Der Wandel des George W. Vom Cowboy zum Staatsmann - und zurück

Bei Amtsantritt umstritten und verspottet, stieg George W. Bush nach dem 11. September vom Provinzclown zum Präsidenten der Herzen und zum anerkannten Staatsmann auf. Ein Jahr später sind seine ruhmreichen Tage schon wieder vorbei.

Von Steven Geyer, Washington


Bush, New Yorker Feuerwehrmann (am 14.9.2001): "In diesem Augenblick zum Präsidenten Amerikas geworden"
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Bush, New Yorker Feuerwehrmann (am 14.9.2001): "In diesem Augenblick zum Präsidenten Amerikas geworden"

Washington - Wer hatte das gedacht: Plötzlich stand er da auf dem Feuerwehrauto, das sie aus den Trümmern des "Ground Zero" gezogen hatten, und sagte genau das Richtige. In der einen Hand das Megaphon, im anderen Arm den pensionierten Feuerwehrmann Bob Beckwith, lässig in eine graue Windjacke gekleidet, war US-Präsident George W. Bush drei Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September nach New York gekommen, um den Opfern, deren Angehörigen und den Helfern Respekt zu zollen. Und dann, ganz unerwartet, wurde, was als Kamera-Termin mit klatschenden Feuerwehrleuten und mit einigen auswendig gelernten Präsidentenworten begann, zur Sternstunde Bushs.

Als es aus der staubbedeckten Menge trotz Bushs Megaphon heißt, "Ich kann Sie nicht hören!", wirft sich Bush auf einmal in Siegerpose und ruft: "Aber ich kann EUCH hören. Und der Rest der Welt hört euch! Und die Leute, die diese Gebäude zum Einsturz gebracht haben, werden sehr bald von uns allen hören!" Spontan brachen "USA! USA!"-Sprechchöre los, Bush strahlte mit erhobener Faust in die Kameras, und die FoxNews-Kommentatorin sagte später: "In diesem Augenblick ist George Bush junior zum Präsidenten Amerikas geworden."

"Niemandem in der Nation hat der 11. September wohl mehr geholfen als dem 43. Präsidenten", heißt es nun, ein Jahr später, im amerikanischen "Time"-Magazine. Die Terroranschläge gaben der ziellosen Präsidentschaft einen historischen Auftrag - und nicht zuletzt Zustimmung im Volke, wie er sie sonst nie gewonnen hätte. Bush startete als der schwächste amerikanische Präsident seit der Jahrhundert-Wende, als der "Zufalls-Präsident", der sein Mandat weniger den Wählern als dem Supreme Court verdankte. Denn der hatte Ende 2000 mit knapper Mehrheit beschlossen, die umstrittenen Wahlzettel in Florida nicht nachzählen zu lassen. Fast die Hälfte der Amerikaner bestritt damals, dass Bush der rechtmäßig gewählte Präsidenten ist.

Der Präsident als Witzfigur

Nicht besser war es um den Ruf des Präsidenten bestellt: Vielen galt "Dubbeljuh" als Witzfigur. Im Wahlkampf war er vor allem durch peinliche Versprecher ("Missunterschätzen Sie mich nicht!"), sinnloses Geplapper ("Fisch und Mensch können friedlich koexistieren.") und alberne Clownereien aufgefallen. Schließlich zerstörte eine Bush-Biografie von texanischen Journalisten auch noch "das am weitesten verbreitete Missverständnis über George W., nämlich dass er die letzten sechs Jahre einen großen Bundesstaat geführt hat". Tatsächlich sei er vor allem fürs Reden und Repräsentation zuständig gewesen.

Umstrittene Präsidentenwahl: "Zufalls-Präsident" von Gnaden des Supreme Court
News.com

Umstrittene Präsidentenwahl: "Zufalls-Präsident" von Gnaden des Supreme Court

Das konnte er auch am besten. "Was Wahlkämpfe und die Mobilisierung seiner Anhänger angeht, darf man Bush nicht unterschätzen", sagt der Washingtoner Publizist Norman Birnbaum. "Als er zum ersten Mal Gouverneur von Texas wurde, hat er mit Ann Richards eine beliebte Gouverneurin geschlagen, bei seiner Wiederwahl schaffte er die größte Mehrheit in der Geschichte des Bundesstaates, und auch Gore war ein starker Gegner."

