Energie-Not in Pakistan Iran-Pipeline bringt deutsche Firma in Bedrängnis

Täglich Stromausfall in den Häusern, kein Gas zum Kochen, die Fabriken geschlossen: Pakistan leidet unter gigantischem Energiemangel. Eine deutsche Firma hat nun eine Leitung konstruiert, die das Problem mit iranischem Gas mildern soll. Doch das Projekt droht am Widerstand der USA zu scheitern.

Autoschlange in Islamabad: Menschen warten vor einer Gastankstelle
DPA

Autoschlange in Islamabad: Menschen warten vor einer Gastankstelle

Aus Lahore berichtet


Reifen brennen, auch Autos und Busse gehen in Flammen auf. Am Wochenende waren wieder Tausende Menschen auf der Straße, sie schimpften, manche randalierten. In mehreren Städten Pakistans ließen sie ihrer Wut freien Lauf. Denn 16 Stunden am Tag gibt es keinen Strom. An vielen Orten haben sie kein Gas, zum Kochen müssen sie Bäume fällen. Im ganzen Land stehen die Fabriken still, drei Tage die Woche, ebenso die gasbetriebenen Taxen.

Deshalb will Pakistan jetzt eine Gaspipeline bauen, die von der iranischen Grenze bis zur Stadt Nawabshah im Südosten führt. Dort soll das Gas in das landesweite Netz eingespeist und vor allem zur Stromerzeugung genutzt werden. Angedacht war das Projekt schon Mitte der neunziger Jahre, doch der akute Energiemangel hat die Planungen in den vergangenen Monaten beschleunigt.

Laut bilateralem Vertrag zwischen beiden Staaten muss die mehr als 1600 Kilometer lange und insgesamt etwa sieben Milliarden Dollar teure Pipeline Ende 2014 fertig sein. Iran hat den Bau schon begonnen, es fehlen die letzten 250 Kilometer bis zur Grenze. In Pakistan dagegen existiert die Leitung bislang nur auf dem Papier: ein 775 Kilometer langes Rohr, Durchmesser mehr als ein Meter, 350.000 Tonnen Stahl, Preis etwa 1,8 Milliarden Dollar. Gebaut ist noch nichts. Sollte die Pipeline nicht rechtzeitig fertig werden, ist Pakistan vertraglich verpflichtet, Strafzahlungen an Iran zu leisten.

"Größere Gefahr als Selbstmordanschläge"

Doch ob es je zum Bau kommt, ist fraglich. Seit Wochen drängen die USA Islamabad, auf den Import von Gas aus Iran zu verzichten. Iran ist wegen seiner angeblichen Bestrebungen, eine Atombombe zu bauen, international mit Sanktionen belegt. Und Pakistan, ein nicht ganz einfacher, aber wichtiger Anti-Terror-Partner, ist von milliardenschweren Finanzhilfen aus Washington abhängig. Unklar ist auch, wie die Pipeline finanziert werden soll. Chinesische Banken haben kürzlich abgewunken.

US-Außenministerin Hillary Clinton deutet an, auch Pakistan zu bestrafen, sollte es an dem Gasprojekt festhalten. Eine Iran-Pakistan-Pipeline sei "keine gute Idee", betont der US-Botschafter in Islamabad. Und Clintons Sprecherin Victoria Nuland sagt: "Wir fragen die Pakistaner, ob sie wirklich glauben, dass Iran ein zuverlässiger Partner ist." Man nehme die Energienöte Pakistans gleichwohl wahr und werde deshalb, "wie in der Vergangenheit", an der Erschließung anderer Energiequellen arbeiten.

Ausgerechnet ein deutsches Unternehmen gerät nun zwischen die Fronten. Die Münchner Firma ILF Beratende Ingenieure hat die Leitung auf pakistanischer Seite - im Joint Venture mit einer staatlichen einheimischen Firma - geplant, sie soll jetzt die Ausschreibung für den Bau vorbereiten und anschließend die Arbeiten überwachen. In der ILF-Zentrale ist man sich der politischen Brisanz dieses Projekts bewusst, auf der Website des Unternehmens taucht es nicht auf.

DER SPIEGEL
"Die Energieknappheit ist für Pakistan eine große Gefahr", warnt Anees ur-Rehman. "Viel größer als Selbstmordanschläge." Rehman ist Ingenieur, ein Deutscher mit pakistanischen Wurzeln. In der pakistanischen Millionenstadt Lahore leitet er das ILF-Büro. Dort hängt an der weißen Wand eine Karte vom Süden Pakistans, eine grüne Linie zeichnet den Verlauf der Pipeline nach.

Die Probleme würden noch zunehmen, sagt Rehman: Denn im Sommer lasse die Hitze die Reservoirs der Wasserkraftwerke austrocknen, gleichzeitig steige aber der Strombedarf an, weil jeder, der es sich leisten könne, die Klimaanlagen anschalte. Ein Volk von 180 Millionen Menschen ohne Strom und Gas - "das kann das Land destabilisieren".

