Deutsch-Schweizer Verstimmung Grundrecht auf Masochismus

Die Deutschen nerven. Sie kommen in die Schweiz, schnappen sich die guten Jobs und die schönsten Häuser - und zum Dank schicken sie ihre Steuerfahnder. Wie es so weit kommen konnte? Die Eidgenossen sind einfach zu höflich, um sich zu wehren.
Von Christoph Grenacher
Schweizer beim Luzerner Jodelfestival: "Untertänigst, unterwürfig Hochdeutsch sprechen"

Schweizer beim Luzerner Jodelfestival: "Untertänigst, unterwürfig Hochdeutsch sprechen"

Foto: ? Michael Buholzer / Reuters/ REUTERS

Eigentlich ist die Schweiz an Zuwanderung gewöhnt. Seit die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden das Land im Jahr 1291 mit ihrem Schwur gründeten, wuchs der Kleinstaat stetig. Das Land legte nicht nur an Menschen und Boden tüchtig zu, sondern verstand es auch schon damals meisterlich, als Söldner aller Kriegsherren das eherne Gesetz der Schweizer Banken anzuwenden: Wer zahlt, kann haben. So bekamen die Habsburger ihr Fett weg und die Franzosen eins auf Mütze.

Und jetzt wären die Deutschen dran.

Denn die sind mitbeteiligt an einer enormen Zuwanderung, wegen der sich der Schweizer verstört die Augen reibt: Die Bevölkerungszahl nähert sich der magischen Grenze von acht Millionen. 1,68 Millionen davon, mehr als 20 Prozent, sind Ausländer. Im vergangenen Jahr wanderten 77.000 Menschen mehr in die Schweiz ein als aus. Daneben stehen die Fakten des realen Lebens: Schon 170.000 Arbeitslose, Tendenz steigend. Die Wirtschaft ist 2009 real um fast zwei Prozent geschrumpft. Die Prognosen sind so verhalten wie die Regierung, die ähnlich der schwarz-gelben Koalition in Deutschland ohne Handlungsprimat von Thema zu Thema tapst.

Über 40.000 Deutsche sind Grenzgänger, gut bezahlt und wohlgelitten, sie arbeiten in Basel oder im Kanton Aargau und fahren abends wieder heim - etwa nach Lörrach, wie der Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, Ottmar Hitzfeld.

Neuer Lebensmittelpunkt in saftigen Zonen

Doch seit die EU-Personenfreizügigkeit auch die Schweiz einschließt, haben auch Hessen, Holsteiner, Bremer, Berliner, Sauerländer, Bayern, Niedersachsen oder Hamburger die Schweiz entdeckt - und zwar nicht als Job-Hopper in den trostlosen Grenzgürteln, sondern als Lebensmittelpunkt in saftigen Zonen: Allein in Zürich leben mehr als zehn Prozent der insgesamt 250.000 Deutschen in der Schweiz. Klar dass die Nordlichter nach getaner Arbeit irgendwo wohnen müssen, essen, einkaufen, sich unterhalten.

Und so begann, wie kürzlich der Schweizer Co-Chef des Zürcher "Tages-Anzeigers" bedauerte, der Verdrängungskampf zwischen Deutschen und Schweizern bei der Balz: Sie "rivalisieren um dieselben Lebenspartner".

Sei's drum. Zürich als ausländisches Domizil, so meinte der Medienmann letztlich nicht ohne Stolz, sei im Unterschied zu früheren Einwanderergenerationen nicht in erster Linie wegen wirtschaftlicher Not das Ziel der Deutschen - sondern als Herzensangelegenheit: "Zürich scheint den Deutschen ans Herz gewachsen, weil es offenbar ideal verbindet, was sich Deutsche von einer Stadt wünschen: Weltoffenheit, dazu viele Arbeitsplätze für Hochqualifizierte, ein gutes kulturelles Angebot und die freie Natur gleich um die Ecke." Dazu verständnisvolle Einheimische, die - jüngst abendfüllendes Thema im nationalen TV - untertänigst und unterwürfig im Konjunktiv und Diminutiv Hochdeutsch radebrechen, damit der Große aus dem Norden sie auch wirklich versteht.

Wie deutsch ist Zürich?

