Merkel und Macron Gemeinsam den Kopf hingehalten

Nicht der Vertrag von Aachen, nicht der Festakt hinter verschlossenen Türen - es war ein gemeinsamer Auftritt Angela Merkels und Emmanuel Macrons vor Bürgern, der Hoffnung auf eine neu erstarkte Freundschaft weckte.

Angela Merkel und Emmanuel Macron in Aachen
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Angela Merkel und Emmanuel Macron in Aachen

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Das war doch mal was Neues: Französischer Präsident und deutsche Bundeskanzlerin, die sich gemeinsam den Fragen ihrer Bürger aus beiden Ländern stellen, live und ohne diplomatische Vorabsprachen. Und siehe da: Die deutsch-französische Freundschaft ist doch kein Phantom. Sie ist auch mehr als Händchenhalten über Gräbern.

Richtig neidisch ist die Kanzlerin, wenn sie mit dem Präsidenten auf Klimagipfel reist: "Du hast dann deine vielen Kernkraftwerke und ich meine vielen Kohlekraftwerke." Macron ist dagegen neidisch, weil man in Deutschland mit dem Rad viel besser Bahn fahren kann. Im Übrigen haben sich Frankreich und Deutschland bei den Rüstungsexporten nach Saudi-Arabien "gerade anders entschieden", sagt die Kanzlerin ganz offen. Also Merkel dagegen, und Macron dafür. "Was für ein Signal senden Sie damit der Welt?" fragt ein deutscher Diskussionsteilnehmer.

Das Signal könnte nicht klarer sein. Merkel und Macron stehen zusammen. Sie haben das noch nie so deutlich gemacht wie an diesem Tag in der Aula Carolina am Marktplatz von Aachen vor 70 Bürgern. Noch nie redeten sie so frei in der Öffentlichkeit miteinander, räumten offen ihre Differenzen ein, um dafür umso klarer ihren gemeinsamen Führungsanspruch deutlich zu machen. "Heute ist schon ein Tag, an dem wir beide Mut aufgebracht haben", sagte Merkel. Man durfte es ihr abnehmen.

Im Video: "Bedeutender Tag für die deutsch-französischen Beziehungen"

imago/ IPON

Es war dafür allerdings auch höchste Zeit. Kaum jemand schien sich noch für das Papier zu interessieren, das Kanzlerin und Präsident am Morgen unterschrieben haben. "Aachener Vertrag" nennt es sich, nach dem Beispiel des Élysée-Vertrags, mit dem sich am gleichen Tag vor 56 Jahren Präsident Charles de Gaulle und Kanzler Konrad Adenauer in die Geschichtsbücher eintrugen. Doch eine Wiederholung der Geschichte gibt es nicht: "Merkel und Macron zeichnen ohne Überzeugung", drückte die Titelzeile des konservativen Pariser Leitblatts "Figaro" am Morgen die weit verbreitete Skepsis aus. Und vor dem Rathaus in Aachen, wo der Vertrag unterschrieben wurde, gab es genauso viele Unterstützer mit blauen Luftballons wie Gegner in gelben Westen, die lautstark den Rücktritt Macrons und Merkels forderten. Die "Festversammlung", welche die Bundeskanzlerin begrüßte, fand in Wirklichkeit nur im geschlossenen Saal statt. Fast schon eine Schande für einen neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, der doch Sache der Völker sein soll.

Es ging am Ende nur gut, weil Merkel und Macron eine Schippe drauflegten. Was zähle, sagte die Kanzlerin, "ist der entscheidende Wille, ihn (den Vertrag - d. Red.) wirklich auch mit Leben zu füllen". Und fügte hinzu: "Ja, wir haben diesen unbedingten Willen. (...) Ich verpflichte mich dazu." In ähnlichem Sinn sprach Macron: "Unsere ehrgeizigen Ziele bieten den eigentlichen Schutz angesichts der neuen Bedrohungen von außerhalb Europas".

Ehrgeiz und Wille also. Und nicht nur den Status quo bewahren, wie es das neue Vertragswerk zuweilen zu suggerieren scheint. "In der Politik ist Stärke von entscheidender Bedeutung", zitiert ein neues Pariser Buch unter dem Titel "Die Kopflosigkeit der Welt" den alten Florentiner Machiavelli. Kanzlerin und Präsident, das war zu spüren, wollten diesem Rat in Aachen folgen. Stärke gegen die Kopflosigkeit zeigen. Mit einem neuen Vertragspapier allein konnte das schlecht gelingen. Aber durchaus, wenn man auf offener Bühne gemeinsam den Kopf hinhält. Hoffentlich werden Macron und Merkel noch an vielen Tagen dafür den Mut aufbringen.

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