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Gaddafi-Clan im Exil: Wilde Flucht aus Libyen

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Despoten-Familie auf der Flucht Wo sich die letzten Gaddafis verstecken

Muammar al-Gaddafi ist tot, sein Regime zerschlagen. Für den superreichen Clan des libyschen Ex-Diktators bedeutet dies: ein Leben auf der Flucht. Zwei Söhne sind komplett abgetaucht, Tochter, Frau und andere Söhne konnten sich ins Ausland retten - zum Teil unter spektakulären Umständen.

Es sind verstörende Bilder aus den letzten Stunden Mutassim Billah al-Gaddafis. Einst war er einer der am meisten gefürchteten Männer Libyens. Nun sitzt der viertälteste Sohn von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi auf einer schmutzigen Matratze. Sein Haar steht wirr vom Kopf ab, die Kleidung hängt ihm in Fetzen vom Körper. Er ist umringt von bewaffneten Rebellen. Mutassim nimmt Schlucke aus einer Wasserflasche, raucht eine Zigarette. Vielleicht war es seine letzte - wenige Stunden später ist er tot. Auch die Aufnahmen des Leichnams kursieren im Internet, in seinem Oberkörper klafft eine große Schusswunde.

Die Aufnahmen entstanden in der Hafenstadt Sirt, dem Geburtsort seines Vaters - der wenig entfernt am selben Tag starb. Es sind verwackelte Dokumentationen des Niedergangs der Gaddafis: Einst waren sie ein märchenhaft reicher Herrscher-Clan. Wer von ihnen jetzt noch am Leben ist, lebt auf der Flucht.

Über das Schicksal der anderen Kinder und der Ehefrau von Muammar al-Gaddafi existieren unterschiedlich konkrete Angaben, auch der Verbleib des Milliardenvermögens der Familie ist nicht abschließend geklärt. Mit großer Wahrscheinlichkeit lässt sich jedoch sagen, dass der Ehefrau, vier Söhnen und der einzigen Tochter Gaddafis die Flucht gelang.

  • Saif al-Islam al-Gaddafi: Der 39-Jährige galt als designierter Nachfolger seines Vaters - und gilt jetzt als meist gesuchter Mann Libyens. Über seinen Aufenthaltsort gibt es widersprüchliche Informationen. Am Montagabend meldete der Nationale Übergangsrat, Saif al-Islam befinde sich in der Wüste im Grenzgebiet zum Niger, seine Getreuen würden versuchen, einen Grenzübertritt zu organisieren. Allerdings haben sich Berichte über seinen Aufenthaltsort immer wieder als falsch herausgestellt. Gleiches gilt für Saif al-Islams Gesundheitszustand. Nach dem Rebellensturm auf Sirt kursierte das Gerücht, er sei im Kugelhagel gestorben. Wenig später folgte ein Dementi - und die Meldung seiner Festnahme. Der Zugriff soll, je nach Quelle, in den Städten Bani Walid, Slitan oder Nessma erfolgt sein, belegt ist er bisher jedoch nicht. Immer wieder berichten Informanten aus Rebellenkreisen außerdem von schweren Verletzungen, die Saif bei seiner Flucht erlitten habe. Er soll in den Rücken geschossen worden sein, andere Quellen berichten sogar vom Verlust beider Arme. Sollte Saif al-Islam, den Interpol mit Haftbefehl sucht, noch auf der Flucht sein, gilt Niger tatsächlich als sein wahrscheinlichstes Ziel.

  • In das südliche Nachbarland hat sich auch Saadi al-Gaddafi abgesetzt - sehr zum Ärger der libyschen Übergangsregierung. Mit einer achtköpfigen Begleitergruppe überquerte Saadi laut "Washington Post" am 11. September 2011 die Grenze und soll sich seitdem in Gewahrsam der nigrischen Behörden befinden. Eine Auslieferung nach Libyen ist bisher aber nicht geplant. Der ehemalige Fußballprofi hatte zuletzt für Verhandlungen zwischen dem Regime seines Vaters und den Rebellen geworben, allerdings ohne Erfolg.