Deutsche Ingenieure in Belutschistan

Den Zuschlag für das politisch heikle Projekt bekamen die Deutschen nach einer internationalen Ausschreibung im Jahr 2007. Aber wie es im Energiesektor üblich ist, traten Lobbyisten auf den Plan, manche warben für Flüssiggasimporte per Schiff, andere für den Abbau der Kohlevorkommen in der Wüste Thar im Osten Pakistans. Der Import von Gas aus Iran blieb auf der Strecke.

Erst im April 2011 lag der Vertrag zur Unterschrift vor. Seither reisen deutsche Ingenieure, Geologen und Sicherheitsleute in die Krisenprovinz Belutschistan und in die Nachbarprovinz Sindh, begutachten und vermessen die Strecke.

Um dem Projekt die politische Brisanz zu nehmen, gilt es bei ILF als rein pakistanisches Vorhaben. "Wir planen nur den Teil innerhalb Pakistans", sagt Rehman. "Das meiste ist flaches Land, überwiegend Wüste. Technisch ist das keine große Herausforderung." Schwierig werde es nur im bergigen Osten, wo zudem der Indus überquert werden müsse. Eine Variante weiter im Norden wurde wegen Sicherheitsbedenken verworfen, die jetzige Planung sieht einen Verlauf direkt entlang der Küstenautobahn vor.

Rehman sagt, das Projekt sei für ihn eine Herzensangelegenheit. Er hat in Pakistan studiert, bevor er als junger Mann über Umwege nach Deutschland kam. "Mein Herz schlägt für beide Länder, und ich möchte meinem Herkunftsland etwas zurückgeben. Bei den Energieproblemen, unter denen Pakistan leidet, wäre diese Pipeline im wahrsten Sinne eine Lebensader."

Islamabad hält am Bau der Leitung fest

Auch die Regierung in Islamabad sieht wenig Alternativen. "Die Unterversorgung ist jetzt schon so groß, dass wir weitere Energiequellen erschließen müssen", sagt ein Beamter im Energieministerium in Islamabad. "Wenn die Amerikaner uns dabei helfen, ist das gut. Aber auf die Iran-Pakistan-Pipeline können wir nicht verzichten. Selbst das Gas, das wir durch dieses Projekt erhalten, reicht nicht, um den Mangel zu kompensieren."

Was die Gasversorgung angehe, sagt der Beamte, seien echte Alternativen nicht in Sicht. "Immer wieder wird die sogenannte Tapi-Pipeline genannt, die Leitung von Turkmenistan durch Afghanistan nach Pakistan und weiter nach Indien", sagt er. Vor allem Turkmenistan fordert diese Lösung, um sein Gas verkaufen zu können. "Aber wer glaubt, dass bei der Sicherheitslage in Afghanistan jemand auch nur einen Meter baut?"

Die Zeit drängt, es muss schnell etwas geschehen, denn nach Angaben der Regierung in Islamabad fehlen dem Land derzeit Stromkapazitäten in Höhe von etwa 5500 Megawatt. Und da die Bevölkerung rasant wächst und immer mehr Menschen sich Elektrogeräte leisten können, wird der Mangel sich bis 2020 mehr als verdoppeln. "Wenn wir nichts tun, produzieren wir sozialen Sprengstoff", heißt es im Energieministerium. "Das wird uns um die Ohren fliegen."

Weil die Proteste schon jetzt zunehmen, will Pakistan die Pipeline trotz der Widerstände aus Washington bauen. Präsident und Premierminister betonen regelmäßig öffentlich ihre Entschlossenheit, an dem Projekt festzuhalten. "Was Energie angeht, kann Pakistan nicht wählerisch sein", sagt Außenministerin Hina Rabbani Khar.

Notfalls sei man sogar bereit, auf die Milliardenzahlungen aus den USA zu verzichten. "Im Vergleich zum Import von Flüssiggas per Schiff würde die Leitung uns etwa 1,2 Milliarden Dollar im Jahr ersparen", rechnet der Beamte vor. Das sei fast so viel wie die Finanzhilfe aus Washington.

Aber um die Hilfszahlungen nicht zu gefährden und die Regierung von US-Präsident Barack Obama nicht unnötig zu verärgern, will Islamabad den Bau nun vom Uno-Sicherheitsrat absichern lassen. "Die im Jahr 2010 beschlossenen Sanktionen gegen Iran, festgehalten in Resolution 1929, sind etwas vage formuliert", sagt der Beamte. "Um sicherzugehen, könnten wir um eine Klarstellung durch den Sicherheitsrat bitten. Es wäre schade, wenn dieses dringend nötige Projekt aus politischen Gründen eingestellt würde."

