Deutsch-indonesisches Medientreffen "Muslime sind emotionaler"

Indonesien gilt als Vorbildnation für den gemäßigten Islam - doch beim ersten Treffen deutscher und indonesischer Medienexperten sorgt das Reizthema Karikaturenstreit für Verständnisbarrieren. Vehement fordern die Muslime Extra-Respekt der westlichen Medien ein.


Jakarta - Deddy Mulyana entspricht eigentlich so gar nicht dem Klischee. Der Professor ist streng religiöser Muslim und Kommunikationswissenschaftler. Westliche Kollegen loben ihn als umgänglich und weltoffen, sein Wort gilt was, auch an Universitäten in den USA oder Deutschland. Nicht zuletzt deshalb ist der indonesische Gelehrte aus Bandung weit herumgekommen. Er kann seine Zuhörer fesseln und unterhalten, er führt gern ein lockeres Wort.

Dänische Zeitungen mit Mohammed-Karikaturen: "Einer muss die Presse kontrollieren"
DPA

Dänische Zeitungen mit Mohammed-Karikaturen: "Einer muss die Presse kontrollieren"

Doch davon ist wenig zu merken an diesem Nachmittag in Jakarta, von Verbindlichkeit und Spaß keine Spur. "Muslime sind emotionaler", sagt der Gelehrte, und verlangt kühn eine Portion Extra-Respekt der westlichen Medien: "Größere Einfühlsamkeit". Der Medienprofessor beklagt, dass die freie Presse bei der Darstellung des Islam "über den Rahmen hinausschießt" und nennt als Beispiel den Streit um die Mohammed-Karikaturen. "Einer muss die Presse kontrollieren", sagt er auch, und dass es "ein Nachteil der westlichen Presse" ist, "dass die davon ausgeht, dass die Menschenwürde überall gleich ist".

Mulyana spricht auf dem deutsch-indonesischen Mediendialog. Zum ersten Mal sind einige Dutzend Journalisten, Medienmacher und Wissenschaftler beider Länder zusammengekommen. Auf Einladung des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen und des Auswärtigen Amtes wollen sie diskutieren, wie "islamische Werte und demokratische Ideale zusammenpassen", insbesondere wenn es um Medienfreiheit geht. Und die Erwartungen sind hoch.

In Indonesien protestiert man ohne Blut

Ein deutsch-arabischer Dialog ist bereits in der zehnten Runde. Nun soll eine neuer Versuch gestartet werden mit der größten muslimischen Nation der Erde. Gut 88 Prozent der 220 Millionen Indonesier glauben an Allah und seinen Propheten Mohammed. Aber die indonesische Variante des Islam gilt als moderat und modern. Deswegen wird Indonesien im interkulturellen Dialog mit dem Westen gern als "leuchtendes Beispiel der Hoffnung" herausgestellt. Deshalb gilt gemäßigten islamischen Staaten wie Indonesien, Türkei oder auch Bangladesch die besondere Aufmerksamkeit des Westens.

Auch in der erst jungen indonesischen Demokratie, die sich 1998 von Suharto und seinem korrupten Regime befreite, gab es nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center Freudentänze auf den Straßen. Die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen führte der Präsident persönlich an. Aber es gab keine Ausschreitungen und kein Blutvergießen. Die Regierung bekennt sich, auf dem Papier, zu Pressefreiheit und demokratischen Grundwerten.

Martin Kobler, Kultur- und Kommunikationschef im Auswärtigen Amt, spricht deshalb von einer "sympathischen Ausprägung des Islam". Der ehemalige Botschafter in Kairo und Bagdad und Ex-Vertraute von Joschka Fischer sieht mit der jungen indonesischen Verfassung "alle Voraussetzungen gegeben, dass Religion mit Demokratie vereinbar" ist.