Gleich vier Mitglieder des Gaddafi-Clans hatten sich unmittelbar nach dem Fall von Tripolis Ende August nach Algerien abgesetzt. Das Nachbarland hatte dem Regime des Ex-Diktators bis zum Schluss die Treue gehalten - und seiner Familie Asyl gewährt. Doch schon bald könnte die Odyssee der Gaddafis weitergehen. Laut der algerischen Tageszeitung "Schoruk" will Algier das Quartett samt Entourage ausweisen. Ziel soll ein noch unbekannter Golfstaat sein. An geheimen Orten in Algerien verstecken sich:

  • Safia al-Gaddafi, zweite Frau des früheren Machthabers und Mutter von sieben seiner Kinder. Seit 1970 war Gaddafi mit der früheren Krankenschwester verheiratet gewesen, beide hatten sich angeblich nach einer Blinddarmoperation des Revolutionsführers kennengelernt. Aus dem Exil forderte sie zuletzt eine unabhängige Untersuchung der Umstände, die zum Tod ihres Ehemanns geführt hatten. Diese Forderung will die libysche Übergangsregierung nun offenbar erfüllen.

  • In dem Konvoi aus sechs gepanzerten Limousinen, der am Morgen des 29. August die libysche Grenze zu Algerien überquerte, soll sich außerdem Mohammed al-Gaddafi befunden haben. Das einzige Kind des getöteten Diktators mit seiner ersten Ehefrau Chairija al-Nuri hatte zuletzt das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen geleitet. Außerdem stand er dem Nationalen Olympischen Komitee vor. Wie auch den anderen Flüchtlingen wurde ihm aus "humanitären Gründen" Asyl gewährt, wie der algerische Uno-Vertreter der "New York Times" sagte.

  • Auch Hannibal al-Gaddafi versteckt sich an einem unbekannten Ort in Algerien. 1977 geboren, machte er in der Vergangenheit vor allem mit Gewaltausbrüchen auf sich aufmerksam, die zu diplomatischen Verwicklungen führten. So hatte er 2005 seine schwangere Freundin in Paris verprügelt. Drei Jahre später wurde er in der Schweiz verhaftet, weil er Hotelpersonal misshandelt haben soll. Erst nach Zahlung von 500.000 Franken Kaution kam er frei und setzte sich in sein Heimatland ab.

  • Für Aischa al-Gaddafi geriet die Flucht nach Algerien offenbar noch dramatischer, als für ihrer Familienangehörigen: Die einzige Tochter Gaddafis soll nahe der Grenze ein Kind zur Welt gebracht haben. Bestätigt ist dies bisher nicht. Die 35-Jährige, Spitzname "Claudia Schiffer Libyens", arbeitete vor allem als Strafverteidigerin - unter anderem im Prozess gegen den irakischen Ex-Diktator Saddam Hussein.

  • Mysteriös bleibt das Schicksal von Chamis al-Gaddafi, zweitjüngster Sohn Muammars. Der Anführer der gefürchteten Chamis-Spezialeinheit wurde bereits mehrfach für tot erklärt, zuletzt Ende August 2011. Bisher erwiesen sich diese Meldungen immer als falsch, auch dieses Mal fehlt die offizielle Bestätigung.

  • Kaum Informationen gibt es über Gaddafis Ex-Frau Chairija al-Nuri. Schon die Umstände ihrer Heirat mit Muammar al-Gaddafi 1969 sind unklar. Angeblich kannten sich die Eheleute vor der Hochzeit kaum, die Verbindung hielt nur sechs Monate. Ob die Offizierstochter noch am Leben ist und wo sie sich aufhält, ist vollkommen ungewiss.
  • Bereits im Mai 2011 war Saif al-Arab, geboren 1982, angeblich bei einem Nato-Bombenangriff umgekommen. Sein Tod könnte aber auch als Vorwand für sein Untertauchen genutzt worden sein.

Nach dem sicheren Tod Muammar al-Gaddafis und Mutassim Billahs sind also noch einige Mitglieder des engsten Familienkreises am Leben und auf der Flucht oder im Exil. Unbekannt ist, wie viel Geld sie vor ihrer Ausreise beiseite schaffen konnten. Durch die gewaltigen Ölvorkommen des Landes hatte der Clan ein enormes Vermögen angehäuft und auf Konten in der ganzen Welt verteilt.

Zwar haben viele westliche Staaten, darunter auch Deutschland und die Schweiz, zahlreiche Guthaben und Assets der Familie eingefroren. Das gesamte Ausmaß des Vermögens könnte bisherige Schätzungen jedoch weit übertreffen. Zuletzt hatte die "Washington Post" unter Berufung auf libysche Offizielle berichtet, die Gaddafis hätten über bis zu 200 Milliarden Dollar verfügt.

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