Doch mit dem Verständnis ist es so eine Sache. Die rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei (SVP) warf unlängst deutschen Professoren an Schweizer Universitäten vor, sie würden durch Vetternwirtschaft ihren Einfluss mehren. Der Aufschrei im liberalen Lager war unüberhörbar, doch Roger Köppel, früher Schriftleiter der deutschen "Welt" und jetzt Verleger und Chefredaktor der Zürcher "Weltwoche", zog nach: "Der hohe Anteil deutscher Universitätsmitarbeiter kann ja nicht allein dadurch zu erklären sein, dass Deutschland die besten Akademiker der Welt produziert. Wahrscheinlicher ist das Gegenteil. Wären die deutschen Unis besser, hätten wir nicht so viele deutsche Professoren in der Schweiz."

Die Klatsche saß und - so ist zu mutmaßen - trieb den Zürcher "Tages-Anzeiger" Ende vergangener Woche zu einer sechsseitigen Eloge ("Der Deutsche, ein Mensch") und zur Organisation einer Podiumsdiskussion: "Wie deutsch ist Zürich?"

Schon ziemlich. Das Medienhaus Ringier jedenfalls lässt in der Chefredaktion des "Blick" zum Aufmischen der Schweizer Volksseele zwei alte Haudegen der deutschen "Bild"-Zeitung den Boulevard dirigieren. Das Deutsche-Thema hängen sie allerdings noch nicht allzu hoch, was einen Kolumnisten süffisant zur Frage veranlasste: "Gibt es ein Grundrecht auf Masochismus?"

Die Redaktoren des Tages-Anzeiger stellen sich mit dem Schmusekurs hinter den Chef ihres Unternehmens, der als Deutscher bei Bertelsmann das Verdrängungsgeschäft lernte und die Schweizer Medienlandschaft umpflügt wie einst Porsche-Chef Wiedeking mit seinem Trecker den eigenen Kartoffelacker.

Und dann platzte Wolfgang Schäuble in die mediale Charmeoffensive

Die mediale Charmeoffensive greift nur bedingt - und jetzt ist es erst recht zu spät: Wolfgang Schäuble und Angela Merkel haben Nordrhein-Westfalen ihren Segen zum Kauf geklauter Bankdaten für 2,5 Millionen Euro gegeben. Die Details zu 1500 Deutschen, die Millionensummen illegal in die Schweiz geschleust haben, reichen zur Entlarvung und sollen Millionen Euro in deutsche Steuerkassen spülen.

In der Schweiz wird darüber gezetert - wie einst auch in Liechtenstein, wo Fürst Hans-Adam II. zur Charakterdarstellung des Nachbarn "das vierte Reich" bemühte: Der Kauf gestohlener Kundendaten sei in der Schweiz verboten. Amtshilfe leiste die Schweiz nicht, wenn kriminell erworbene Informationen im Spiel seien, kabelte Finanzminister Hans-Rudolf Merz seinem Amtskollegen Schäuble. Die deutsche Absicht, wetterte SVP-Chef Toni Brunner, sei eine "Kriegserklärung" an die Schweiz. Völkerrechtliche Gegenmaßnahmen bei der Zuwanderung, den Grenzgängern und beim Landverkehr müssten geprüft werden.

Der Lärm wird rasch verhallen, und die Deutschen in Zürich werden Schweizer Wohnungssuchende weiterhin mit großzügigen Einstandszahlungen an den Vermieter ausstechen, mit ihrem auf Schweizer leicht arrogant wirkenden Auftritt die gutdotierten Jobs bekommen - und dann auch noch die unverdorbenen Schweizer Beautys oder knackige Bergbuben abschleppen.

Anständig und handzahm ist der Schweizer

Das nervt die Durchschnittsschweizer weit mehr als die Turbulenzen im politischen Betrieb. Selber Schuld: Die Schweizer haben es jahrelang verpasst, mal kräftig auf den Tisch zu hauen und den eigenen Standpunkt durchzusetzen - kleingewordene Opfer einer Konsenskultur, die jedwelche Ecken und Kanten glattpoliert und Respekt mit Duckmäusertum verwechselt.

Sogar so anständig und handzahm sind wir Schweizer inzwischen, dass sich die aggressive Werbung für die Themen der rechtspopulistischen SVP wie jüngst zur Minarett-Initiative schon ein Nordländer ausdenken musste. Wie infam: Da kriecht ein Deutscher zu Spionagezwecken in die Schweizer Volksseele - und trifft mit der Endoskopkamera exakt den Nerv helvetischer Befindlichkeit.

Das Beispiel zeigt: Die Deutschen in der Schweiz sind drauf und dran, hier die erste Geige zu spielen. Und die zweite. Und die dritte.

Das ist die wahre Kriegserklärung der Deutschen an das Alpenland Schweiz: Wir übernehmen hier.

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