Doch Kobler ist zu klug und zu erfahren, um nach den Höflichkeitsritualen die Fragezeichen nicht gleich mit zu setzen. Er erinnert an einen Alltag im Islam, in der die Gesellschaft, also auch Politiker und Journalisten, ihre "Weisungen von einem höheren Wesen bekommt". Und er wirft die Frage auf, wie es um das "Verhältnis von Parlament und Gott" bestellt sein muss, "wenn Politiker Weisungen nicht vom Wähler bekommen, sondern von Gott". Die Antwort liefert er selbst: "Dann hat auch die islamische Gesellschaft ein Problem".

Westmedien "schreiben den Terrorismus hoch"

In diesen zwei Tagen des Dialogs haben dieses Problem erstmal die Gäste aus dem Westen, und zwar in schöner Regelmäßigkeit. Wenn aufgeklärte und kluge Muslime wie die international bekannte Frauenrechtlerin Siti Musdah Mulia zum Beispiel behaupten, Terrorismus im Namen des Islam werde durch Westmedien "aufgeblasen" und so erst hochgeschrieben.

Musdah Mulia war die erste promovierte Frau an der Staatlichen Islamischen Universität in Jakarta, voriges Jahr wurde die Professorin für ihren Einsatz um die Gleichberechtigung der Frauen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem in Washington. Jetzt verteidigt sie das islamische Kopftuch vehement: "Lasst doch die Menschen entscheiden".

Azyumardi Azra, Professor an der Islamischen Universität in Jakarta, assistiert, dass erst die Westmedien "die radikalen Kräfte großgezogen" hätten: "Das macht wütend", sagt er und fordert: "Die Denkweise im Westen braucht Korrekturen". Von "Rache" der Medien für den 11. September sprechen andere.

Der Westen gerät unter Generalverdacht

Der Dialog zwischen Deutschen und Indonesiern ist offen und kontrovers. Aber er ist auch begrenzt. Dass Dialog Geben und Nehmen ist in einem offenen Diskurs, auch das ist eine schmerzliche Realität für viele auf der muslimischen Seite. Und die Verständnisbarrieren sind hoch, meterhoch. Und zwar immer dann, wenn die Religion ins Spiel kommt.

Dann gerät der Westen, stellvertretend die Medien, unter Generalverdacht. Kommentatoren und Berichterstatter verstünden den Islam nicht, heißt es dann, wie auch? Sie hätten nicht "die richtigen islamischen Gelehrten" als Quellen. Nur: Wer sind sie, die Richtigen?

"Wer spricht für den Islam", wird der Ilmenauer Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Martin Löffelholz, später fragen und eine Antwort beisteuern, die zumindest den Indonesiern gefällt: "Möglicherweise diejenigen, die besonders laut sind und die deshalb gute Chancen haben, besonders wahrgenommen zu werden".

"Die Muslime sind nunmal so"

Das stärkt natürlich die Abwehrkräfte. Es fehlt im Westen an Respekt, an Rücksichtnahme, am rechten Einfühlungsvermögen, sagen die einen - Empathie ist das meistgebrauchte Wort in diesem Kulturaustausch. Teile der muslimischen Welt leben in einer Parallelwelt, sagen die anderen, die sich eigene Wahrheiten schafft, zum Beispiel über den Karikaturenstreit und seinen Auslöser, und die sich selbst Absolution erteilt: "Die Muslime sind nun mal so".

Aber es gibt sie auch, die neuen Medienmacher im Namen des Propheten. Die feststellen, dass Deddy Mulyana, der religiöse Gelehrte, "wenig über Journalismus weiß", wie Vize-Chefredakteur Hendry Bangun aus Jakarta kurz, aber bestimmt sagt. Oder wie Leo Batubara vom indonesischen Presserat, der kritisiert, dass viel Geld in Polizei oder Armee gesteckt wird, "aber niemand für eine gute Journalistenausbildung zahlt".

Das sind sie dann, die "interessanten Einsichten", sagt Löffelholz, die immerhin etwas Mut machen und vor allem eines unterstreichen: "Wir stehen erst am Anfang".



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.