Deutsche Geiseln im Jemen Kidnapper fordern zwei Millionen Dollar Lösegeld

Gibt es jetzt Hoffnung für die im Jemen entführte deutsche Familie? Die Regierung des Landes verhandelt offenbar über einen Huthi-Rebellen mit den Entführern - die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zwei Millionen Dollar Lösegeld und Garantien verlangen. Doch der deutsche Krisenstab ist misstrauisch.

Berlin - Zur Sitte arabischer Regierungen gehört es, Gästen ein Geschenk zu machen. In der Regel wechseln teure Vasen den Besitzer, Gemälde oder Antiquitäten. Das Präsent, das der jemenitische Staatspräsident Ali Abdullah Salih seinem Gast, dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle (FDP), am Montag darbot, war freilich kein materielles: Salih verschenkte Hoffnung. Die Hoffnung, dass die deutsche Familie aus Sachsen, die seit dem 12. Juni 2009 entführt ist, bald freikommen könnte.

al-Qaida

Salih berichtete Westerwelle, dass es mittlerweile über Mittelsmänner einen Kontakt zu den Entführern gebe, dass die jemenitische Regierung den Aufenthaltsort der Geiseln kenne und nun mit den Verhandlungen beginne. Für den jemenitischen Premier, der angeblich erst zwei Stunden vor dem Westerwelle-Gespräch von den Neuigkeiten erfahren haben will, war es ein Gottesgeschenk: Die jemenitische Regierung steht international unter Druck, weil das Land als Operationsbasis benutzt und die Regierung auf Grund des Bürgerkriegs mit dem aufständischen Huthi-Stamm zunehmend die Kontrolle über den Jemen verliert. Die Hoffnung auf Freilassung der Geiseln verschafft Salih Spielraum auf der internationalen Bühne, die Verhandlungen sind ein Pfand, das der Präsident nun eingesetzt hat.

Salihs wohl gesetzten Worten folgten Taten: Dem deutschen Krisenstab teilten die Jemeniten mit, dass sie am Dienstag über einen Emmissär mit den Verhandlungen begonnen hätten. Vermittler soll laut jemenitischen Angaben ein Huthi-Rebell sein, die Gespräche finden angeblich rund um Saada im Norden statt. Die Geiseln sollen in einem Wadi in der Dschabbara-Region versteckt sein, etwa zweieinhalb Stunden von der jemenitisch-saudi-arabischen Grenze entfernt. Es ist ein Gebiet mit Palmenoasen, Tälern und Hügeln, schwer zu überschauen und von der Regierung nicht kontrolliert.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE beträgt die Lösegeldforderung zwei Millionen Dollar. Dazu verlangen die Kidnapper Straffreiheit, freies Geleit und die Zusicherung, nicht an Saudi-Arabien übergeben zu werden.

Deutscher Krisenstab reagiert zurückhaltend

Für Johannes H., seine Frau Sabine und die drei kleinen Kinder Lydia, Anna und Simon könnte es das Ende eines sechsmonatigen Alptraums werden. Die Familie war im Juni nach einem Ausflug in ein Wadi bei Saada verschwunden, Stunden später fanden die jemenitischen Behörden die Leichen von zwei ebenfalls verschleppten deutschen Krankenschwestern. Zu der Geiselgruppe gehört ein Brite, der wie Johannes H. im einzigen Krankenhaus der Provinzhauptstadt Saada arbeitete.

Die Reaktion des deutschen Krisenstabs auf das Gastgeschenk des Präsidenten fiel dennoch zurückhaltend aus. Bislang haben die Jemeniten keinen Beweis erbringen können, dass die Familie wirklich noch lebt. Das letzte Zeichen stammt aus dem September: Auf zwei der Regierung übergebenen Filmen sind die Kinder zu sehen, denen es offenkundig gesundheitlich schlecht geht. Die Aufnahmen sind schon älter, seitdem gibt es viele Ankündigungen und wenig nachvollziehbare Fortschritte. Noch in der vergangenen Woche hatte Salihs Stellvertreter behauptet, die Geiseln seien auf drei Provinzen verteilt - davon war nun keine Rede mehr.

Jemen

Die Entführung ist untrennbar mit dem Bürgerkrieg verbunden. Welchen Einfluss die Regierung im umkämpften Norden des Landes rund um Saada hat, ist unklar. Die Huthi-Rebellen, die als Vermittler eingeschaltet sind, haben eine eigene Agenda. Sie wollen politische Zugeständnisse, die Staatspräsident Salih vermeiden möchte. In einem Land wie dem scheint deshalb alles möglich: eine schnelle Freilassung der Geiseln ebenso, wie ein Propagandacoup des Präsidenten, der ohne Folgen bleibt.

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