Kaum im Weißen Haus, hatte er jedoch sein Versprechen vergessen, "Präsident aller Amerikaner" zu werden. Der Industrie, die für seinen Wahlkampf 146 Million Dollar springen lassen hatte, machte er umgehend Dankesgeschenke: Gelockerte Gesetze gegen Arsen im Grundwasser an den Bergbau, Pläne für Ölbohrungen in Nationalparks an die Petroleum-Riesen und Steuerentlastungen für alle. Alle Besserverdiener.

Politisch versuchte Bush gar nicht erst, seine stark konservative Grundhaltung zu verstecken. Sein Kabinett wurde - vor allem wegen republikanischen Hardlinern wie Justizminister John Ashcroft, Sozialminister Tommy Thompson und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld - ebenso rechtslastig wie seine Familien- und Sozialpolitik. "Von Beginn der Bush-Regierung, aber besonders seit dem 11. September, haben sich Rhetorik und Handeln des Präsidenten beinahe um 180 Grad von der Bescheidenheit und den regelmäßigen Absprachen abgewendet, die er als Kandidat versprochen hatte", bilanzierte die "Washington Post" am vergangenen Wochenende.

Keine Ahnung, keine Rücksicht

Noch schlimmer führte sich Bush auf internationaler Bühne auf. Vor allem in Europa fürchteten viele nach seinem Wahlsieg, dass mit dem selbst erklärten Lesemuffel ("am wenigsten lange Bücher über Politik"), und Rekordhalter bei Todesurteilen ein unerfahrener Cowboy ins Weiße Haus einzieht, der außenpolitisch weder Ahnung hat noch Rücksicht nimmt.

Genau diesen Eindruck schien Bush zunächst bestätigen zu wollen. Um sein Raketenabwehrsystem installieren zu können - das die meisten europäischen Verbündeten ablehnten -, erklärte er den russisch-amerikanischen ABM-Vertrag für hinfällig. Nach der Enttarnung eines russischen Agenten schickte er im Februar 50 Diplomaten zurück nach Moskau und sorgte so für weitere Abkühlung im Verhältnis zum Kreml. Kurz zuvor bombardierten Briten und Amerikaner Radarstellungen im Irak - ohne Vorwarnung an die Nato.

Anschließend brüskierte Bush die Chinesen, die er zum "strategischen Konkurrenten" erklärt hatte, indem er Waffen an Taiwan verkaufte. Und Europa schockierte Bush im April 2001, als er die US-Unterschrift unter dem Klimaschutzabkommen von Kyoto zurückzog, weil Schadstoffreduzierung der US-Wirtschaft schadeten. "Geschah das aus Unerfahrenheit", fragte sich der Ex-Uno-Botschafter der USA, Richard Holbrooke, "oder war es ein bewusster Affront? Ich weiß es nicht." Dass brachialer Umgang zum neuen Stil amerikanischer Außenpolitik werden würde, bezweifelte Holbrooke damals jedenfalls.

Ex-Bürgermeister Guiliani: Stimme Amerikas an Stelle des Präsidenten
EPA/DPA

Ex-Bürgermeister Guiliani: Stimme Amerikas an Stelle des Präsidenten

Bush erfuhr von den Anschlägen in New York, als er mal wieder zum Schwätzchen mit Fototermin unterwegs war, diesmal in einer Grundschule in Florida. Anschließend flog er kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten, weil Alarm für das Weiße Haus herrschte - die entführte Maschine, die dann in Shanksville zerbarst, sollte vermutlich am Präsidentensitz oder im Capitol zerschellen. Währenddessen wurde New Yorks Bürgermeister Rudi Giuliani schon zur Stimme Amerikas: Er fand die richtigen Worte, er wirkte gefasst und souverän im Schock der Ereignisse.

Bushs erste TV-Ansprache am Abend des 11. September klang nach der üblichen "aufgeschriebenen Rhetorik von den Alliterations-Satzbauern, die hübsche Worte in seinen Mund stecken", wie die "New York Times" abschätzig kommentierte. Dann griff der Präsident auch noch zu seinem berüchtigten Saloon-Jargon: Er wolle den Hauptverdächtigen Osama Bin Laden "tot oder lebendig". "Seine Berater, vor allem Vizepräsident Dick Cheney und Außenminister Colin Powell, wirkten gefasster und selbstsicherer", urteilte die Londoner "Financial Times".

Bushs einfache Moral war genau, was Amerika brauchte

Doch die Amerikaner verziehen Bush. Spätestens nach dem beherzten Spontanauftritt im Schutt der Zwillingstürme fragte für lange Zeit niemand mehr, wo denn am 11. September bitteschön die allmächtigen US-Geheimdienste waren und ob die Regierung ihr Volk ernsthaft zu schützen vermochte. Eine Welle des Patriotismus erfasste das Land, plötzlich war der linkische, wortschwache Bush ein überaus populärer Präsident.

