Der ungewisse Kampf um Bagdad Blumen oder Biowaffen?

In der irakischen Hauptstadt wartet das Ungewisse. Bagdad ist so groß wie London und kaum einzunehmen. Der Krieg geht in seine entscheidende Phase und sicher ist nur, dass die fünf Millionen Bewohner Geiseln der Entscheidungsschlacht sind.


Millionenstadt: Bagdad unter Feuer
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Millionenstadt: Bagdad unter Feuer

Berlin - "Bagdad wird ihr Stalingrad", hatte Saddam Hussein bereits vor Kriegsbeginn den Angreifern angedroht. Der irakische Diktator hat zwar einen Hang zur martialischen Sprache, aber auch die Alliierten wissen, dass mit dem Kampf um Bagdad, der Krieg in seine entscheidende und gefährlichste Phase geht.

"Greife Städte nur an, wenn es keine Alternative gibt", schrieb der Kriegsanalytiker Sun Tzu bereits 500 vor Christus. 1992 erfuhren die Amerikaner, was ihnen im Falle einer "urban warfare" drohen kann. Über Mogadischu in Somalia wurden bei einer Kommandoaktion zwei Helikopter der US-Rangers abgeschossen. Die nackten Leichen der Elitesoldaten wurden vor laufenden Kameras durch die Straßen geschleift. Die US-Truppen zogen aus Somalia ab. In dem Hollywood-Streifen Black Hawk Down wurde dieses Scheitern noch jüngst für eine breite Öffentlichkeit nachgezeichnet.

Die baldige Kapitulation des Regimes von Saddam Hussein scheint "nicht wahrscheinlich", sagte eine Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums. Doch genau das wäre der vermutlich einzige Weg, um eine Entscheidungsschlacht um Bagdad zu vermeiden. Zur Zeit versuchen die Alliierten, mit Bomben und Artilleriebeschuss die Republikanische Garde aufzureiben und mit Sonderoperationen Saddam Hussein und seinen Machtzirkel zu töten: Bisher vergeblich.

Seit Monaten suchen die Amerikaner nach einer Strategie, um Bagdad einzunehmen. Doch fast jedes Szenario schließt hohe eigene Verluste ein. Deshalb ist es nicht überraschend, dass die Offensive gegen die irakische Hauptstadt nun mit einer Abriegelung und Isolation der Stadt beginnt.

Bagdad wird zum Kessel

Die USA versuchen einen Kessel zu schaffen und den Druck zu erhöhen. Durch den Stromausfall bricht in der Hauptstadt auch sofort die Wasserversorgung zuammen. Die Bevölkerung - rund fünf Millionen Menschen - soll so zum Widerstand gegen das Regime aufgestachelt werden. Ein zynisches Kalkül - vorerst sollen nur die Iraker selbst ihr Leben riskieren gegen die in der Stadt verschanzten Kämpfer Husseins.

Ein wichtiges taktisches Element ist der Einsatz von kleinen Kommandoeinheiten für schnelle, gezielte Aufträge. Etwa das Ausheben von Lagern mit Massenvernichtungswaffen. Ob die Infanterie oder Panzerbataillone des Invasionsheeres bei einem "klassischen" Angriff auf die Stadt eingesetzt werden, darüber schweigen sich die Militärstrategen aus. In einer Studie des US-Generalstabs vom September über den Stadtkampf heißt es: "Dies ist die schwierigste und verlustreichste Kampfform" - für die Verteidiger, Angreifer und Zivilbevölkerung in der Geschichte immer einen fürchterlichen Preis bezahlt hätten. Experten schätzen mit Verlusten auf Seiten des Invasionsheeres von rund einem Drittel. Das würde in der US-Öffentlichkeit kaum akzeptiert.

Hilfe aus Israel

Ironischerweise haben sich zur Vorbereitung auf die Straßenschlachten die Amerikaner von Israel über den Einsatz im Gazastreifen und Westjordanland informieren lassen - inklusive Videoaufzeichnungen. Martin Van Greveld, Professor für Militärstrategie an der Jerusalemer Hebräischen Universität, sagte den Amerikanern, bei dem Kampf im Flüchtlingslager Dschenin im vergangenen Jahr hätten sich speziell gepanzerte Planierraupen als effektivste Waffen erwiesen.

Die Bulldozer vom Typ D9 hätte Schneisen in das Lager geschlagen, durch die dann Panzer nachrücken konnten. Von Hubschraubereinsätzen riet er ab; sie seien leichte Ziele. Nach seinen Angaben haben die Amerikaner neun der Spezialraupen vom israelischen Heer gekauft. Für Saddam Hussein und die arabische Welt ist das nur ein weiterer Beweis dafür, dass es sich beim Irak-Krieg um eine "zionistische Aggression" handele.

Angriff: Truppen vor dem Flughafen
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Angriff: Truppen vor dem Flughafen

Anthony Cordesman, ein Verteidigungsexperte vom Washingtoner Zentrum für Strategische und Internationale Studien, glaubt, dass in der irakischen Hauptstadt längst ein "stilles Duell" tobt. Die USA versuchten anhand von Fotos, Funk- und Elektrosignalen Schlüsselziele in Bagdad auszumachen und für Bombenangriffe zu markieren. Der Irak hingegen lege Köder aus oder täusche mit anderen Mitteln. "Die Iraker wollen uns in die Stadt ziehen", sagte Brigadegeneral Vincent Brooks auf dem Stützpunkt des US-Zentralkommandos in Katar. Denn in der Stadt ist es vorbei mit der technischen Überlegenheit der Angreifer.

