Zeit bleiben." Ende der Serie

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