"Privat ruhig und bestimmt, in der Öffentlichkeit warm und würdevoll, wächst Bush an den Folgen des Terrors," schwärmte "Newsweek" nach den Anschlägen. Wieder einmal, hieß es, übertreffe Bush alle Erwartungen und lerne unter Hochdruck. Und "Time" befand, nun, da Bush nicht mehr auf seine PR-Berater höre, sondern auf seine Gefühle, "ist er der Führer geworden, den wir brauchen". Beide Hefte schrieben über ihre Artikel: "Ein Präsident findet seine (wahre) Stimme."

Bush kam endlich das zu Gute, was viele zuvor als seine Schwäche ansahen: Dass er für Festreden und Repräsentation besser tauge als fürs tatsächliche Regieren. "Auf einmal war die einfache moralische Klarheit, auf die er die meisten Fragen reduzierte, genau das, was die Amerikaner brauchten", erklärt ein Bush-Protraitist in der aktuellen Ausgabe von "Time".

US-Botschaft in Berlin im September 2001: Spontane Solidarität
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US-Botschaft in Berlin im September 2001: Spontane Solidarität

Die Opposition war bis in den Frühsommer lahm gelegt. Ende September 2001 winkte der Kongress Bushs "U.S. Patriotengesetz" durch, schränkte damit etliche Bürgerrechte ein und gab einen guten Teil der eigenen Macht an die Regierung ab.

Bush erntete derweil Beliebtheitsraten bis zu 82 Prozent. Der letzte Präsident, der je so beliebt war, war Franklin D. Roosevelt - nach dem Angriff auf Pearl Harbor am 6. Dezember 1941, der die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg zog. "In Krisenzeiten ist die Unterstützung für den Präsidenten immer sehr groß", sagt Robert Livingston vom German Historical Institute in Washington. "Und der 11. September war der größte Schock seit vielen Jahrzehnten."

Die stärkste Weltmacht seit dem antiken Rom, militärisch unbesiegbar, gedemütigt durch 19 Attentäter, bewaffnet mit Teppichmessern und Rasierklingen - und das auf eigenem Boden, ohne dass die großmächtigen Geheimdienste ihnen auf die Spur gekommen wären: Aus der Trauer um die Opfer erwuchs ein unbändiger Zorn, den Bush, erstaunlich umsichtig, in Politik umsetzte, die er seine "neue Doktrin" nannte: Krieg gegen die Terroristen und die Länder, die ihnen Zuflucht bieten.

Europas neu entdeckte Bush-Begeisterung

Auch das Ausland reagierte schnell und emotional. Ums Brandenburger Tor versammelten sich 200.000 Berliner, um den Opfern zu gedenken. An den US-Botschaften in ganz Europa wurden Blumen niedergelegt. "Wir sind alle Amerikaner", schrieb die französische Zeitung "Le Monde".

Die Staatschefs zogen nach: Schröder, eben noch absichtlich von Bush in Sachen Kyoto vorgeführt, erklärte sich "uneingeschränkt" solidarisch. Großbritanniens Premier Tony Blair, enger Freund Bill Clintons und gegenüber Bush zunächst auf Distanz, ist mittlerweile dessen treuester Verbündeter. Wladimir Putin durfte Bush auf seiner Ranch in Texas besuchen, die befürchtete Eiszeit zwischen der konkurrenzlosen Supermacht Amerika und Russland, dem Resteverwerter der verblichenen Weltmacht Sowjetunion, blieb aus.

"Dass Bush trotz ABM-Auflösung und Afghanistankrieg Russlands Westintegration vorantreiben konnte, muss man als seinen Erfolg anerkennen", sagt Livingston. "Als weiteren Erfolg kann man den Krieg in Afghanistan sehen, den viele in Europa ja schon zu einem zweiten Vietnam beschworen hatten. Vor allem hat Bush sehr geschickt seine weltweite Anti-Terror-Allianz aufgebaut." Bei seiner Kongress-Rede am 20. September, der Einstimmung der Nation auf den Krieg, gab sich Bush besonnen, aber nicht schwach, international orientiert, doch der amerikanischen Gemütslage "Amerika zuerst" angemessen.

Wann die Stimmung wieder begann umzukippen, lässt sich ziemlich genau ausmachen.



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