Noch ist alles Vorbereitung. Das größte Hindernis beim Vorrücken des Invasionsheeres auf Bagdad könnte der Einsatz chemischer oder biologischer Waffen durch Saddam Hussein sein. Pentagon-Mitarbeiter wiederholten, das Risiko steige, je näher die Truppen vorrückten. Bei einem Chemie- oder Biowaffenangriff könnte laut Cordesman die irakische Luftwaffe eingesetzt werden. Bisher stieg kein einziges Flugzeug auf. "Saddam Hussein könnte die Maschinen für ein letztes Aufbäumen mit Selbstmordattentätern und Massenvernichtungswaffen aufbewahrt haben", schrieb er in einer Analyse.

Saddams Elitekämpfer warten in Bagdad

Die besten irakischen Soldaten warten erst hinter dem ersten Verteidigungsgürtel auf das Invasionsheer: In Bagdad befehligt Kusai Hussein, Saddams Sohn, die Spezielle Republikanische Garde.

"Wir erwarten nicht, dass wir plötzlich in Bagdad einmarschieren und es im Handstreich einnehmen", versicherte US-General Stanley McChrystal im Pentagon. Denn die große Unbekannte ist der Empfang durch die Fünf-Millionen-Stadt selbst. "Bagdad ist der Schlüssel", stellte der Stabschef der US-Luftwaffe zur Zeit des Golfkrieges 1991, Merrill McPeak, fest. "Ob wir mit Blumen oder mit Granaten empfangen werden, wird in den kommenden Tagen über Erfolg oder Fehlschlag entscheiden."

Bei den heftigen Kämpfen vor Bagdad wurden nach US-Angaben zwar zwei Divisionen der Republikanischen Garde aufgerieben. Es sind jedoch relativ wenig Soldaten in Gefangenschaft geraten. Daher fürchten die Amerikaner, dass sich die Gegner in die Stadt zurückgezogen haben oder sich in kleine Gruppen aufgelöst haben und der Truppe mit Guerillaaktionen in den Rücken fallen. Iraks Verteidigungsminister Sultan Haschem Achmed hat bereits einen verstärkten Guerilla-Krieg angekündigt. Angeblich seien seit Kriegsbeginn 4.000 Freiwillige aus den arabischen Nachbarländern im Irak eingetroffen, die zu Selbstmordanschlägen entschlossen seien.

Hinter jeder Ecke lauert Gefahr

Zu den weiteren Kräften der Verteidiger Bagdads gehören die Republikanische Sondergarde, deren leichte Infanterie in der Stadt selbst stationiert ist. Ihre Truppenstärke umfasste vor Kriegsbeginn 10.000 bis 15.000 Mann. Ebenfalls in Bagdad befinden sich die meisten der 6.000 bis 8.000 Kämpfer des brutalen Inlandsgeheimdienstes SSO und bewaffnete Baath-Parteimitglieder, die in einer Art Blockwartsystem jedes Wohnviertel durchsetzen. Sie tragen alle keine Uniform und sind bisher damit beauftragt mögliche Aufstände der Zivilbevölkerung gegen Saddam zu unterdrücken.

Heftiger Widerstand bis hin zum Häuserkampf ist schließlich von rund 25.000 Kämpfern der Fedajin zu erwarten, die schon an den Fronten im Süden mit einer Guerillataktik gegen Amerikaner und Briten vorgegangen sind. Rechnen müssen die Angreifer auch mit Sprengfallen und bewaffneten Zivilisten hinter jedem Fenster und jeder Häuserecke und vermutlich auch im Untergrund - angeblich verfügt Hussein über ein umfangreiches Bunker- und Tunnelsystem in Bagdad.

Sicher ist bisher nur, dass beim Kampf um Bagdad die Zivilbevölkerung schwer betroffen sein wird. Hussein wird die fünf Millionen Einwohner zwingen, in Bagdad zu bleiben - als sein größtes menschliches Schutzschild. Er braucht immer nur wenige Kämpfer in einem zivilen Wohngebiet unterzubringen und zwingt die Angreifer damit zu folgenschweren Entscheidungen: Häuserkampf mit Mann gegen Mann und hohen eigenen Verlusten. Oder schwere Waffen aus der Distanz gegen jedes Haus, in dem ein Sniper vermutet wird - mit tausenden toten Zivilisten.

"Vernichtendes Debakel"

Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Knut Ipsen warnte bereits, wenn es in Bagdad zu einer längeren Belagerung mit Häuserkämpfen oder auch Flächenbombardements komme, könnten Organisationen wie das Rote Kreuz keine wirksame Hilfe leisten. Es werde unter solchen Umständen unmöglich sein, von außen dringend benötigte Verstärkung humanitärer Hilfe heranzuführen: "Es droht eine absolute Katastrophe". Ebenso fatal wäre es nach seinen Worten für die Hilfsorganisationen, wenn der Irak chemische oder biologische Waffen einsetzen würde. Für die Bedingungen eines solchen Kampfes wäre das Rote Kreuz nicht gerüstet.

Auch in den USA geht die Angst um. Die "New York Times" warnt vor verfrühten Triumphgefühlen: "Vor den Truppen liegen noch einige weitere irakische Divisionen, die allgegenwärtige Angst vor chemischen Waffen und die Aussicht auf einen Häuserkampf in Bagdad - ein Unternehmen, das größtes Geschick erfordern wird, damit es nicht ein vernichtendes Debakel wird."



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