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14. Dezember 2000, 09:51 Uhr

Der Morgen danach

Amerika, Patriotismus, große Gefühle

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Mit einer Verbeugung vor "Präsident Bush", dessen Legitimität er trotz der bitteren Auseinandersetzung um das Wahlergebnis anerkannte, hat Gore am Mittwochabend seine Niederlage eingestanden. George W. Bush appellierte in seiner Antwort an die gemeinsamen Ziele von Republikanern und Demokraten. Der Ruf nach nationaler Versöhnung ist nicht pure Rhetorik: Bush wird sie brauchen.

Washington - Amerika, Patriotismus, gemeinsame Werte, große Gefühle: Die Reden von Bush und Gore waren Balsam für die geschüttelte Seele der Nation.

So als hätte es die 36 Tage harter, bitterer Auseinandersetzungen nie gegeben, verabschiedete sich Vizepräsident Gore am Mittwochabend (Ortszeit) von seinen Ambitionen. Und George W. Bush antwortete kaum eine Stunde später mit einem Appell an die gemeinsame Verantwortung und die gemeinsame Zukunft.

Gore sprach nur sieben Minuten, aber ausgerechnet seine Abschiedsrede verband Intelligenz, Witz und Wärme. Die Rede vorm Eisenhower-Gebäude im Zentrum Washingtons beschwor gemeinsame Werte: Demokratie, die Einheit des Volkes und die Liebe zum Vaterland. Der Vizepräsident verband deutliche Kritik an dem umstrittenen Urteil des Obersten Gerichtshof mit dem klaren Eingeständnis seiner Niederlage: "Es gibt keinen Zweifel, dass ich ganz und gar nicht mit der Entscheidung des Gerichts einverstanden bin, aber ich akzeptiere die Endgültigkeit des Spruches". Und an die enttäuschten eigenen Anhänger wie an das Ausland richtete er sein Bekenntnis: "Wir müssen zusammen hinter unserem neuen Präsidenten stehen."

Wut und Frustrationen sitzen tief

Fragt sich, ob das klappen wird: Zumal bei den schwarzen Wählern, die bei Floridas umstrittenen Wahlen massiv benachteiligt wurden, Wut und Frustrationen tief sitzen. Und die manuelle Handauszählung der Stimmen, dank der liberalen Statuten des "Sonnenstaates" nur eine Frage der Zeit, wird immer wieder die Legitimität des vom Gericht gekürten Präsidenten ins Gerede bringen.

Bush antwortete nur eine knappe Stunde später mit ähnlich getragenen Worten: "Unsere Stimmzettel sind unterschiedlich, nicht aber unsere Hoffnungen." Nach freundlichem Lob für seinen demokratischen Kontrahenten und einem tiefen Griff in die Geschichte der großen US-Präsidenten wiederholte George W. Bush seine im Wahlkampf formulierten Ziele und stellte sich als Präsident aller Amerikaner dar: "Ich werde mein Bestes tun, Ihren Interessen zu dienen."

Das wird ohne die Hilfe der Demokraten nicht möglich sein. Und deshalb sind die emphatischen Formulierungen an die politischen Gegner nicht nur pure Rhetorik - angesichts eines gespaltenen US-Kongresses wird Bush nicht nur seine ehrgeizigen Ziele bei Steuer- und Gesundheitsreform einschränken müssen; schon für den reibungslosen Regierungswechsel braucht er die demokratische Unterstützung im US-Kongress.

Wie lange werden die öligen Bekenntnisse zur Überwindung von Hass, Häme und Parteigrenzen anhalten? Wahrscheinlich nicht einmal die Wochen bis zur Amtseinführung am 20. Januar nächsten Jahres: Das Tauziehen um Ämter und Budgets im US-Senat hat längst schon begonnen.

Am Mittwochabend ging die Nation erst einmal erleichtert zu Bett, nachdem sich der Vizepräsident so nobel von Amerika verabschiedet hatte. Mit einer Anspielung auf den eigenen Wahlsieg, der vor acht Jahren die Herrschaft der Republikaner beendete, schloss ein lockerer, beinahe erleichterter Gore: "Es ist Zeit für mich zu gehen."

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