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DennisFfm 26.03.2012
1. pakistan
sagt sie können sich ihre geografie nicht auswählen. recht haben sie! sie sagen, sie wollen mit ihren nachbarn gute, nachhaltige beziehungen aufbauen bei denen beite seiten profitieren. gute strategie! pech nur, dass sie mit indien auf der einen seite einen alten nicht so guten freund, mit china einen neuen partner aber auch hungrigen riesen auf der anderen seite und mit afghanistan die amerikaner mit ihren ganz speziellen interessen haben. gerade die amerikaner aber sind weder auf langfristige beziehungen, noch auf nachhaltige und erst recht nicht auf gegenseiten nutzen aus. Pakistan wird als der hort des terrorismus bezeichnet, als unverantwortliche atommacht. Es soll auf seine gaszufuhr bis zu schweren wirtschaftlichen einbußen verzichten, schultert wesentliche teile des anti-terrorkampfes und wird regelmäßig für rückschläge verantwortlich gemacht. Pakistan ist etwa doppelt so groß wie deutschland und hat geschätzte 200 Millionen einwohner, ist weit entfernt davon unstabil zu sein und setzt mit einer regionalen außenpolitik auf seine nachbarn. Die handvoll westlichen länder, die versuchen dem iran, indien, china oder pakistan ihre innen und außenpolitik zu gunster der usa vorzuschreiben sollten sich langsam überlegen ob das so noch funktioniert. Saddam hussein und gaddafi bekommt man noch als böse verkauft. aber spätestens bei pakistans außenministerin geht das nicht mehr.
Simax 26.03.2012
2. Bauen Bauen Bauen
Zitat von sysopDER SPIEGELTäglich Stromausfall in den Häusern, kein Gas zum Kochen, die Fabriken geschlossen: Pakistan leidet unter gigantischem Energiemangel. Eine deutsche Firma hat nun eine Leitung konstruiert, die das Problem mit iranischem Gas mildern soll. Doch das Projekt droht am Widerstand der USA zu scheitern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822109,00.html
So einfach kann das sein. Abgesehen von den grottigen politischen Systemen in beiden Ländern - die Bekämpfung der Armut in Pakistans und der unsäglichen Madrassen geht auch über die Bekämpfung der Armut. Und hätte Hallyburton den Auftrag würde es das doppelte kosten und länger dauern.
pförtner 26.03.2012
3. Gut Beraten
Amerika ist gut beraten ,wenn es den Bau der Pipeline unterstützt! Es würde Parkistan so helfen und sein verhältnis zu Iran verbessern.
Schäfer 26.03.2012
4. Wo ist das Problem?
Zitat von sysopDER SPIEGELTäglich Stromausfall in den Häusern, kein Gas zum Kochen, die Fabriken geschlossen: Pakistan leidet unter gigantischem Energiemangel. Eine deutsche Firma hat nun eine Leitung konstruiert, die das Problem mit iranischem Gas mildern soll. Doch das Projekt droht am Widerstand der USA zu scheitern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,822109,00.html
Wenn Pakistan bereit ist, auf amerikanische Hilfszahlungen zu verzichten, sehe ich das Problem nicht. Der Boykottaufruf gegen den Iran ist doch nicht international verpflichtend. Die Globalisierung wurde doch deshalb geschaffen, um freien Handel weltweit zu ermöglichen, gerade wenn es Probleme zwischen zwei Staaten gibt.
Schäfer 26.03.2012
5. Interessen
Zitat von DennisFfmsagt sie können sich ihre geografie nicht auswählen. recht haben sie! sie sagen, sie wollen mit ihren nachbarn gute, nachhaltige beziehungen aufbauen bei denen beite seiten profitieren. gute strategie! pech nur, dass sie mit indien auf der einen seite einen alten nicht so guten freund, mit china einen neuen partner aber auch hungrigen riesen auf der anderen seite und mit afghanistan die amerikaner mit ihren ganz speziellen interessen haben. gerade die amerikaner aber sind weder auf langfristige beziehungen, noch auf nachhaltige und erst recht nicht auf gegenseiten nutzen aus. Pakistan wird als der hort des terrorismus bezeichnet, als unverantwortliche atommacht. Es soll auf seine gaszufuhr bis zu schweren wirtschaftlichen einbußen verzichten, schultert wesentliche teile des anti-terrorkampfes und wird regelmäßig für rückschläge verantwortlich gemacht. Pakistan ist etwa doppelt so groß wie deutschland und hat geschätzte 200 Millionen einwohner, ist weit entfernt davon unstabil zu sein und setzt mit einer regionalen außenpolitik auf seine nachbarn. Die handvoll westlichen länder, die versuchen dem iran, indien, china oder pakistan ihre innen und außenpolitik zu gunster der usa vorzuschreiben sollten sich langsam überlegen ob das so noch funktioniert. Saddam hussein und gaddafi bekommt man noch als böse verkauft. aber spätestens bei pakistans außenministerin geht das nicht mehr.
Es ist insbesondere nicht klar, womit bspw. ein Unterschied zu anderen armen Ländern gerechtfertigt werden könnte. Pakistan hat lt. Bericht die Möglichkeit, mit der Pipeline die amerikanischen Hilfszahlungen praktisch zu kompensieren. Andere erhalten von den USA überhaupt keine Hilfe, sondern sollen sich von vornherein am Schopf aus dem Sumpf ziehen. Ich sehe da vergleichbare Verhältnisse der Behandlung Bedürftiger innerhalb der USA. Die Pipeline sollte gebaut werden.
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